Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Sibininifnniion :j| Wien, II/, Älovaragasse 27 Televhon: Redaktion 5107/VIII. Adminlslraiiou 4938,11, K. k. öfterr. Nostsvcirkassa- Scheck-Konio Dir. 190.918. üujeratc: Die viermal gespaltene Dionpareille-Zeile 25 Heller. Aboiiiiemeius- und Jnsertiousberräge sind in Wien zahlvar n»d klagbar. nakhängige Aeitschrifi für jüöifche Interessen. Erscheint jeden Areilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!1, Rernstspreks: ■ Nanzjätnig.I< 14.—!l Halbiäbrig.K 7.— 1 Für .'ihiihi-Sbeiimte:! ^Iinzjäbrig.K 10. —;; Für Alislnud : ' (jiinizialuig.8 Mark 0 :>!nvet oder 10 Frc». |lr. 85. Wien. 2. September «MO. Inhalt : Ans der Woche. — Ein mährischer Gemeindepascha. — Die Judenpogrome in Rußland. — Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreick in vormärzlichen Zeilen. — Verschiedene Nachrichten. — Austritte audem Judentum. Ans der Woche. Der Besuch des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand beim Baron Albert Rothschild in dessen Jagdschloß Langau, der allerdings in Oesterreich zu den Ungewöhnlichkeiten gehört, aber in England und selbst in Deutschland viele Präzedenzfälle hat, erinnert au die Teilnahme zweierdeutscher Fürsten an jüdischen Hochzeitsfeierlichkeiten. Freilich ist dies schon lange her. Es war im Jahre 1674,- da wurde, wie die „Neckar Ztg." berichtet, in der preußischen Stadt Cleve ein glänzendes Hochzeitsfest gefeiert. Die berühmte israelitische Memoiren-Schriftstellerin Glücket von Hameln, deren hochinteressante Manuskripte erst vor einem Jahrzehnt durch Prof. David Kaufmann dem Druck übergeben worden sind, vermählte damals ihre Tochter Zipora mit dem Sohne des reichen, vornehmen Elias Gompertz von Cleve, eines Ahnherrn der noch jetzt in vielen Zweigen blühenden Familie Gompertz. An dieser Hochzeit nahm auch der preußische Prinz Friedrich teil, das ist der spätere Kurfürst Friedrich III. und nachmalige König Friedrich I. von Preußen, der nach dem Tode seines älteren Bruders Karl Emil erster König von Preußen geworden ist. Glücket von Hameln berichtet über diese Feierlichkeit in ihren Memoiren zum Schluß: „...Der junge Prinz samt den Fürsten Moritz und allen Vornehmen sind alle gar vergnügt weggegangen, und es hat in hundert Jahren kein Jude solche Ehre gehabt. So ist die Hochzeitsfeier in fürstlicher Freude beendet worden." Gar mancher deutsche Fürst beehrte hochgestellte Juden durch persönliche Teilnahme an ihren Hochzeitsfeiern. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es sogar einen deutschen Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau (der „alte Dessaner," geboren am 3. Juli 1676, gestorben 9. April 1747), der sein eigenes Schloß zur Veranstaltung eines solennen Hochzeits festes den Juden zur Verfügung stellte. Es ist uns noch ein interessanter Bericht über eine jüdische Trauung zugekommen, welche am 4. Februar 1740 von dem Rabbiner der dortigen Gemeinde auf dem fürstlichen Residenzschlosfe zu Dessau vollzogen wurde. Den beiden Vorstehern der jüdischen Gemeinde, Jakob und Kalman, hatte der Fürst bei der Hochzeitsfeier ihrer Kinder Konrad Jakob und Besigen Kalman ein Zimmer im fürstlichen Schloß zur Vornahme der altjüdischen Zeremonien vor der Trauung nnd für diese selbst seinen Lustgarten eingeränml Die alsdann folgende ausführliche Schilderung einerjüdischen Hochzeit ans dem fürstlichen Schlosse zu Dessau legt beredtes Zeugnis von dem Wohlwollen, der Toleranz nnd dem Edelmut des „alten Dessauers" ab, der nicht nur Juden zu seinen Hoffaktoren machte, sondern auch ihnen bei ihrer Hochzeitsfeier sein Schloß einränmte, persönlich mit seinem Hofstaat an ihrem Feste sich beteiligte und sie mit überaus wertvollen Hochzeitsgeschenken, wöbet sich kein Familienmitglied ansschloß, beehrte. * Wie aus Lemberg berichtet wird, soll die Abhaltung der vom galizischen Laudesansschuß beschlossenen Enquete über die galizische Judennot vom 12. auf den 19. September verschoben werden. Als Grund wird die nicht rechtzeitige Herstellung der Drucksorten angegeben. Im Jahre 1907 wurde die Abhaltung der Enquete beschlossen, drei Jahre sind somit vergangen und während dieser langen Zeit hätte der galizstche Landesausschuß, der bei judenfeindlichen Bestrebungen es an der nötigen Eile niemals fehlen ließ, wohl Muße genug gehabt, um die technischen Vorbereitungen rechtzeitig zu treffen. Angesichts solcher Tatsachen muß man wohl, was Skeptiker bereits von allem Anfang an taten, in den ernsten Willen der galizischen Machthaber, der jüdischen Bevölkerung in ihrer großen Notlage Hilfe zu bringen, die berechtigsten Zweifel setzen. * Die schon seit langer Zeit manifestierte Zersetzung innerhalb der allpolnischen Partei in Galizien gibt einem Wiener Blatte Gelegenheit, einige grelle Streiflichter auf diese Partei zu werfen und was unsere Leser besonders imeressiren dürfte, auch ihr Verhältnis zu den Juden zu beleuchten. Es heißt daselbst: „Die Allpolen stehen jetzt im Polenklub isoliert. Pater S t o j a l o w s k i, dieser alte antisemitische Hetzer, der im Lande jeden Anhang verloren hat, mit seinen paar Bauern, ist der neueste und einzige Bundesgenosse der Aüpolen. Daß sich die allpolnische Partei, wiewohl in ihrer Mitte zwei jüdische Abgeordnete sitzen — Galt und Dr. Gold — mit der christlichsozialeu Banerngrnppe liiert hat, gehört wohl mit zu den politischen Absonderlichkeiten Galiziens. Das Allerwichtigste ist aber, daß die AUpolen keine b emerkens werte Partei hinter sich haben. Ihre Stärke beruht in dem städtischen Anhänge, und den eigentlichen Bürgerstand bilden in Galizien hauptsächlich Juden und Beamte. Unter dem Drucke der Bezirkshanprleute haben sie beide die allpolnischen Kandidaten gewählt, nicht ohne daß der allpolnische Moniteur von Fall zu Fall, offen und versteckt den Juden mit Pogroms gedroht hätte. Gäbe es in Galizien freie Wahlen, so Hütten sie von ihren fünfzehn Mandaten keine acht -erobert. Battaglia (Tarnow), German (Neu-Sandec),