Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 45 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Die Wahrheit Seite 9. Gin dreifacher Sang. Bon Magnus Davidsohn. Jst's notwendig, daß ich des Dichters Fantasie zn Hülfe nehme? Gewiß nicht. Diese meine Lebensepisode ist wahr und -ernst. Sie soll von dem Drama eines Menschen künden, zn Dessen Ehr ich sang an dreifacher Stelle. Um die Mitte der achtziger Jahre war es an einem sonnigen Sommernachmittag ungewöhnlich lebendig in den Straßen der damals noch kleinen schlesischen Jndnstriestadt. In hellen Scharen strömten neugierige Franzi und Kinder zum Gotteshanse. Hent wird Lene Herz mit Paul Sandberg getränt! Das ist ein bedeutungsvolles Ereignis für das Städtchen. Lene -Herz ist die Tochter eines der angesehensten Bewohner. Und er will die Hochzeit seines Kindes mit besonderem Glanze feiern. Darum eilt Alt und Jung, um die Herrlichkeiten zu schauen, denn solche Hochzeiten sind rar im Städtchen und solch schöne Kleider nicht oft zn sehen. Das geschmückte Gotteshaus ist überfüllt. Nur schwer können sich die Gäste durch die Zuschauermassen den Weg zu ihren Plätzen bahnen. Ein Rannen und Wispern geht durch die Menge, so oft eine besonders kostbare Toilette sichtbar wird, so oft Frauen und Mädchen in rauschender Seide und funkelndem Schmuck, sorglich von ihren Herren begleitet durch das Spalier schreiten. Auf der Sängerempore hatten wir Chorknaben Platz genommen, neugierig und staunend das bunte Schauspiel betrachtend, das da unten sich uns bot. Ja Paul Sandberg hat'o weit gebracht, so flüstert ein Chorherr seinem Kollegen zn, ich war noch mit ihm in der Lehre uub sah wie er damals litt. > Ein Kind armer Eltern ist er. doch rastlos hat er gearbeitet und gestrebt, hat ein kleines Geschäft angefangen, immer größer ist's geworden. und hent gibt ihm der reiche, Herz seine Tochter .zur Frau. Da, ein Zeichen, feierliche Klänge ertönen, und das Brautpaar betritt das Gotteshaus. Hocherhobenen Hauptes schreitet Paul Sandberg neben seiner Braut. Ein ausdrucksvolles Gesicht besitzt er, das ungewöhnlich viel Klugheit und Energie verrät. Stolz schweift fein Blick über die Menge, während der Prediger mit einer Vorzeremonie der Braut zum Abschied von ihrem Elternhause den Segen erteilt. Nun erscheinen sie unter dem Tranhinunel. Die herrliche Stimme meines Vaters, der als Sänger des Herrn seines priesterlichen Amtes wallet, ertönt vom Altar her. Den alten frommen Trauungsgesaitg stimmt er an, eine Hymne halb kirchlich halb weltlich — festlichen Charakters, die Gott in seiner Allmacht Preist, der da segnen möge Bräutigam und Braut. Immer machtvoller wird der Sang, einer Aufforderung gleich an die Gemeinde, Gott die Ehre zu geben, und jubelnd ertönen vom Chore herab unsere Stimmen: „Gelobt seist du Ewiger, der erfreuet Bräutigam und Braut." Damals sang ich das erste Mal zu seiner Ehr! Die Jahre verstrichen. Lange hörte ich nichts von Paul Sandberg. Hinaus aus der engen Heimat ging es. Der Knabe wuchs zum Manne heran, dem die gütige Natur die wertvolle Gabe seines Vaters verliehen. Die ideale Begeisterung für die heilige ernste Kunst führte auch mich dem gleichen Berufe zn. Nach Jahren, da ich mein Amt antrat, fügte es der Zufall, daß ich in die unmittelbare Nähe meiner Heimatstadt, au eine große und angesehene Gemeinde berufen wurde. Hier auch fand ich Paul Sandberg wieder. Er war feinem Vorsatz treu geblieben. Immer höher stieg er die Stufenleiter der Erfolge hinan, gelangte zn Ehre und Reichtum, und sein Name war gepriesen, seine Klugheit überall gerühmt. So fand ich ihn auf des Lebens Höhen ivieder, doch Arbeit und Kampf waren nicht spurlos an Paul Sandberg vorübergegangen, sie hatten ihre Zeichen und Runen in sein Gesicht gegraben. Aber der Angen heller Glanz tvar nicht geschwunden, sie kündeten wie ehedem stahlharte Energie. Kurze Zeit nach meiner Amtsübernahme führte er seinen ältesten