Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 6. Znaim. Sonntag de» 29. Jäuuer fand unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder nuferes Fraueilwohltätigkeits-Bereiues die 30. ordentliche Generalversammlung statt. Unsere Präsidentin. Frau Louise Brüll, begrüßte herzlichst die erschienenen Damen und hielt einen ans- -führlichen Rückblick ans das verflossene Vereinsjahr. Mir einem herzlichen Dank für die Spender und Mitglieder des Vereines schloß sie ihre Ansprache, welche attf alle Anwesenden euren ergreifenden Eindruck hinrerlassen hat. Es fand Heuer eine Neuwahl statt und wurden die Damen Kran Louise Brüll Präsidentin; Frau Julie Pisker Bizepräsidentin; Frau Ernestine Weiß Kassierin; Frau Sofie Wotzilka Kontrollorin; Frau Dr. Helene K a h a n Schriftführerin. Die Frauen Mathilde B l n m, Clara Singer. Mathilde K o h n. Johanna W > l t s ch e k. Rosa M e tz l, Fanni W e i n b e r g e r in den Vorstand gewählt. Zn Revisorinnen Frau -Herrn. Weiner. Frau Prager. Man beschloß auch heuer wieder zu Purim eine große Konzerr-Akademie mit Tanzkränzchen zu veranstalten. Ztvittau (Mähren.) Eine schöne Familienfeier, die sich zu einer Gemeindefeier gestaltete, fand Samstag, den 4. Februar in unserem Tempel statt. An diesem Tage feierte der jüngste Sohn unseres allvereürten Kantors Ch. E h r l i ch seine Konfirmation, zu welcher sich der -Herr Vorsteher und dessen Stellvertreter, sowie zahlreiche Gemeindemilglieder im Gotteshunse einfanden. Der Konfirmand, ein äußerst begabter Mittelschüler, trug die Haftorah mit schöner Stimme und vielem ' Verständnis vor. Besonders erhebend war die Ansprache des Herrn Rabbiners Dr. Kanter, in der er auf die Beliebtheit und die Achtung, deren sich Herr Kantor Ehrlich und seine Familie in der ganzen Gemeinde erfreuen, hinwies und den jungen Konfirmanden ermahnte, dem schönen, religiösen Beisviele seiner frommen Eltern zu folgen. Nach dem Gottesdienste 'herrschte bis spät am Abend ein reges Leben im Hanse unseres Kantors, wo sich alle Mitglieder unserer Gemeinde einfanden, um ihre Glückwünsche und den Ausdruck ihrer Sympathie zn übermitteln. Der Konfirmand wurde bei dieser Gelegenheit von allen Angehörigen der Gemeinde reichlich beschenkt. li. N. Bisenz. Für die hiesige Kultnsgemeinde wurde Herr Semitin ans Neunkirchen (Schüler des Oberkantor Bauer, Wien) als I. Kantorgewählt. Koritschan. Herr I. K o r n b l u m (Schüler des Oberkantor Bauer, Wien) wurde hier als Kantor akzeptiert und hat derselbe sein Amt -bereits augetreten. Feuilleton. Kin Apikores. Von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) II. Der Fremde führte den kleinen Lev bis zur Türe seiner ^gegenwärtigen Wohllnng und begab sich in ein nahes Restaurant, mm ein Gabelfrühstück einznnehmen. Der weite Weg hatte ihm Appetit gemacht. Der Speisesaal war zu dieser frühen Stunde noch wenig besucht. Nur zwei Herren saßen an einem Seitentischchen bei einem Glase Wein. Der neue Ankömmling wurde von ihnen gleich erkannt und lebhaft begrüßt. Dieser nahm an deren Tische Platz, nachdem er von dem altern, 'einem Herrn Fischer, dazu ansgefordert worden war. „Wie kommen Sie hier her, Herr Doktor? Man glaubte Sie hier ans hoher See, unbekannte Welten zn entdecken — statt dessen sind Sie hier bei Holzers Gabeln." „Bin eben im Begriffe abznsahren. Wollte noch vorher die Gräber der Eltern besuchen, man weiß ja nicht bei meiner 'Lebensweise-, ob es noch einmal dazu kommt." „Sie gehen ans ILsvicer Awos, Sie ein Apikores, ein Freidenker?" „Sie tun mir mit dieser Bezeichnung zn viel Ehre an. Mein Geist ist gegenwärtig noch nicht so hoch entwickelt, um dieser glorreichen Benennung.würdig zu sein." „Sie schämen sich ihrer also nicht?" „Wäre ich es, oder dürfte ich hoffen, es jemals