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Die Wahrheit · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung ieite 9. Kaiserliche Gnade. Anläßlich des 80. Gebnrtsfestes Sr. Majestät des Kaisers veröffentlichte das Lemberger Jüdische Tagblatt an leitender Stelle folgenden mit dem Bildnis des Monarchen gezierten Artikel aus der Feder des Wiener Kantors und Schriftstellers Herrn Josef Grob. Es ist zweifellos, daß auch unser erhabener Monarch, Kaiser Franz Joses I., das Geheimnis kennt, daß der jüdische Segen nicht zu mißachten sei. Und wenn der allmächtige Gott, edles Walten durch hohes Alter krönt, „atereth tifereth sewu“ von seinen Untertanen innig geliebt, von der ganzen Welt als weiser und gerechter Herrscher geehrt und geschätzt, dann werden auch die Segenswünsche, welche das jüdische Volk am 18. August aus allen Gallen des weiten Reiches zum Himmel sandte, nicht ungehört verhallen. — Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, daß wir österreichischen Juden, die wir das hohe Glück haben, unter dem glorreichen Szepter Kaiser Franz Josefs zu leben, keinen Anlaß unbeilützt lassen, um bei unserem alten Gott für das Leben unseres geliebten Kaisers zu bitten. Allerdings rücken wir nicht ans. gleich den anderen Patrioten, mit wehenden Fahnen, schlagen nicht an die große Trommel vorder Hofbnrg und blasen nicht mit schmetternden Trompeten auf der Ringstraße, zumal wir keine Ministerposten anstreben und keine goldenen Medaillen verlangen. Wir w.ollen nur, daß man uns leben läßt, leben, als gleichwertige und gleichpflichtige Menschen und Bürger dieses Reiches. Still und bescheiden, ohne Lärm und ohne Gepolter, geben wir unserer dynastischen Anhänglichkeit Ansdruck; dafür aber um so inniger, aus vollem treuen Herzen. — Und dies geschieht auch nicht bloß bei besonderen Jubiläen, sondern stets, so oft Inden in ihren Gotteshäusern sich versammeln, um Gebete zum Himmel für ihre Aufrichtung zu senden, wird auch des gekrönten Oberhauptes in Liebe gedacht: „hewe mispalel bischelom sckel malchoth!u Alles das weiß gewiß Kaiser Franz Josef und er hat uns auch zu seinem 80. Geburtstage einen schönen Gnadenakt befcheert. Ethel Frisch, die Greislerin ans Krakau, welche im Jänner d. I. vom Krakauer Landesgerjcht zu 7 Tagen Arrest verurteilt wurde, weil sie ein Pfund Zucker in ein klerikales Zeitungsblatt gewickelt hat, — auch der Kasfationshof bestätigte dieses Urteil, — wurde durch Se. Majestät begnadigt. Vom alltäglichen Standpunkt aus betrachtet, erscheint dieser Fall ganz unwesentlich, hat doch unser Kaiser schon unzählige weit bedeutendere Gnadenakte geübt, allerdings; allein für uns Inden ist dieser scheinbar unwesentliche Fall von exzeptioneller Bedeutung. Nicht blos die jüdische Nation, die gesammte zivilisierte Welt verurteilte damals mit Empörung den Gewaltakt der polnisch-antisemitischen Richter gegen eine arme jüdische Frau. Speziell uns österreichische Juden hat die Sache tief gekränkt und entmutigt. Jetzt, an seinem Jubeltage, hat uns der Kaiser wieder anfgemnntert, durch die Begnadigung der Krakauer Greislenn dokumentierte er, daß auch die jüdische Nation in seinem Lande nicht rechtlos sein darf. Wir vertrauen deshalb auch fest auf die Gnade unseres gerechten Kaisers, daß anch der arme junge Mensch, das Opfer des österreichischen Antisemitismus, welches schon seit Jahren unter finstern Kerkermauern schmachtet, für nichts und wieder nichts, daß er auch diesem Gerechtigkeit wird widerfahren lassen. Die ganze Welt weiß es, daß Hülsner unschuldig ist, und wenn unser Kaiser auch diesem Unschuldigen seine Gnade wird zuteil werden lassen, was wir bestimmt erhoffen, dann werden herabströmen tausende und abertausende Segenswünsche seitens der ganzen, von der antisemitischen Bestie nicht infizierten Menschheit auf das Haupt unseres erhabenen Fürsten. Wir danken Dir unser kaiserlicher Hort und Schutz, für die voransgegangene kleinere Begnadigung und erwarten zuversichtlich, daß dieser die größere ehebaldigst folgen wird. So empfange