Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063580--07145-3074205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8. Die Wahrheit Seite 11. Wien. (B e t - H a in i d r a s ch „Talmud-Thora", II., M a l'z g.a s s e 16.) Freitag-Abend-V orträge: Am 24. Februar Herr Rabbiner H. Schenk: „Die Psalmen." Am 3. März Herr 'Professor An ts ch erl: „Meister und Meisterwerke hebräischer Dichtkunst." Beginn jedesmal um 7 Uhr 30 Min. Wien. Der humanitäre Geselligkeitsverein „Ideal", zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder (Sitz: „Cafö Mocca," Wien, I. Schöttenring 12) . veranstaltet Samstag, den' 25. Februar 1911 int Saale des „Cafs Folly." I. 'Gonzagagasse 11 eine Bortrags-Akademie unter gefälliger Mitwirkung des Dichters „Beda" (aus eigener Werkstatt) und anderer beliebter Kunstkräfte. Preiskegelschieben mit anschließendem Tanzkränzchen. Beginn 8l/2 Uhr abends. Einfache Kleidung. -Regiebeitrag 60 Heller. Wien. Im Vereine der Sabbatfreunde erösfnete Dienstag, den 21. d. M. Herr Rabbiner Dr. M. Jung ans Ung.-Brod den Zyklus der povnlären Borträge über das Thema: „Was uns nottut!" Nach einigen -einleitenden Worten über die Bedeutung des Sabbat als Objekt des Idealismus charakterisierte Herr Dr. Jung in treffender Weise die Zustände des heurigen Judentums. Die Zerrissenheit und Zersplitterung in Parteien, die Indolenz und Apathie in religiösen Dingen, die Verflachung in hohler Scheinkultnr, das Kulminieren des allgemeinen Interesses in Tempel.bauten und empfahl als einzig wirkendes Gegenmittel: das intensivere Stndiunl unserer Lehre und der jüdischen Geschichte, was aber nur in konfessionellen Anstalten für die Jugend möglich sei. Der gediegene und gedankenreiche Bortrag, der nahezu eine Stunde währte, machte einen überwältigenden Eindruck und folgte ans denselben nach kurzer Pause eine eingehende Diskussion, an der sich die Herren Rabbiner Reich ans Wien, Dr. F u n k aus Preßbnrg, Restaurateur Pinkas und Redakteur B e t r e l h e i in beteiligten. Wien. (I ü d i s ch e T o y n b e e - H a l l e), Wien, XX., Othntargasse 46. W o ch e n p r o g r a m m vom 25. Feber bis 3. März 1911: Samstag. 25., Konzert. Sonntag. 26., „Die Falaschas." (Mit Lichtbildern.) Rabbiner Dr. Rose n in a tut. Montag, 27., D'Ji'raelis Charakter und soziale Weltanschauung. Cand Phil. I. Krug. Dienstag. 28., „Geschichte der Juden in Oesterreich." (Zyklus.) Dr. K. K u p s e r. Mittwoch, 1. März, ' Popper-Linkeus Schriften. Kustos Dr. B. Wach st ein,' Donnerstag, 2., Grillparzer und sein Werk. Professor Dr. Lndw. Singer. Freitag, 3., Bibelvortrag. . Czernotvitz („D i e Makkab ä e r.") Anläßlich des Gründungskonzertes des jüdischen Gesangsvereines wurde das Werk eines jüdischen Komponisten, des Oberkautors Abraham Chaitmanns aus Suczawa, aufgeführt. „Die Makkabäer", eine Kantate in drei Teilen. für Soli, Männerchor und Orchester ist das erste klassisch-jüdische Werk, das sich die Geschichte der Makkabäer zum Thema genoipmen hat. Das aus 20 Mann bestehende Orchester fand allgemeine Bewunderung, den Höhepunkt der Aufführung jedoch bildete der zweite und insbesonders der letzte Teil der Kantate, wo die ausgezeichneten Solopartien (gesungen vom Opernsänger A r n o l d und cand. iur. Schächter) den größten Beifall hervorriefeu. Der Schluß zeigt in seinen schwierigen Partien von der wahrhaft künstlerischen Ausbildung des'Komponisten. Das Stück hat nicht nnr beim Publikum einen vollen Erfolg gehabt, sondern auch alle Musikkenner (so .Herrn Musikdirektor Schlüter im „Tagblätt") begeistert. Der Text ist hebräisch. Das Werk eignet sich vortrefflich zur Aufführung bei Makkabäerfeiern, wodurch der oft empfundene Mangel einer guten, echten jüdischen Musik behoben würde. Kin Kpikores. