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Die Wahrheit · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite 11. Nr. 5. Die Wahrheit Km Apikores. Babette Fried,. Prag.. Es gibt wohl keinen trostlosereii Anblick als ein trauerndes -Kind; schon darum, weil, es etwas sehr unnatürliches ist. Denn naturgemäß soll im Kinderherzen Frohsinn und Freude herrschen. Wenn diese aber ans dem Killdergemüte geflohen sind, um Wehmut und Trauer an ihre Stelle treten zn lassen, so ist es nicht anders; als hätte sich in dein kleinen Kölner eine Art von Seelenwanderung vollzogen. So oder ähnliches mochte ein Herr gedacht haben, welcher vor der Eingangstüre zn dem alten Friedhofe einer böhmischen Landstadt einen etwa achtjährigen Knaben sitzen sah, dessen gerötete Augen und blasse, tränenfeuchte Wangen von einem liefen Grame zeugten. Dieser taufrische, helle Sommermorgen, -welcher zn Lust und Frohsinn einzuladen schien. und diese gram- .gebengte Kindergestalt — welch ein Kontrast! Um diesen Gegensatz noch schärfer hervortreten zu lassen, hielt dieser Knabe eine -tanbenetzte, kaum erblühte Rose in den Händen — eine fast gebrochene Menschengestalt, und diese strahlende Blnmeupracht! . Der Herr, der eben im Begriffe war, mit einem wuchtigen Schlüssel die Friedhvsstnre auszuschließen, blickte eine Weile -gerührt ans den Knaben, dann sprach er ihn an: „Was tust du hier, Kleiner?" „Ich möchte hinein zum guten Ort." „Warum gehst du also nicht?" „Ich habe keinen Schlüssel und warte hier bis jemand kommt und mich mitnimmt." „Da hast du es gut getroffen, mein Kind, daß mich der Zufall hiehergeführt, sonst hättest du vielleicht lange warten müssen, bis jemand kommt. Was aber tvillst du eigentlich dort tun?" - „Sie haben gestern meinen Vater begraben, und er hat nicht eine Blume aufs Grab bekommen; da habe ich heute diese "Rose gekauft und bringe sie ihm." Offenbar hatte der Knabe allen Vorrat au Tränen schon verschwendet, denn er. vergoß keine einzige bei diesen im bittersten Grame vorgebrachten Worten. Seinem Zuhörer ging dieses tränenlöse Weh des Kindes zu Herzen mit) er frag teilnahmsvoll : ,,Warum hat deine Mutter nicht für Blumen gesorgt, Mder eure Freunde?" „Ich habe keine Mutter, mehr, und Freunde haben wir auch keine." Gerührt von der gänzlichen Verlassenheit des verwaisten Kindes, faßte es der Fremde an die Hand nnd führte es durch -das inzwischen geöffnete Tor in den Friedhof. „Führe mich zn dem Grabe deines Vaters, liebes Kind!" sprach er freundlich. Bald standen die Beiden vor einem frisch aufgeworfenen -Grabhügel. „Also da liegt dein Vater. Lege die Rose auf das Grab, verrichte ein Gebet und dann komme mit mir." „Was soll ichbeten, ich weiß nicht, was manan einem 'Grabe beten soll." „Ich auch nicht. Bete, was dir dein Herz eingibt, es .wird schon das Richtige sein." Der Knabe faltete andächtig seine Hände und sprach halblaut vor sich hin: „Lieber Papa! Du hast es gut im Himmel, bist bei der lieben Mutter. Sei so gut, nimm auch mich bald hin. damit ich b-ei Euch bin, denn ich habe hier niemanden, der mich lieb hat. Die Hanne ist gleich gestern fort und die Frau Münzer kann mich nicht leiden, ich bin ihr immer im Wege. Also vergiß es nicht und nimm mich bald zu dir. Mir ist sehr bange nach -dir und grüße mir die liebe Mutter."- , . Wer weiß, was das verlassene Geschöpf noch alles dem Vater im Grab erzählt hätte, wäre er nicht von dem Herrn unterbrochen worden.: - . „Schon genug, mein Kind, du darfst deinem Papa das -Herz nicht schwer machen, ein anderes Mal erzähle ihm das andere. Jetzt komme mit mir.. Ich will meinen Eltern einen Besuch abstatten, dann gehen wir mitsammen fort." Auf diesem jüdischen Friedhöfe hatte sich schon die neue Sitte — oder sollte es Unsitte heißen? eingebürgert, die Gräber mit Blumen zu schmücken. Die Gräber, welche der Fremde jetzt anfsnchte, waren ebenso wenig mit Blumenschmuck versehen, als drüben der neu aufgeworfene Grabhügel. Der Herr legte auf jeden Grabstein ein kleines Steinchen, das er - in der Tasche mitgetragen hatte und sagte tröstend zn seinem kleinen Begleiter: „Schau, auch