Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 2. Oesterr.-nugar. Kantoren-Zeitung »Seite 9. Die Herren Kantoren werden um umgehende Einsendung des Abonnementsbetrages ersucht. Der Dorketer in der Vergangenheit, Gegenwart «nd Ankunft. Bei der jüngsten Tagung des Verbandes der jüdischen 'Lehrervereine im deutschen Reiche, die in den letzten Tagen des 'Monates Dezember in Frankfurt stattfand, wurde das obige Thema, das zufälliger Weise fast zu gleicher Zeit Oberkantor B alter im Wiener Kantorenklub eingehend behandelte, in einem überaus interessanten Vortrage des Herrn S. B. Levy- Franksurt, den wir auszugsweise im Nachfolgenden widergeben, .zur Diskussion gestellt. Einleitend bemerkt der Redner, daß es notwendig sei, zunächst sich mit der Geschichte des Berufes zu befassen. Sie zeige aber, wie man mit Wehmut seststellen müsse, nur sandige Wüsten, starre Schneefelder und tote Meere. Zur Zeit des Tempels gab es noch keine Bernssvorbeter, -auch nicht in den Synagogen. Seit Einsetzung des 18 Gebetes .gab es den Schliach Zibbnr in seiner ursprünglichen Gestalt aber nur der Diener der Tesilloh, der Vorsänger. Die Bedeutung der Vorbeter wuchs mit der abnehmenden Kenntnis -der Thora. Im 8. und 9. Jahrhundert erscheint der Bernssvorbeter, 'der im 10. Jahrhundert bereits eine hohe Bedeutung hat. Der Vorbeter hatte in dieser Zeit Einstuß aus die Gestaltung des Ritus. Im Mittelalter ist der Vorsängerdienst in Verfall gekommen wegen des zu großen Wertes, welchen mau dem Singen beimaß. Man legte nur Wert ans eine schöne Stimme. Die Zeit Haydn's brachte die Meschorerim, als Ersatz der Instrumente. Im 18. Jahrhundert strahlt der Frankfurter 'Lippschntz vor. Anfangs des 19. Jahrhunderts war der Vorbeter ohne Bedeutung. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts .gab es wenig würdige Vorbeter. Die Erlösung brachte Sulzer in Wien. Er ist ein Ideal. Er fand das Zweckmäßigste, nach gefügten Tönen zu singen. Er schuf den Musikstil. Der Redner besprach dann die amtliche Stellung der früheren Vorbeter, deren definitive Anstellung, ihre Gehalts- und Kündigungsverhaltnisse und die Verbindung des Kantor-, Lehrer- und Schächterdienstes. Damit leitete er aus die Gegenwart über. Die deutschen Kantoren sind: 1. Polnische Chasonim. Ihr Werdegang: Talmudgelehrtheit, gutes Auffassungsvermögen. 2. Deutsche, ehemalige Opernsänger mit Mangel an jüdischem Wissen mit oft mangelnder Moral. 3. Lehrer-Kantoren mit seminaristischer Bildung, welch' letztere jedoch allein nicht genügt. Aber charakteristisch ist die Verbindung von Kantor- und Lehreramt. Vor allem aber ist eine tüchtige Vorbildung nötig. Der Kantoren- und Lehrerverband haben sich denn auch der Sache angenommen. Vor allem muß aber aus den Lehrerseminarien eine bessere Ausbildung gegeben werden. Deshalb ist mehr Gewicht als bisher auf die Kantorausbildung zu legen. Außerdem siud Fortbilduugskurse nötig. Die Austellnngsverhältnisse zeigen kleinliche Beweggründe bezüglich Kündigung und Gehalt. Es gibt keine Pensions- und Reliktenversorgung in den Gemeinden. Die Hoffnung, die in Preußen ans das Organisationsgesetz gesetzt wllrde, wurde getäuscht. Es ist nicht entstanden. Die maßgebenden Kreise rechnen den Kantor zu den Kirchendienern im Organisationsstatut (§ 116). Die tiefe Bewertung drückt sich auch dadurch -aus. daß mau bei Anstellung eines Lehrerkautors nur auf die Stimme achtet. Dagegen muß im Namen des Judentums protestiert werden. An der geringen Einschätzung tragen die Kollegen insofern selbst die Schuld, als sie allerhand Nebeneinnahmen immer noch beziehen, die dem Mittelalter entstammen, z. B. Kowand jaum tanf-Geld. Schließlich sind mit dem Hauptberufe eine Anzahl Nebenämter verbunden, die nicht immer dazu sich eignen. Schließlich ist selbst Geschicklichkeit nicht allein die Hauptsache für einest Kantor; Hauptsache bleibt dabei noch die Führung desselben. Der Kantorenverband will die Ideale zu -erreichen suchen. ' Hierauf stellte der Referent folgende 6 Thesen auf, welche von der Versammlung nach beendeter Debatte en bloc angenommen wurden. 