Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Dieboftiou imb Slbutiitjüvaiioit: Wien. LI,, Novaia.;afse 27 Tclevhon: Redaktion 5107/VU1. Avakhängige Aeitschrift für jüöische L>ejng»prei»: (Muiiiiiibiiii.K 14.— Halbiävrig.K 7.— Administration 4938 II. K. k. österr. Postsparkassa- Scvcck-Koiuo Nr. 100.918. Interessen. Fiir JhiUii-jln-uiiite: Inserate: Tie viermal gespalten- Aonvareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreilng. {Vitt AilStiiud: Abonnement»- und JnienionsiAaiizjätnig.8 Mark betrage find in Wien zahtvar und klagbar. Motto: „L)as Siegel Gottes ist Wahrheit!“ tt Rubel oder M> Frc». Ur. 36 Wien. 9. September >919. Inhalt : Aus der Woche. — Rabbiner Dr. Elieser David. — Ignaz Hahn. Linz. — Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormärzlicheu Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Aus dem Wiener Kantoreuklub. — Allgemeiner deutscher Kautorenverbaud. — Austritte aus dem Judentum. Aus der Woche. Die Wahlvorbereitungen für das durch den Tod Dr. Luegers freigewordeue Laudlagsmaudat im zweiten Wiener Gemeindebezirke, das. wenn alles am Platze ist und seine Pflicht :nt, der antisemitischen Partei wieder entrissen werden könnte, fanden die freisinnigen, resp. jüdischen Wähler der Leopoldstadt leider in Zwiespalt. Die rührige freiheitlich-soziale Gruppe unter Führung Dr. Ofners hat den Gemeinderat Dr. Sch war z- Hiller, der fortschrittliche „Donanklnb" hingegen den Gemeinderat Dr. Mittler als Kandidaten ausgestellt. Wir wollen heute nicht die persönliche Seite der Kandidatenfrage berühren, den eijien gegen den anderen nicht abwägen, uns auch daran nicht stoßen, daß es ebenso unklug ist, eine allerdings talentvolle aber immerhin noch junge und im praktischen volitischen Leben wenig bewährte Kraft durch Mandats- Kumulierung unnötiger Weise zu belasten, als einem zum Teile schon abgebrauchten Führer, der zudem in manchen Wühlerkreisen starkem Widerspruch begegnet, ein neues vielnmwvrbenes Mandat anznvertranen. Aber davon müssen wir sprechen, daß, wenn irgend eine Aussicht ans Erfolg vorhanden sein soll, vor allem Einigkeit im jüdischen Lager herrschen muß, und das mögen die maßgebenden Faktoren und die jüdischen Wähler im zweiten Bezirke sich unentwegt vor Angen halten. Nicht das Interesse von Personen, nicht das Gewicht und der Einfluß der Parteien, sondern einzig und allein die taktische Rücksicht, eine geschlossene Phalanx gegen den antisemitischen Gegner herznstellen, muß bei der Kandidatenfrage in der Leopoldstadt maßgebend sein. Schon Lueger hat es. besonders in den letzten Jahren seiner Amtswirksamkeit, meisterhaft verstanden, bei offiziellen Anlässen and besonders wenn fremde Gäste bewirtet wurden, die antisemitischen Segel einznstreichen und durch schöne Redensarten den ins Ausland gedrungenen Rns der konfessionellen Hetze und Unduldsamkeit im Wiener Rathanse zu widerlegen, und sein ^Nachfolger Nenmayer, der seinem Vorgänger so manches Nützliche abgegnckl hat, tritt gelehrig in die Fnßrapsen seines Herrn und Meisters. So hat er jüngst beim Festbankette, das zu Ehren der in Wien anwesenden Pariser Gemeinderäte einen Trinksprnch gehalten, wie er liberaler und freiheitlicher selbst ans dem Munde eines Felder oder Prix nicht hätte kommen können und eritaunt fragte man sich, war das wirklich der Bürgermeister des antisemitischen Wien, der folgende Worte gesprochen hat?! „Weder die große Entfernung noch der Unterschied der j Sprache oder der Nation soll ein Hindernis sein, daß sich | SB ö l f e r öfter z n s a m m e n s i n d e n n n d sich v e r-! einigen, um eine und dieselbe Kulturmission mit vereinten : Kräften zu erfüllen. Worin besteht diese Mission? Ich erinnere! mich in diesem Moment ans folgendes: Als ich vor mehreren : Jahren Frankreich bereiste, da sah ich an der Stirnseite von! unzähligen von Staats wegen der öffentlichen Wahlfahrt ge» j widmeten Gebäuden die verheißungsvollen Worte prangen: , Egalite, liberte. fraterinte. In diesem lapidaren Ausspruche i wird nicht etwa bloß einer Stadtgemeiuschast. nicht bloß! einem Lande, nicht bloß einer Nation, nein, jedem M e u- | s di en, der Frankreich besucht, der gesamten Menschheit zngerufeu,! als Menschenpflicht in Erinnerung gebracht, es sollen R e-! l i g i o n. Sille und Gesetz sich das eine, höchste Ziel v o r st r e ck e n, alle Menschen, a l l e N a r i o n e n von vorurteilsbehasteter gegenseitiger Besetzj düng zu befreien und sie alle nach Maßgabe ihrer! Natnrunlage zn gegenseitiger brüderlicher Unterstützung und auf diese Weise zur wahren Emanzipation zu führen Wenn alle Nationen diesem Ziele znstreben, dann wird dieser edle W e t l b e w e r b u i ch t g e g e u s e i t i g N e i d n n d M i ßg u n st erzeugen, sondern vielmehr beitragen.! d e n Weltfrieden zu begründen und s ür »immerwährende Zeiten zu sichern."! Fürwahr eine seltene Begeisterung für Freiheit und j Menschenliebe, von der allerdings die Inden in Wien bisher l noch wenig gespürt haben.! ' * * * j Eine der hervorragendsten und sympathischesten Persönlich- > feiten Prags, der Vizepräsident der Knliusgemeinde und Landes-; schulrat Dr. Ludwig B e n d i e n e r, feierte, von Glückwünschen j geradezu überschüttet, am 4. d. M. seinen 70. Geburtstag. Der! Jubilar, seit vier Jahrzehnten in Prag als Advokat ansässig und! eine Zierde des Prager Barreans, hat sich lim das Judentum I Prags, besonders aber um das jüdiidie Schillunb Armenwesen | in Böhmen große Verdienste erworben. Bei jeder sich darj bietenden Gelegenheit hat er seine seltenen Fähigkeiten und seine j glänzende Rednergabe in den Dienst der Allgemeinheit gestellt! und besonders bock) muß es ihm angerechuet werden, daß er! trotz der Lockungen seiner gesellschaftlichen Position ein eifriger! Verteidiger der konservativen Richtung im Judentum blieb und 1 extremen Resormbestrebnngen mit all seinem Einflüsse jederzeit entgegentrat. Sein vielseitiges Wirken wurde von allerhöchster Stelle und von seinen Mitbürgern wiederholt ausgezeichnet und "*t|