Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 43 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43. Die Wahrheit Seite 9. .und unzeitgemäß betrachten werde, dann wird die Welt, die -sittlich moralische Welt der Säulen, Trag- und Stützpfeiler, ans denen sie beruht, entbehren und gleich einem alten morschen, verfallenen Manerwerk znsammeubrecheu. Zusammenstürzen müssen. (Fortsetzung folgt.) Uerschiedene Uachrichten. Wien. Freitag, den 4. November 1910, abends Predigt im Leopoldstädter Tempel. Wien. (Besprechung jüdischerOrganisatio neu -in Wie II.) Am 31. Oktober 1910 hat in Wien eine Aussprache von Vertretern verschiedener jüdischer humanitärer Organisationen stattgesunden zum Zwecke der Erwägung von Maßnahmen zur weiteren kulturellen Hebung der galizischen Juden. Die Besprechungen werden demnächst fortgesetzt werden. Wien. (B ethansverein „A gndaß - Achi m"). Der seit etwa sechs Dezennien in der ehemaligen Antonsgasse — nunmehr Hammer-Purgstallzasse — bestehende Verein „Spiegelschul" hat vor kurzem seinen Namen umgeändert und nennt sich nun „A g n d a ß-A ch i m". der sich auch die Pflege des religiösen Sinnes durch Abhaltung von ent- -fprecheuden Borträgen zur edlen Ausgabe macht. Gegenwärtig steht der Verein unter dem Präsidium der Herren W i l h. B r o d y und Ignaz Lichtmeß. Als Prediger fungiert Herr Rabbiner G o l d st e i n, -dessen Borträge sich allgemeinen Zuspruches erfreuen und als Kantor fungiert seit 17 Jahren Herr S i l b e r m a n n, ein tüchtiger Chasan ans -der alten Schule. — Speziell der Simchaß-Thora-Abend gestaltete sich zu einem recht gemütlichen Kinderfeste, in dem etwa 20 Knaben und Mädchen -mit Fähnchen und Lichtleiu bei der Hackopho dem Thora-Umzug vorangingen und nach Schluß der Zeremonie die Bolkshymne sangen. Die Liturgie ist selbstredend nach alter Tradition. brechen und deine Heilung schnell gedeihen und vor dir zieht dein Heil -daher, des Ewigen Herrlichkeit schließt deinen Zug. Dann rufst du an und der Ewige erhört, flehest und er spricht: „Hier bin ich." (Je». 58, 6—9.) .„Heil dem, der sich der Armen liebevoll annimmt, am Tage des Unglückes rettet ihn der Ewige." (Ps. 41, 2.) Nnr wegen der Verdienste, die wohltätig und segensreich wirkende Menschen sich erwerben, speist, ernährt und erhält Gott der Herr die Welt in und mit Liebe." (Ber. 7.) „Die Wohltätigkeit rettet vom Tode." (Spr. 10.) „Wer nicht seiner Mitmenschen sich .erbarmt, stammt sicherlich nicht vom Patriachen Abraham ab", sagen unsere Weisen (Tal. Beza 32) „Barmherzigkeit und Wohltätigkeit sind die unterscheidenden Kennzeichen des jüdischen Volkes. (Tat. Jebamot 79.) „Das jüdische Herz, sagt Jellinek in seiner Schrift: „Der -jüdische Stamm ist wie das weibliche Geschlecht, weich, sanft, milde, leicht zu rühren und voll Mitleid; daher ist die Wohltätigkeit des jüdischen Stammes nicht bloß die Folge seiner Religion, welche so nachdrücklich Wohltun, Barmherzigkeit und die innigste Teilnahme an den Leiden anderer gebietet, sondern das Erbgut seiner edlen Natur. Jedes fremde Wehe weckt sein Mitgefühl, und er kennt keinen Unterschied des Stammes und des Glaubens, wenn es gilt, die Not der Armen zu lindern oder dem Unglücklichen beizustehen. Mag ein Jude noch so wild aufbrausen, er wird sofort besänftigt, wenn mau ihm zeigt, daß eine arme Witwe mit ihrem Kinde vor seiner Türe harrt. Die jüdisch-deutsche Mundart hat ein Wort, das heute noch allen gebildeten Inden geläufig ist, und wie ein .Zauberstab auf das Herz jedes Inden wirkt, es rührt und zum tiefsten Mitleid ausregt: es ist das Wort „Nebich“, über dessen Ursprung nichts Zuverlässiges angegeben werden kann. Keine Sprache besitzt eine Interjektion, die eine solche Wandlung' hervorbrächte; denn wenn der Jude beim Anblicke fremden Elends „Nebich!