im vollen Sinne des Wortes zn werden, wenn ich mich des Namens Freidenker schämte? Aber lassen wir das! Man geht zu Holzer, um da gut zn essen, nicht um zn philosophteren. Ich bin erst gestern Abend hier angekommen. Was gibt es Neues? Oder nichts?" „Doch etwas Besonderes. Gestern hat man den närrischen Doktor zn Grabe getragen." : „Wen?" „Nun, den närrischen Doktor." „Wer war das?" „Sie wissen nichts von ihm? Nun, da muß ich in meiner Erzählung weit ansholen. Bor einigen Jahren ist in einer hiesigen Zuckerfabrik ein neuer Chemiker ausgenommen worden, welcher, wie es hieß, einstmal ein tüchtiger Arzt gewesen sein soll und sich von jeher viel mit Chemie abgegeben hat. Es hieß, sein junges, schönes Weib sei ihm mit Gauklern davongelausen unb hat ihm ein kleines Kind znrückgelassen; das habe er sich so zn Herzen genommen, daß er davon überschnappt ist. Nun, welcher Kranke wird sich einen Doktor nehmen, der nicht just im Kopfe ist? Da ist er aus Mangel an Patienten selber krank geworden, nämlich schwindsüchtig in der Tasche. War zuletzt froh, daß er aus Protektion in der Fabrik als Chemiker nuterschlupfen konnte." „Was ist ihm geschehen?" frng der Doktor. „Ja. dies wird immer ein ungelöstes Rätsel bleiben. Es heißt, daß er zur Zeit, wenn es in der Fabrik für einen Chemiker tiichts zn tun gibt, wie znm Beispiel jetzt, weitere chemische Studien betrieb, und ans eigene Faust chemische Experimente gemacht hat. Er wollte irgend ein Arkanum entdecken. um das menschliche Leben zn verlängern, dabei sei aber etwas im Gas explodiert und er ans Stücke gerissen worden. Einige Qnerköpse aber meinen, es sei dies nicht so ganz zufällig gewesen. Die Finanzen des närrischen Doktors seien zerrüttet gewesen und er habe sich nun ans eine wissenschaftliche Weise ans diesem Jammertale hinansexpediert. Sie verstehen doch, Herr Doktor?" „Vollkommen! Und das Kind, lebt es?" „Das ist ein Bengel von acht Jahren, ebenso verschroben wie der Vater war. Nun, die Frau Münzer wird mit ihm zu tun haben." „Bei weicher Münzer ist er denn? Es gibt mehrere Familien dieses Namens." „Sie werden doch nicht glauben, daß er bei der angesehenen Fabrikantin Münzer oder gar bei der Frau des Vorstehers. welcher so heißt, nntergebracht ist.. Diese noblen Leute würden sich schön .für eine solche Bescherung bedanken. Den Jungen hat mau bei der Schamiste von den frommen Weibern in Verpflegung gegeben. „Also gibt es hier auch fromme Weiber? Das wußte ich nicht!" Herr Fischer mochte den Sarkasmus, der in diesen Worten lag, nicht heransgefundeu haben, denn er antwortete ganz ernsthaft: „Ja gewiß! Der Fraueuverein, der sich hier gebildet hat, führt den Namen: fromme Weiber. Der Verein hat sich des ganz verwaisten Knaben angenommen und ihn zu seiner Schamiste in Erziehung gegeben." „Wo er vermutlich brillant erzogen wird," warf der Doktor ein. „Es war ihr," fuhr Fischer fort, „wie ich höre, nicht einmal lieb, aber da sie von dem Verein abhängig ist, konnte sie nicht nein sagen." „Ist denn nach dem Chemiker gar kein Vermögen geblieben?" „Bares schwerlich. Er war zu Gunsten seines Kindes bei einer Lebensversicherung asseknriert, aber jetzt weiß man nicht, ob diese verpflichtet ist, die Bersichernugssnmme ansznzahlen, wenn es sich um einen Selbstmord handelt." „Ist es denn sicher, daß ein Selbstmord vorliegt?" Fischer zackte die Achseln. Wer kann das mit Gewißheit sagen? Es wird jedesmal zn einem Prozesse kommen. Wie der ansfällt, wer könnte dies mit Gewißheit sagen?" Der Doktor hatte genug gehört. Er halte auch indessen sein Gabelfrühstück verzehrt und bezahlt. Nun verabschiedete er sich von seinen Bekannten und verließ das Lokal. (Fortsetzung folgt.) Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination toh 9—0. Telephon 18399.