Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Wie», II/, Novaiagasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIII. Unabhängige Aertfchrift für Mische Verngspreis: iMuuaiäbviii.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938/II. Ä. f. osterr. Postsparkassa- Schect-Konio Nr. 100.918. Interessen. Für Kiilliisbeaiitte: Ganzjährig.K 10. — Inserate: Die viermal gespaltene * Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ilreitag. Für Ausland: Abonnementsnnd Jniertionö- Äauziavrig.8 Mark betrüge sind in Wie» zahlbar nnd klagbar. Mottl): „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 Mulm oder hi Frcs. N». 4 Wie«. 27. Jänner Inhalt: Rabbiner Dr. A. Schmiedl. — Und dies sind die Namen der Kinder Israels. — Die Enquete über die Noclage der Inden in Galizien. — New-Iorker Brief. — Die Juden in der Technik» der Kunst und der Wissenschaft und als Forscher» Entdecker und Erfinder. — Tempelverein für Wieden und Margarethen. — Verschiedene Nachrichten. — Austritte ans d m Judentum. Rabbiner Dr. A. Schmiedl. Z u seinem neunzigsten Geburtstage. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Das Wort des weisen Königs Salomo: pbrn ap-ix 2122 rrnp' „wenn es Frommen und Edlen gut gehl, freut sich die Stadt," wird diesmal eine Erweiterung erfahren. Denn weit über die Grenzen unserer großen, altehrwürdigen Kultusgemeinde hinaus wird das neunzigste Geburtstagsfest des Seniors der Wiener Rabbinen freudigen Widerhall finden. Nicht etwa bloß das nur wenigen Sterblichen vergönnte hohe Alter, vor allem die Persönlichkeit des Seelsorgers und die wissenschaftliche Tätigkeit des verehrungswnrdigen Jubilars sind es, die überall, wohin die Kunde von diesem Tage dringen wird, Gefühle der Liebe und Verehrung Hervorrufen werden. „.12-12 frcn Werde ein Segen, so sprach Gott zu Abraham, ehe er hinauszog aus dem Vaterhaufe, um die heilige Sendung, die ihm Gott bestimmte, anzutreten. Und in dem einen Worte war alles gesagt, war die ganze Größe der Aufgabe zusammengefaßt, der Abraham sein Leben zu weihen hatte und durch die sein Name fortlebt im Munde aller." Dieser Satz, ans dem Meisterwerke „Sansinim“ stammend, könnte am ehesten den Lebenslauf Dr. Schmiedls, dessen hebräischer Vorname der des ersten Patriarchen ist, kennzeichnen; einen Lebenslauf, dessen köstlichster segensreicher Inhalt Arbeit und Mühe im Dienste des Judentums sind. Während seiner mehr als fünfzigjährigen seelsorgerischen Tätigkeit hinterließ er gleich einem helleuchtenden Sterne in den Gemeinden, in freuen er gewirkt, bis zur Stunde nicht erloschene Lichtspnren. Und wie erst strahlt klar sein Name in der Leopoldstadt, wohin er nach erfolgter Einverleibung der Vororte berufen wurde! Vom Heiligtume in Jerusalem wird das Wunder berichtet: a’rm winnVvi B’sisx a'-ivip daß die im Gotteshanse andächtig Versammelten gedrängt standen und frei sich bückten. Dies Wunder konnte man auch im großen Tempel der Leopoldstadt beobachten, so oft Dr. Schmiedl die Kanzel bestieg, um das Wort Gottes zu verkünden; alles drängte nach vorne und stand eng. Kopf an Kopf, um den Meister von Angesicht zu Angesicht sehen zu können, um jedes seiner Worte besser zu erlauschen, und alle bückten sich bereitwilligst vor der Größe seines Geistes, vor der Milde seines Wesens, vor der Würde seiner Persönlichkeit! Worin liegt der Zauber dieses Erfolges? Wir glauben keiner Uebertreibnng uns schuldig zu machen, wenn wir diesen auf die harmonische Vereinigung jener Eigenschaften znrückführen, die Rabbi Jochanan ben Sakkai einzeln jedem seiner Schüler zuschreibt. .1212 -rasa irsw td 112 Einer Kalkgrube, die keinen Tropfen entschwinden läßt, gleicht sein wunderbares Gedächtnis. Wer noch jetzt Gelegenheit hat, ein Stündchen in der beseligenden Nähe des edlen Greises zu verbringen, staunt nicht bloß über die Frische seines Geistes, sondern auch über die Beherrschung der entlegensten Wissensgebiete, über das unerschütterliche Erinnerungsvermögen, das mit sich gleichbleibender Kraft jeden Vers und jeden Gedanken festhält. Die zweite Eigenschaft rst -ejnan praa die einer stets zunehmenden Quelle. Da rieselte und sprudelte es ununterbrochen bald auf philosophischem Gebiete, („Studien über jüdische, i n s 0 n d e r s jüdisch-arabische R e l i g i 0 u s Philosophie," „ S a a d j a-A l f a j u m i"), bald auf kulturhistorischem („W a n n i st die erste C h e w r a - K a d i s ch a e u tst a n d e u?"), bald auf biblischem und philologischem („Hiob, das älteste Buchdrama der Weltliteratur," „E i n e D e n k s ch r i f t auf Dr. Julius Fürst und dessen sprachwissenschaftlichen Standpunkt.") Und wie fruchtbar war seine Tätigkeit auf homiletischem Gebiete! Es genüge nicht bloß der Hinweis, daß die „Sansinim“, Betrachtungen zu den fünf Büchern Moses, in nicht länger als acht Tagen — wie der ehrwürdige Jubilar dem Verfasser dieses selbst mitteilte — e n t st n uden s i n d, die Gedankenfülle einer jeden feiner Predigten drängte sich von selbst jedem Zuhörer auf. Dr. Schmiedl durfte von sich im Gegensatz zu vielen anderen behaupten: a’-nab pwb 'b ja: *n Gott gab mir eine mit reichem Wissen verbundene Beredsamkeit. „Sprechen" kann so mancher, wie dies seinerzeit eine hervorragende führende Wiener Persönlichkeit richtig bemerkte, allein nicht jeder, der die Kanzel besteigt, vermag auch zu predigen. Den Prediger, den D a r s ch a n machen eben nicht paar Gesten und leichtfiießende Redefloskeln aus, sondern ama*? „d a s Lernen," die Wissenschaften, die gründliche Beherrschung der biblischen, talmudischen und jüdisch-philosophischen Werke! Ein solch gottbegnadeter. aus dem Vollen schöpfender Darschan istDr.Schmiedl. Gleichwie der Taucher auf dem Meeresgründe die Perle sucht und hebt, so holte Dr. Schmiedl aus den verborgensten Tiefen des Talmud und der Midraschim die herrlichsten Perlen seiner „Maschalim" hervor, die er dann in anmutiger Fassung seiner Gemeinde vorführte. Bedürfen noch die beiden anderen, an den Schülern des Ben Sakkai gerühmten Eigenschaften der besonderen Erwähnung; bedarf es der besonderen Hervorhebung, daß Dr. Schmiedl ein