“ ausruft, so konzentriert sich darin, sein ganzes mitleidsvolles Herz, seinem Munde entfährt der tiefste Seufzer, sein Auge füllt sich mit Tränen, und seine Hand greift, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben in die Tasche oder öffnet die Kasse, um zu spenden und zu erleichtern. Josef W e r t h e i m e r hat diesem jüdisch-deutschen Mahnrufe zur 'Menschenliebe und Barmherzigkeit folgende Strophen gewidmet: „Ein Wörtchen geht von Mund zu Munde — Sein Ursprung blieb uns unbekannt — Doch Zeugnis gibt's vom Bruderbünde. Dem Mitleid tief ins Herz gebrannt. Wo sich ein menschlich Weh erschließet, Wo schwer und bang die Pilgerfahrt. Das „Nebich“ wie's der Lippe entfließet, Sagt: L i e b e sei hier f r o m m g e w a h r t. Die Furchen, die der Gram gezogen, Füllt ans das Wort mit seiner Saat! Denn rasch wie abspringt Pfeil und Bogen, Vom Wort sich löst die gute Tat. Ob's trübes Alter gilt zu ehren. Ob früh gebeugt ein Jugendmut, Ob Jnd', ob Christ, vergißt die Zähren, Das Wort ertönet mild und gut." Wien. Samstag, den 5. November, 9 Uhr vorm., findet im Tempel, II. Tempelgafse die nygtt -q des Konfirmanden Hermann Iu rb e r g e r, Sohn des I. Kantors Friedrich S. I n r b e r g e r, statt. Wien. (Verein „T e f i l a s H a n e o r i m.') Ueber 300 jugendliche Bewerber um Plätze zu unseren gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Festen mußten zu unserem herzlichen Bedauern abweislich beschieden werden. Dies mag die bündigste Antwort an jene sein, die, man sollte glauben in erster Lüne zur Mitwirkung an unserer Institution berufen wären, sich ihr gegenüber mit geringen Ausnahmen, in einer merkwürdigen Teilnahmslosigkeit gefallen. So muß der Verein mit wenigen Getreuen, nur einer kleinen Schar Gideonsstreiter seinen stillen Siege erkämpfen. Und wir werden Sieger bleiben, denn die Notwendigkeit, sie macht sich von Jahr zu Jahr fühlbarer, siegt immer. In dieser Zuversicht bestärkt uns die großzügige Förderung, die uns seitens des Kultusvorstandes und femer Organe zureil wird und wofür wir nicht genug dankbar sein können. Dieses Jahr brachte einen erfreulichen Zuwachs am „Bereinsvermögen", eine neue Stätte des Jngendgoctesdienstes. und zwar im neuen Knabenwaisenhause. XIX. Probusgasse 2. An demselben nahmen die Zöglinge von drei Waisenhänsern, ferner auch die Anralner mit ihren Kindern teil. In dem durch Svenden des Freiherrn Davids Ritter von Gut m a n n und des Vorstandsmitgliedes Siegfr. Fleischer freundlich ausgestatteten Betsal entwickelte sich der Gottesdienst unter Leitung des Direktors Rnd. K o h n zu einer erhebenden Feier. — Die anderen gottesdienstlichen Veranstaltungen boten dem Beobachter manchen interessanten Einblick: In II., Ferdinandsstraße, Beth hamidrasch, (Leiter Toch) erscheinen seit Jahren dieselben Teilnehmer, die, seither zu Studierenden der verschiedensten Mittelschulen erwachsen, immer die gleiche, ernste Andacht mitbringen. Das nämliche gilt von I., Religionsschule (Leiter und Exhorcanr Ö e h l e r). nnr daß hier mehr die Praktikanten und Lehrlinge die sehr teilnehmende Gemeinde bilden. In II. Talmnv- Thora-Schnle (Leiter und Exhortant Oberlehrer Jakob K o h u) und in XX. Kinderbewahranstalt (Lener Löw-Vogel) wird — das junge Publikum neigt dazu — mehr die ältere liturgische Art gepflegt und die Andacht der Teilnehmer erscheint daselbst