Sohn znm Altäre des Herrn zur Konfirmation. Freunde und Verwandte scharten sich an diesem Ehrentage um ihn. Aus weiter Ferne waren sie. zn ihm geeilt — zn ihm, ihrem Helfer und Berater. Nun trat der Knabe au den Altar und ich erhob meine Stimme, den Segen des Himmels auf das Haupt des Kindes herabflehend, und daß dem Vater die Gunst verliehen werde, sein Kind in seinem Sinne zu erziehell, damit es die Freude feiner Eltern werde. Zur Ehr, zur Größe und zu guten Werken möge er ihn erziehen. Da sang ich das zweite Mal für ihn. Wie hat sich meine Heimat in der Zeiten Lauf doch verändert. Ein heißer Boden ist sie geworden. Man wurde sich der Bedeutung der reichen Schätze, die hier in der Erde liegen, immer mehr bewußt. Gruben wurden erschlossen, Riesenwerke erstanden, Städte und Dörfer erstanden, wuchsen zu ungeahnter Größe. Ein heißes Ringen wurde es. Das war nicht mehr die friedliche geruhsame Arbeit um die Sorge des Alltages. Eine Sturmflut war es, die mit betäubendem Brausen über das Land zog, blitzschnell in die Höhe schlendernd denjenigen, der es verstand in ihrer Bahn mitzneilen — unbarmherzig in den Abgrund stürzend all die vielen, die den Halt verloren. Und blieb Paul Saudberg in dem tosenden Kampfe still? Dort treibt ja auch fein stolzes Schiff in den hochgehenden Wogen dem verlockenden Ziele zll. Fest und stark ist es gefügt, und der Steuermann lenkt es mit eiserner Hand. „Welch ein Kopf, wiegroß die Genialität dieses Mannes." So sprachen all die Kleinen und Großen, die in Ehrfurcht und Bewunderung zu ihm aufschanten, und seinen klugen Worten lauschten. Mit der Größe seines Reichtums wuchs auch sein Ruf weit aus dem engen Rahmen seiner Heimat, und überall ward ihm die Ehre als ein Ausgezeichneter seines Standes. So war er auch mir Freund und Berater, und als ich einst nach langem Zwiegespräch von ihm ging, Dankbarkeit im Herzen, da er klug mir j geraten, und mir beigestanden, beschwerliche Klippen ans meinem Lebensweg zn räumen, kamen mir die Worte ans Mund und Herzen: „Paul Sandberg, wie soll ich dankbar sein?" Da leuchteten die Augen in mildem Glanze. „Wie einst mir der Knabe unter dem Tranhimmel sang, so möge der Manu, der mein Freund geworden, mir singen zn Gottes Ehre, wenn ich mein Kind unter den Trauhimmel führe. So wird der Dankeszoll abgetragen." — „Das soll ein Wort sein, Paul Sandberg, ich wills mir merken." Dieses Versprechen will ich wohl einlösen. und ihm aus tiefstem Freundesherzen Töne des Jubels und der Freude darbringen an jenem Tage — — so dacht ich. — — Der Rüsttag des Versöhunngsfestes war wieder angebrochen! Tiefster Ernst hält mich in seinem Baun..Bald kommt der Zeitpunkt, da ich vor der bedeutungsvollsten Ausgabe meines heiligen Amtes stehe. In stillster Abgeschiedenheit verbringe ich wie stets die wenigen Tagesstunden, fern von dem geschäftigen Getriebe des Alltages. — langsam bricht die Dämmerung herein. Mein Weib und Kind segne ich, dann gehe ich meiner großen herrlichen Arbeit entgegen. (Schluß folgt.) Ans dem Oest.-nng Kantoren Uerei». Im Sinne des Vorstaudsbeschlnsfes vom 22. September a. c. wird gemäß § 28 der Statuten der Termin für die Neuwahl des Vereinsvorstandes für den 22. Dezember a. c. kundgegeben. Die Wahl erfolgt durch Einsendung, resp. Abgabe von Stimmzetteln, die den Vereinsmitgliedern rechtzeitig zngescbickl werden. In Anbetracht der sich stark anhäufenden Rückstände bei der Einzahlung der Vereinsbeiträge werden die P. T- Mitglieder dringendst aufgefordert, die statutenmäßigen Beiträge pünktlich einznseuden, da sonst der Vorstand gezwungen wäre, die Bestimmungen des § 15 a in Anwendung zn bringen. * Bei der letzten Zusammenkunft im Wiener Kantorenklub hielt kaiserl. Rat Oberkantor Josef Singer den ersten Vortrag, der mit großem Beifalle aufgenommen wurde. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Debatte an. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18699.