Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 51 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Gelle 10. Die Wahrheit. Nr. 51 dieser gewisse Josua der Meinung ist, mit einer Frau zu sprechen sei eine riskante Sache. Auch mit seiner eigenen, erst mit der eines anderen! Wer dies ost tut, hat Nachteil davon, wird lässig, studiert nicht und die Hölle ist schließlich sein Lohn. — Nun siehst du, Unwissender, daß ich dein Tun mit Recht gerügt habe. Mit einer Frau zu sprechen ist eben verboten. Rabbi Josna sagt es. — Meinetwegen kann er es sagen — dachte Eisenstein.— Deshalb spreche ich dennoch bei Gelegenheit wieder mit Frau Nnßwald, welche, so meine ich, nicht befürchtet, daß ihr ein Gespräch mit einem Manne, die ewige Verdammnis bringe. Und kompetent in dieser'Sache ist wohl nicht der Rabbi Josua, sondern die Frau. Jedoch, er sagte das nicht. Er heuchelte bekehrt zu sein und sagte, es sei gut. Er täte es ferner nicht mehr. Er werde für der aus Frau Nnßwald nicht einmal mehr schauen. Stall dessen werde er über Josnas Wort Nachdenken. Es sei ein weises Wort, er sehe es ein. — Sinne nur darüber nach. — So eiferte ihn der Gefährte an und wahrnehmend, daß seine Mahnung gefruchtet hatte, setzte er das Studium dort fort, wo er es unterbrochen. Das Talmudbnch, das vor ihm lag, behandelte das Besitzrecht ltnb das ist ungemein interessant. Doch Dame Nnßwald besuchte das Zimmer ihrer Mieter so oft, daß endlich Felberbaum selbst Herzklopfen verspürte. — Besitz, Besitz ... — dachte er, — und schob das dickleibige Buch von sich — der Besitz einer Frau wiegt wobl den Besitz auf, um desfentwillen Zakkai und Gamliel vor 1800 Jahren grimmig prozessierten. Allein, obschon er solches dachte: Unser Freund Felberbaum, war noch weil davon entfernt auch nur zu versuchen, die Distanz zwischen sich und Frait Nußwald zu verengern. Gar zn religiös war der Gute. — Der Gedanke, sei er auch sündig, ist doch nur Gedanke, sonst nichts — so sprach er zu sich selbst, — doch der Versuch zu dem Zwecke, daß ich ihr näher komme, wäre schon eine Handlung. Und wenn schon das bloße Wort, wie Rabbi Josua sagt, Schuld und Verdammung bedeutet: wieviel mehr Sünde wäre ein Versuch! Schwer anfsenfzend griff er wieder nach dem dicken Buche. Fahren wir fort: was bringt Zakkai vor, was behauptet er, der Kläger, und was erwidert darauf Gamliel, der scharfsinnige Beklagte? An einem Maiennachmitlage trat Frau Nußwald in die Stube ihrer Mieter, sie war schöner als sonst; wenigstens schien dies Felberbaum so. Ein Schlafrock, leicht wie Schaum, umhüllte sie, doch hatte der Schlafrock soviel Einsehen den Hals der schönen Frau nicht zu verdecken. Und der bloße Nackeit schimmerte so hell. — Ich bin Staub klopfen gekommen, — sagte Frau Nußwald, heute Hab ich reichlich Zeit. Ich habe nicht Mittagmahl gekocht, denn mein Mann ist abgereist und so erspare ich auch das Geschirrabwaschen. In Schomorja ist Markt, dorthin ist mein Mann gegangen und kehrt erst nachts wieder. Salomon Eisenstein vertiefte sich in seine Bücher (er tat nur so der Schalk), doch Israel Felberbaum staunte mit beinahe versagenden Augen die schöne Frau an. Fast setzte sein Atem — er fühlte es — aus, so bezaubernd war sie in ihrem luftigen Schlafrock. Er starrte sie betäubt an und als Frau Nnßwald geendet und guten Tag gewünscht, sich in die dunkle Stube hinter der Küche zurückgezogen, da schien es ihm noch immer, als wäre sie nicht fort, als sei sie da. Mit dem Prozeß kam er freilich so nicht weiter. Bei der Replik hielt er, doch was mochte wohl Zakkai sagen, der verrückte Kläger? Das sagte Zakkai, daß Frau Nnßwald eine schöne Frau, die schönste der Welt und der geklagte Gamliel gab das bereitwillig zu. — O ich siebte, ich fühle, heute vermag ich nicht zu lernen: — sagte Israel Felberbaum und schlug das Buch