aktiver, aber auch inniger. — In VI. Kollergerngasse und in XV11I. Schopenhauerstraße haben Gemeindemitglieder selbst sich dem gottgefälligen Werke gewidmet und sich hiedurch hervorragende Verdienste erworben. Dort stehen in sehr würdiger Weise die Herren Leopold G o l l e r st e p p e r, Max Weiß und Ignaz Kugel dem Festgoctesdienste vor, hier wird er von den Herren Bergmann und R o s e u b e r g in opferwilliger Hingabe geleitet. Es ist zu hoffen, daß viele junge Andächtige in diesen Andachtsstätten ihre Stimme erheben, dem Jndentnme eben so viele warme Anhänger und Anwälte heranwachsen werden. Die Zahl der Teilnehmer ui allen Festversammlnngen betrug rund^LOO. Um die Gesamtorganisation haben sich als engeres Komitee vorzüglich verdient gemacht Herr Wilhelm Toch. welcher unermüdlich dem Werke obliegt und ohne dessen Mitwirkung die Durchführnna nicht möglich wäre; Herr Isidor O e h l e r. welcher entstehende Schwierigkeiten geschickt zu lösen weiß und unser kluger, umsichtiger Kaffier. Herr Julius Philipp. — Leider mußten wir diesmal auf die Mitwirkung unseres erkrankten Alt-Präsidenten Herr Joachim Goller st epper verzichten, doch hoffentlich nicht für lange Zeit. Noch harrt unser eine wichtige Lösung: die Schaffung von Gottesdiensten für Mädchen. Für den Kenner braucht nicht erst die Bedeutung dieser Aufgabe erörtert zu werden: D e r AltarderFranistderAltardesHauses. Mautner. Wien. Vom Rabbinate der Wiener Knltnsgemeinde werden wir ersucht mitzureilen, daß seitens der Firma „Tauria", XV., Herklotzgasse 17, Selchwarenerzeugniffe, unter der Firma des unter Aufsicht des Rabbinates der isr. Kultusgemeinde stehenden Fleischhauers Ernst Fuchs versendet werden, wodurch man zur Annahme verleitet werden könitte, daß die Erzeugnisse dieser Firma gleichfalls unter Aufsicht des Rabbinates stehen. Dies ist keineswegs der Fall und muß zur Aufklärung konstatiert werden, daß das Rabbinat gegen die Firma „Tauria", mögen ihre Selchwaren unter welcher Firma immer versendet werden, in ritueller Beziehung denselben ablehnenden Standpunkt wie früher einnimmt. Innsbruck. Nach längeren Bemühungen ist es gelungen, einen jüdischen Lese- und Literatnrklnb zu gründen, der berufen ist. neues jüdisches Leben in die hiesige Judenschaft zu bringen. Sein erstes Auftreten in der Oeffentlichkeit war die Veranstaltung eines zahlreich besuchten Simchath- Thora-Festes, bei welchem auch die hiesige jüdische Mannschaft reichlich bewircet wurde. Die Reden der Herren Rabbiner S a g h e r, Vorsitzenden Perlmutter, Kassier Fleischer und Gcoßkaufmann F a i c a r n aus Bukarest wurden lebhaft akklamiert und die humoristischen Vorträge des Herrn Refnel Heber fanden lebhaften Beifall. Berlin. Die „Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israeli te Universelle", von deren Präsidium erst kürzlich Geh. Kommerzienrat Goldberger znrücktrat, an dessen Stelle Geh. Justizrar Tunendorfer gewählt wurde, hat dieser Tage an Stelle des ums Leben gekommenen Schriftstellers M. A. Klausner zn ihrem Geschäftsführer und zwar im Ehrenamte Rechtsanwalt Dr. Apfel-Berlin gewählt. Dr. Apfel hat das Ehrenamt bereits übernommen. Stuttgart. — Das „N. Tg bl." brachte vor wenigen Tagen folgendes Juierar: „Jene jüd. Dame, die im Bethause wohl bemerkt, daß ich ganz der Andacht vergeffend, meine Augen wie gebannt an ihrer lieblichen anmutigen Erscheinung ruhen ließ, wird um gefl. Rückäußernug gebeten unter ... .ob ehrbare Annäherung zwecks Heirat erwünscht. Str. Diskretion ehrenw. zuges. und erbeten." — Man wird angesichts dieses offenen *mm*s**memm