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Die Wahrheit · 1910-08-05 · Heft 31 (5.8.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 31. Die Wahrheit Seite 9. „Was geht bei Helmstädten vor? Warum hat mein Kind Las Hans verlassen?" „Herr Helmftädten ist tot," sagte der Doktor. „Er hat sich getötet," fiel ihm Reichmann ins Wort, „er ist ruiniert und ich mit ihm. Ach, meine Ahnung." „Es wird nicht so schlimm sein, als es im ersten Augenblicke anssieht," tröstete der Doktor. „Es wird nicht so heiß -gegessen, wie gekocht. Ans materielle Verluste mußten Sie doch vorbereitet sein, wie jeder, der sich mit Börsenspekulationen abgibt; etwas mehr oder weniger spielt dabei keine große Rolle'. Da kann nur eines nützen: den Kops oben behalten. Geld ist nicht alles. Wenn man am Leben bleibt, und seine körperlichen und geistigen Kräfte behält, und seine Ehre rettet, daun bietet das Leben einem strebsamen Manne Gelegenheit genug, das Verlorene wieder einznbringen. Und wenn dies auch nicht im .vollem Umsange geschieht, so ist ein glückliches Familienleben und ein ehrenvoller Wirkungskreis ein vollkommener Ersatz für Reichtümer, welche wie die Blume des Feldes heute blühen und .gedeihen, morgen aber verwelkt und vernichtet sind." Für Reichmann war eine solche Auffassltng neu. Er hatte bisher nur dem Gelderwerbe gelebt, und die Vermehrung seines Reichtums schien ihm das erstrebenswerteste Ziel des Lebens zu -sein. Es war das erste Mal, daß er solche Worte anhörte, die er vor kurzem noch verlacht hätte. Sei es aber, daß die Situation, in der er sich befand, ihn gefügig machte, sei es das bei aller Herzlichkeit imponierende Auftreten des ihm bis heute fremden Doktors, welcher sich so frenndlich seines Kindes angenommen hatte, er hörte geduldig zu itnd unterbrach den Doktor auch mit keiner Silbe. Dann aber sagte er traurig: „Ich bin ruiniert. Mein ganzes Vermögen war in den .Händen dieses Mannes, dem ich das vollste Vertrauen entgegenbrachte. Ich war der unkluge Kaufmann, der seine ganze Habe ans ein Schiff lud. Nun bin ich ein armer Schiffbrüchiger." Das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter war ein -ergreifendes. Elsa hatte sich bereits von dem ersten Schrecken -erholt und war im Vereine mit Rosa bemüht, auch den Vater in eine ruhigere Stimmung zu versetzen. Neichmann erbat sich von dem gütigen Doktorsehepaare Gastfreundschaft für Elsa auf so lange, bis er seine geschäftlichen Angelegenheiten geordnet haben würde, dann erst konnte .er mit ihr die Heimreise antreten. Da war aber nicht viel zu ordnen. Alle Kapitalien, die er behufs nutzbringender Börsenmanipulationen seinem Bankier -anvertraut hatte, waren rettungslos verloren. Gleich nach Helmstädtens Beerdigung begleitete Robert ffeine Mutter in deren Gebnrtsstadt, wo sie bei ihren daselbst lebenden gut situierten Geschwistern freundliche Aufnahme fand. Robert aber begab sich ins Ausland, um eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stellung zu suchen, da die geschäftlichen Verhältnisse in Oesterreich nach dem Börsenkrach so traurig waren, daß jeder Industrielle sowie die Kaufmannschaft das Personal ans die Hälfte reduzieren mußte, anstatt neues aufzunehmen. Auf Jahre hinaus hatte der Börsenkrach und seine .Folgen Handel und Gewerbe lahm gelegt und selbst die Weltausstellung, in welche man große Hoffnungen gesetzt hatte, konnte dem unerbittlich fortschreitenden Verderben keinen Einhalt tun. Katastrophen, wie die im Helmstädtschen Hause waren keine Seltenheit. Ueber den Zusammenbruch eines tonangebenden Welthauses wurde zur Tagesordnung geschritten. Kaum, daß die Zeitungen eine kurze Notiz darüber brachten, welche in den Worten gipfelte: „Wie gewonnen, so zerronnen." Dasselbe sagte man auch zu Hause über die Verluste Reichmanns, von dem es sich nun heransstellte, daß er sein großes Vermögen weder seiner kommerziellen Tüchtigkeit, noch seinem Fleiße verdankte, sondern einzig und allein dem Börsenspielen. Nach mehrtägigem erfolglosen Bemühen, ans dem Zusammenbruche des Hauses Helmstädten etwas von seinem Guthaben zn retten, oder wenigstens einige Aussicht auf