denn, Apostolische Majestät, unseren stillen, jüdischen Segen. Nach dem Jüdischen von N. Ch. Kantor Glncksmann-Kipine. Am vergangenen Sonntag wurde auf dem Beuthener Friedhofe Kantor G l ü ck s m a n n ans Lipine bei Beuchen zur letzten Ruhe gebettet. Mit ihm ist einer der noch wenigen existierenden alten Chasanim dahingegangen, der mit virtuoser Kunst die traditionelle Weise unseres Chasonus beherrschte. Kein bedeutender Sänger, kein Stimmprotz, der imponieren wollte. Eine schlichte, einfache unendlich bescheidene Natur, ein lieber, treuer Amtsbrnder, der in Achtung und Ehren bei seinen Kollegen stand. Und nicht nur bei ihnen, sondern auch bei der Gemeinde, der er diente. Dafür legte bas Leichenbegängnis beredtes Zeugnis ab. An seiner Bahre stand vollzählig seine Gemeinde, seine Kollegen, die herbeigeeilt waren, gaben ihm das letzte Geleite. Nach den wehmutsvollen, ergreifenden Klängen des Hazur tomim, den Kollege Oberkantor de Beer-Benlhen seinem Amtsbrnder als ergreifenden Grabgesang anstimmte, nach den schönen. trostreichen Worten, die Rabbiner Doktor G a l l i n e r der Familie widmete, rief am offenen Grabe namens der anwesenden Kollegen Oberkantor D a v i d s o h n ans Gleiwitz dem loten Kollegen folgende Abschiedsworte nach: „So gilt es denn Abschied zu nehmen von Dir ans ewig, Du teurer Amtsgenvsse. und schmerzbewegt rufe ich jene Worte ans, die da anch gehört waren an der Bahre unseres großen Meisters: „Verstummt ist der liederreiche Mund, verklungen sind die Weisen, die Du angestimmt zum Lobe Gottes." Schmerzbewegt und tief erschüttert müssen wir jetzt Dir flnen Abschiedsgrnß entbieten, den Du so oft an schwarz verhängter Bahre gebetet: -pa-n baa -paa?b ~\b m:r raxba *a Im Geiste schaue ich Dich, wie Du gehüllt in Kittel und Tallis an den heiligsten Tagen des Jahres in scheuer Ehrfurcht zum Omed hintratest, um Gebete emporzusenden zu Gott dem Allmächtigen für Deine Gemeinde als ein würdiger Scheliach zibbur. Wie hat Dein Herz da gebangt als Du flehentlich zu Gott betetest, daß er Dir Kraft und Einsicht geben möge. Dein hochheiliges Amt nach Vorschrift zu versehen, daß Deiner Stimme Wohllaut nicht versage und Du so Deine Dir aufgetragene Mission in Heiligkeit und Andacht erfüllen möchtest. Und dann wirktest Du mit dem Feuer heiliger Begeisterung, wirktest so ein ganzes, langes, arbeitsreiches Leben, und da viel der Mühe und Arbeit Dir ward, ist es. nach den Worten des Psalmisten ein köstliches gewesen. Du wirktest als Zierde unseres Standes, nicht nur weil Formeln und Gesetze es vorschreiben, sondern weil die Lauterkeit Deiner Gesinnung, die Festigkeit Deines Charakters es Dir gebot. Eine ernste und heilige Kunst war es, der Du dientest. Nicht leicht war Deine Arbeit und die mannigfachen Anforderungen, die an Dich gestellt wurden, schwer schon deshalb. weil in unserem Berns, es gilt einen guten Teil seiner persönlichen Freiheit abznstreifen, seinem Wollen und Können gar oft Grenzen aufznerlegen im Interesse von Amt und Beruf. So hast Du hochgehalten das Panier unseres Standes und darum, ehe wir von Dir scheiden, sei Dir dafür Dank gesagt. Du ziehest von uns, doch Du hast zurnckgelassen einen Sehern tauw, einen makellosen, reinen Namen und bedeutet dies denn nicht mehr als eine Anhäufung von irdischen Gütern, die wohl im Leben einen bevorzugten Platz dem Besitzer erringen, doch nach seinem Tode nicht entscheidend sind, für das Licht oder Dunkel des Angedenkens. Dieser Sehern taivw, möge er sein ein Fürsprecher fni Dich vor dem Throne des Allmächtigen, möge er einen Trost bedeuten der trauernden Gattin und den jammernden Kindern, die Dein offenes Grab umstehen. Mögen Deine guten Taten Dir voranziehen und zeugen vor Deinem Gotte, dem Du dientest, daß Du wärest ein würdiger Scheliach zibbur." Alle diejenigen, die dem Verstorbenen wahrhaft kannten, werden ihm ein treues Angedenken bewahren. 'rx-r Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasee 47. Telephon 18399. Ordination von 9—6. *4 r t

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