das Grab meiner Eltern weist keine einzige Blume auf, nur Steine habe ich darauf gelegt, Steinchen, die ich von weither gebracht habe, aus Palästina, dem heiligen Lande; es ist Pflicht der Kinder, das Leben der Eltern mit Blumen, natürlich im figürlichen Sinne zn schmücken; nach dem Tode brauchen sie keine Blumen mehr, da genügt ein kleines .Steinchen, als Zeichen treuen Angedenkens." Auch er hatte kein Gebet verrichtet. Ob er, gleich dem kleinen Knaben seinen im Grabe ruhenden Eltern etwas mitgeteilt hatte, das hätte niemand zu erkennen vermocht, denn seine Lippen bewegten sich nicht, als er, an den Grabstein gelehnt, mit tränenfeuchten Augen die Stelle betrachtete, die das umschloß, was ihm im Leben lieb und teuer gewesen war. Als sie die heilige Stätte verlassen hatten, wandte sich der Herr zn dem Knaben mit der Frage: „Wie heißt du mein Kind?" „Leo Friedländer." „Und wer war dein Vater?" „Mein Vater hieß Doktor Jakob Friedländer, er war Chemiker in. einer hiesigen Zuckerfabrik." „An welcher Krankheit starb er?" „Er war nicht krank, nur immer so traurig. Aber es ist ihm etwas in der Fabrik geschehen, davon starb er." „Wo wohnst du jetzt?" __„Unser Zimmer haben sie zngesperrt, und die alte Hanne weggeschickt, und die Frau Münzer nahm mich zn sich." Ans dem Knaben war nichts mehr heranszubekommen. Offenbar wußte er selber nicht mehr. (Fortsetzung folgt.) Notiz. Allgemeine Depofiten-Bank. Zufolge des auf Grund des § 3 der Statuten gefaßten Befchlnsfes des Verwaltungsrates der Allgemeinen Depofiten-Bank vom 20. Januar 1911 wird das Aktienkapital der Gesellschaft von 20 Mill. Kronen ans26Mill. Kronen erhöht und es gelangen zu diesem Zwecke 15.000 neue mit je K 400 — vollein gezahlte Atti en zur Ausgabe, welche an dem Erträgnisse der Bank voui 1. Januar 1911 an partizipieren. Auf Grund der dem Verwaltungsrate znstehenden Ermächtigung wird den Inhabern der dermalen im Umlaufe befindlichen 50.000 Aktien (Nr. 1—50.000) das Bezugs recht auf 7143 Stück der neuen Aktien unter folgenden Bedingungen eingeräumt: 1. Je 7 Stück der alten Aktien geben das Anrecht zum Bezüge je einer neuen Aktie. Auf weniger als je 7 alte Äktieu wird kenr Bezugsrecht gewährt. 2. Der Bezugspreis ist mit X 495.— per Aktie, zuzüglich der vom 1. Januar 1911 laufenden füufprozentigen Zinsell nach dem Nominalbeträge von -K. 400.—. festgesetzt. 3. Die Anmeldung des Bezugsrechtes hat bei fonstigem Verluste desselben vom 13. Januar 1911 bis inklusive 31. Januar 1911 bei der Effekten-Kasse der Allgemeinen Depofiten-Bank, I„ Schotrengasse 1, bei den Wechselstuben derselben: I., Teinfaltstraße 2; II., Taborstraße 8; IV.. Rainerplatz 2; VI.. Mariahilferstraße 89; VII., Nenbaugafie 44; XIV.. Svarkasfeplatz 6; bei der Filiale in Steyr, Oberösterreich, bei den Herren Berthold M. Schlesinger & Co.. Budapest, Baczi-Körut 48, und bei den Herren Kaswin, Rohatyn & Co. in Stanislan während der Gefchäfrsstuuden, d. i. von 9—12 Uhr vormittags und von 2—4 Uhr nachmittags, zu erfolgen. 4. Aktionäre, welche.das Bezugsrecht auszuübeit beabsichtigen, haben dasselbe mittels einfacher Konsignation, für welche Formularien bei den Anmeldungsstellen ansgefolgt werden, anzumelden und unter ei,rem die zum Bezüge berechtigenden Aktien (ohne Konvonsbogen) beizubringen, welche nach Vornahme einer die erfolgte Ansübung des Bezugsrechtcs ersichtlich machenden Abstempelung zurückgestellt werden. 5. Bei der Anmeldung sind auf jede zu beziehende neue Aktie X 95.— bar einzilzahleii. über welche Zahlung Empfangsanzeige erteilt wird. Der Restbetrag von K 400.— ist nebst den vom 1. Januar 1911 bis zum Zahlungstage laufenden füufprozentigen Stückezinsen vom 1. April 1911 bis spätestens inklusive 30. April 1911 bei derselben Stelle, bei welcher die Anmeldung des Bezugsrechtes erfolgte, auf einmal bar einzuzahlem Bei Leistung der Resteinzahlung ist die Bestätigung über die erste Einzahlung zurückzustellen und es werden dagegen die entfallenden neuen Aktien mit Dividendenkoupons, deren erster für daS Geschäftsjahr 1911 gilt, ausgefolgt.

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