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Niemals! Mein Wort darauf. So paradox es klingen mag — aber ich fühlte mich niemals mehr Jude, als auf der Stelle, wo auf hunderte Meilen keine jüdische Seele lebte. Da -empfand ich meine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke wie noch niemals vorher^ Ich wette wenn, mich damals der vergiftete "Pfeil eines wilden Eingeborenen getroffen hätte, ich gewiß mit einem Scli’ma Israel auf den Lippen gestorben wäre. Derselbe Ludwig Braun, dem in der Kindheit die härteste Strafe nichts dazu, vermocht hatten, das Nachtgebet zu sprechen." „Das ist seltsam!" unterbrach Martha den Doktor. „Und doch ist es so! Das verfolgte, verachtete Judentum übt einen unwiderstehligen Zauber auf diejenigen aus, die darüber Nachdenken. Und das tat ich, so weit entfernt von jeder jüdischen Seele. Ich sagte mir: Wenn diese Nation, trotz so vieler Verfolgungen und Unterdrückungen, die allen großen und mächtigen Völker des Altertums überdauert hat, wenn sie sich trotzdem noch weiter erhält, trotzdem so viele in ihr leben, die gleich.mir Apikores genannt werden, so hat diese Nation einen ethischen Grund und es wäre ebenso lächerlich als feige, ffich von ihr loszusagen. Doch Pardon! Nicht nnr nicht zu erzählen bin ich zu Ihnen gekommen, auch nicht zu philosophieren, sondern aus einem andern Grunde." „Doch hoffentlich, um mich wiederznsehen?" „Das nebenbei. Hauptsächlich führt mich eine Bitte zu Ihnen. Hoffentlich habe ich heute mehr Glück ans Gewährung als vor Jahren, als ich von Ihnen schied." „Sie wollen doch nicht darauf znrnckkommen?" „Nein, da bin ich zn klug dazu. Etwas anders ist es. Ich war heute ans dem Friedhof, um einen Grüberbesuch zn machen. Da sah ich ein frisch aufgeworfenes Grab. Martha war bei diesen Worten des Doktors tief erblaßt und zitterte. „Was sehe ich Martha, Sie sind nervös geworden? Die Erwähnung eines Grabes macht Sie erbeben." „Nein, etwas anders ist es, erzählen Sie weiter, mein Freund!" „Auch dieses Grab hatte Besuch. Doch war es kein kräftiger Mann, gleich mir. der sich selber fortbringen kann, und der den Tod' als etwas Selbstverständliches, Unausbleibliches ansieht, sondern ein zartes Menschenkind, das gänzlich verwaist und verlassen in ungestillter Sehnsucht nach den Dahingeschiedenen zu verschmachten droht. Es mar dies der kleine Leo, das gänzlich verwaiste Kind des närrischen Doktor. Da entstand in mir das intensive Verlangen, mich dieser nnentfalteten Meuschenblüte anznnehmen. um sie vor dem Untergange zu bewahren. Aber was soll ich armer, heimatloser Junggeselle beginnen? Ich muß fort aufs Meer, in fremde Lande, unbekannten Gefahren entgegen. .Weiß ich denn, ob mich nicht unterwegs mein Schicksal ereilt? Bevor ich weggehe, will ich für das weitere Schicksal dieses Kindes sorgen." „Wie ich höre, ist das Kind geborgen." „Ja bei der Frau Münzer. Ich kenne das. Daselbst kann aber der Knabe nicht bleiben, soll er nicht an Leib und Seele verkümmern. Da habe ich an Sie gedacht, Martha!" „An mich, warum gerade an mich?" „Weil ich Sie für geeignet halte, dem Kinde die verlorene Mutter zn ersetzen, und es Ihnen dabei auch an der bei einem Kinde notwendigen Strenge nicht fehlen zn lassen. Sie sind ja Lehrerin, eine tüchtige Pädagogin." „Nein, um Gotkeswilleu, verschouerk Sie mich mit dieser Aufgabe! Ich kann diese Pflichten nicht übernehmen, ich kann wahrhaftig nicht? „Warum nicht?" „Fragen Sie nicht, lieber Doktor! Lassen Sie sich an den Worten genügen: ..Ich kann nicht, .ich darf nicht." „Ist dies Ihr letztes Wort, Fräulein Martha?" - „Herr Doktor, ich will für die arme Waise tun, was in meiner Macht steht. Halten Sie mich nicht für herzlos." „Was wollen, was können' Sie für das Kind tun?" „Ich werde für eine paffende Unterkunft für den Kleinen sorgen, und aus eigenen Mitteln den Mehrbedarf für ihn zahlen. Ich bin nicht so mittellos, wie Sie glauben, ich habe genügendes Vermögen. Ich will alles opfern, aber ihn immer um sich haben, das kann ich nicht, das übersteigt meine Kräfte." „Behalten Sie ihr Geld, Fräulein. dessen bedarf ich nicht. Ich werde bei einem hiesigen Advokaten eine Summe deponieren, deren Zinsen für die Bedürfnisse eines Kindes ausreichen. Das Kapital selbst verbleibt ihm als Mittel znm einstigen Fortkommen im Leben." „Das ist edel von Ihnen gehandelt, wahrhaft großmütig." „Das glaube ich selber," sagte der Doktor in gewohntem Sarkesmus, der ihn selbst bei dieser ernsthaften Unterredung nicht verließ. „Diese Angelegenheit hält mich länger zurück, als ich gedacht, denn ich muß alles in Ordnung bringen, bevor ich auf lange, vielleicht auf immer scheide. Also wie Sie sehen fehlt es an Geld nicht. Was ich für den verwaisten Knaben brauche, das ist Liebe, und diese soll er bei Ihnen finden." (Fortsetzung folgt.) Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, XI., Circusgasse 47. Ordination YOn 9—6. Telephon 18390. -&ZSS&r£S3&

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.