Entschädigung für die Zukunft zu erlangen, reiste Reichmann mit seinem Kinde ab, um daheim ein neues Leben voll Arbeit und Sorge .zu beginnen. Rosa war in Wien bei den alten Leuten zurückgeblieben. Sie hatten es sich bei Rosas Eltern erbeten, sie bei sich behalten zn dürfen, da ihnen Rosas Gesellschaft unentbehrlich geworden sei. Des Ingenieurs Urlaub war bald nach diesen Ereignisse zn Ende gewesen und er hatte sich wieder ganz seinem verantwortungsvollen Berufe gewidmet, nicht aber, bevor er eitle günstige Gelegenheit benützt hätte, um sich gegen »iofa zn erklären, und ihr Jawort zn erlangen. Rosa hatte von den Sehenswürdigkeiten Wiens und der Weltausstellung mehr als genug gesehen. Die Vorgänge, deren Zeugin sie gewesen, hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf das Mädchen gemacht. Sie verlangte jetzt nichts anderes als eine bestimmte Beschäftigung zugetviesen zn erhalten. Vormittags, während des Doktors Ordinationsstunde und während er seine ärztlichen Besuche machte, half sie ihrer künftigen Schwiegermutter bei den häuslichen Arbeiten, nachmittags las sie dem Doktor die Zeitung vor, half ihm auch bei seinen schriftlichen Arbeiten, die er jetzt nach wochenlanger Unterbrechung, die ihm die Psiicht der Gastfreundschaft gegen Rosa anfzwang, mit allem Eifer wieder aufnahm. Jetzt erst fühlte sich Rosa, wie zn Hause bei ihren Eltern. Doch fiel ein Schatten ans ihr junges Liebes- und Lebensglück. Trotz seiner Tüchtigkeit und seinem ernsten Wollen gelang es noch immer Robert Helmstädten nicht, eine Stelle zn bekommen. die ihm die Werbung um Elsa ermöglichte. Die verzagten Briefe Roberts, die verzweifelnden Elsas veranlaßten Rosa, sich an ihren Verlobten mit der Bitte zu wenden, doch in seinem Bekanntenkreise dahin zn wirken, daß der strebsame, junge Mann einen seinen Fähigkeiten entsprechenden Posten in einem Bankinstitute erlange. Es war die erste Bitte, welche Rosa anssprach; was war natürlicher, als daß Artur alle Hebel in Bewegung setzte, um ihren Wunsch zn erfüllen. Und es gelang ihm auch. Kurz nachdem Robert eine feste Anstellung in Hamburg erhalten hatte, welche iym die Gründung eines beschetdeuen Hausstandes ermöglichte, schrieb er an seinen Freund unter anderem folgendes : „Auch ich stehe an der Schwelle des ersehnten Glückes, indem ich heute von meiner ersten und einzigen Liebe, Elsa .Neichmann, das Jawort erhalten habe. Ich fühle die Kraft in mir, ein Mädchen ohne Mitgift heiraten, und ihr ein zufriedenes, behagliches Leben verschaffen zn können. Ich habe an dem lieben Kinde so viel gut zn machen, daß ein ganzes Leben voll Glück und Liebe eben nur knapp dazu ausreicht. Die Schuld des Vaters muß ich sühnen durch Liebe und Treue." Rosa war überglücklich, als ihr Artur diesen Brief zn lesen gab. War es ja das traurige Schicksal ihrer Freunde, das sie ihres eigenen Glückes nicht vollkommen froh werden ließ. Der harte Schlag, der die Familie Reichmann betroffen, hatte auf Elsas Gemüt einen merkwürdigen Einfluß ausgeübt. Sie hatte einsehen gelerrit, daß äußerer Glanz nicht zum wahren Glücke führte, daß all der oberflächliche Prunk flüchtig ist und nur der Seelenfrieden, durch Ernst und Arbeit gefördert, ein wahres Glück bedeutet. So geklärt und innerlich gefestigt, trat Elia, ein Jahr später als der Ingenieur Grünfeld mit seiner Rosa, an der Seite Roberts unter den Trauhimmel, in der altertümlichen Synagoge ihrer Heimatsgemeinde. Rabbiner Hauser vollzog die Trauung. Es war an einem Neumoudtage und da knüpfte er in seiner Traurede an den sinnigen Text ans dem Hallelgebete an: „Ich danke dir Gott, daß du mich gebeugt und meine Rettung geworden bist." Der Ingenieur Grünfeld war mit seiner Frau ans weiter Ferne gekommen, den Freudentag der Freunde mitznfeiern. Vor der Trauung überreichte der glückliche Bräutigam seiner Braut den üblichen Blumenstrauß ans Myrthen und Orangenblüten, der jungen Frau seines Freundes aber, gab er ein schön gebundenes Sträußchen aus duftenden. taubenetzten Moosrosen. Eine sinnige Anspielung auf den Namen, den man ihr in ihrer Kindheit beigelegt hatte.

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