1. Der jüdische Vorbeter war von der Entstehung der jüdischen Synagoge an der Hauptfaktor in der tätigen Gottes- - Verehrung. Da er auch in Zukunft eine unentbehrliche erste Stellung im jüdischen Gottesdienste einuehmen muß, so sind an ihn bezüglich seiner moralischen und religiösen Lebensführung, seiner fachlichen und allgemeinen Bildung die höchsten Ansprüche zu stellen. 2. Nach Erkenutttis des Tiefstandes dieses Amtes in der Vergangenheit und der daraus für deu Gottesdienst entstandenen Schädigungen ist es Aufgabe der maßgebenden Faktoren in der Gegenwart und für die Zukunft diesen Hanptzweig jüdischen Gemeindelebens nicht nur in seinem augenblicklichen Emporblühen zu fördern, sondern der Ansbildnng und materiellen Sicherstellung eines den weitesten Anforderungen genügenden Vorbeterstandes eingehende Aufmerksamkeit zu scheuken. 3. Da gegenwärtig das Vorbeteramt erfreulicherweise vorwiegend mit dem Lehramte verbunden ist, ruht die Ansbildnng der jungen Kandidaten in erster Linie im Lehrerseminar. Nachdem durch eingehende Prüfung festgestellt ist, daß diese Vorbildung bisher dnrchgehends eine ungenügende war, ist von den jüdischen Lehrerbildungsanstalten in Zukunft eine weit gründlichere Vorbereitung auch für dieses Amt zu fordern. 4. Zur ferneren Ans- und Fortbildung, zur Schaffung einer Prüfungsbehörde wie auch zwecks Pflege des Synagogengesangsstyles und zur Begründung einer kantoralen Wissenschaft ist die Errichtung einer Kantoreu-Hvchschule eine unabweisbare Notwendigkeit. 5. Auch die Lehrervereiue und der Verband müssen Institutionen zur stetigen Fortbildung des Vorbeters unterstützen und schaffen. 6. Die bisher durchaus unzureichende materielle Lage des Vorbeterstandes ist zu heben s.) durch ein auskömmliches, festes, steigendes Gehalt ohne Hinweis auf herabwürdigende Nebenverdienste; b) durch nach kurzer Probefrist zu erfolgende, lebenslängliche Anstellung; c) durch entsprechende Pensionierung und Versorgung der Relikten. Die iVrstündigeu klaren und fesselnden Ausführungendes Herrn Referenten wurden mit gespanntem Interesse mit angehört und entfesselten einen langanhaltenden Beifallssturm. Es waren Wahrheiten, jedem ans der Seele gesprochen. Herr Justizrat Blau -Frankfurt widersprach der Auffassung des Wortes „Kirchendiener" uud würdigte es juristisch, sprach dann von der Unangemessenheit der Matonaus. von den Nebenämtern ilnd der Versorgung der Kantoren und empfahl, das Organisationsgesetz zu fördern. Herr' H o r o v i tz -Kassel drückte seinen Pessimismus zu den Forderungen ans. Dann sprachen Kollegen Werthei me r- Hardheim und Lehm a n n -Zimmern Herr Dr. Spanier- Münster verteidigt die Ausbildung am Seminar, während Kollege D r e y f n s-Heilbronn für eine Besserung in den Seminarien eintrat. Es sprachen noch Herr Fabisch- Göttingen für gründlichere Vorbildung und Herr L e v y s o h n - Hannover über gesetzt. Bestimmungen. Herr F l e i s ch m a n n - Frankfurt verlangt, daß der Kantor K ü n st l e r sein müsse, was die Versammlung ablehnte. Herr R a n s e n b e r g -Neuwied wünscht, daß der Gottesdienst kein Konzert sei. Herr Dr. G n t m a n n meint, die Kantoren könnten am besten sagen, was ihnen fehlt und wünscht, daß für die Seminarien ein Lehrplan aufgestellt werde. Danksagung. Für die anläßlich meiner 10jährigen Tätigkeit bei der Wiener Knltilsgemeinde mir erwiesenen Ehrungen spreche ich hiemit allen meinen Freunden und Gönnern, sowie Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Max Grnnwald, dem Präsidium des öst.-ung.Katttorenvereines,und allen liebwerten Kollegen meinen innigsten Dank ans. Kautor Jakob Schleifer. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18390.