zu. — Ich gehe spazieren. Und außer Acht lassend, daß auch Salomon Eisensteiti auf der Welt sei, lief und stürzte er davon, als jage man ihrl. Salamou Eisenstein sprang jetzt ans und horchte gespannt,, welche Tür sich öffne? Die aus den Flur gehende, oder über dem Flnr die andere? Nachdem er das Oeffnen der ersteren vernommen, zögerte er nicht lange und drückte selbst auf die Klinke der anderen. Israel Felberbaum irrte in den Bergen umher, wie die Tochter des Richters Jephta nnd dachte an Frau Nnßwald, die reizende Frau. Das Blut siedete und die Zähne klapperten ihm: heiß war ihm und er fror zu gleicher Zeit. Was soll er machen, was? Mit ihr sprechen nnd versuchen, verführen? Schon der, welcher spricht, nnd nur um zu konversieren — so sagt Rabbi Josna — ist reif fürs Gehenna; wie erst der, welcher spricht, daß er versuche, verführe? Oder Verdammung hier und Gehenna dort: soll er dem Blute nachgeben und — werde daraus, was da wolle, ihr Mann ist so nicht daheim — soll er jetzt nachhause gehen, sein Glück probieren? Soll er nachhause gehn? . . . Bei dieser Frage griff sich Felberbaum plötzlich an den Kopf. — Höre Israel — so stöhnte er in seiner Qual, was Hab ich getan, was habe ich getan? Eisenstein ist zuhause, die Frau ist auch zuhause . . . und anderthalb Stunden sinds, daß sie sich allein überlassen sind! Er rannte wie die Sturmstut. Es dämmerte bereits und höchste Zeit wars, zur abendlichen Andacht in den Tempel zu gehn, doch er vergaß Tempel, Beten und alles und dachte nur an die Zwei: an die Frau Nußbraun und den Knaben Eisenstein. Und auch die Seele zitterte ihm, der beiden gedenkend. Als er in die kleine, schon finstere Stube eintrat, fand er den Knaben Eisenstein an dem mit Bücher vollgepfropften Tisch sitzen nnd Pfeifen. Er schien gut gelaunt, der verfluchte Kerl. — Was hast du bis jetzt gemacht? — fragte mit fliegendem Atem Israel Felberbaum. — Welche Frage, was ich bis jetzt gemacht Hab? Gelernt Hab ich. — Was hast du gelernt? Laß michs hören. — Ich habe nach dem Sinn eines dunklen Satzes geforscht. — Ist dies wahr, Salamon? — Freilich. Seitdem Sie weggegangen, habe ich über das Woxt des Rabbi Josna gegrübelt. — Lügst du nicht, Salamon? — Nein . . . Und seine unverschämten Backen, wie der sattgesressene Fuchs, der feines Huhn frisch verzehrt, sagte er nach dem kurzen „nein" noch Folgendes: — Ich sage, ich habe über Rabbi Josnas Wort spekuliert nnd habe endlich gefunden, daß das Verbot des Rabbi, mit Frauen zu sprechen, nur verheiratete Männer angeht. — Die Ledigen nicht? — fragte Israel Felberbaum, Böses ahnend. — Natürlich nicht. Josna sagt: „Sprich nicht oft mit der Frau. Weder mit der eigenen, noch mit der deines Nächsten." Nun, diese paar Worte: auch mit der Fran deines Nächsten nicht, sagen klar, daß das ganze Verbot nur die verheirateten Männer berührt. Denn nur der Beweibte hat eine Frau, nicht wahr? Der Unverheiratete, das ist was anderes, der kann tun, was er will. .. Und wieder grinste er, mit unverschämten Backen, wie der sattgefressene Fuchs, der feines Huhnfleisch verzehrt. — Du Scheerez, du Mamsir, schrie Felberbaum auf, der jetzt schon alles wußte und den grinsenden Eisenstein zn ohrfeigen begann. Er ohrfeigte ihn, bearbeitete ihn mit der Faust, stieß,, kratzte ihn nnd warf ihn auch zur Erde, obschon er doch schwach war und mager, eine eingefallene Brust hatte. — Als er atemlos innehielt, nahm die hochgradige Spannung, die dieser Ausbruch verursacht, langsam ab. Er ging zum Fenster, uw er, wenn auch mit klopfendem Herzen nnd noch zitternd von der durchlebten Aufregung, dennoch zur Besinnung kam. — Recht geschieht mir, Recht.. . Ein Rindvieh, ein Esel war ich, — so sprach er zn sich selbst. — Al tarbe ßicho.. . Den Satz des Rabbi Josua hätte ich auch so interpretieren können, wie dieser Erzschurke Eisenstein.