Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063550--06787-3073819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 30. Die Wahrheit Seite 9. Ateratnr. Max Nordau: „Das Judentum im 19. oder 29. Jahrhundert." (Jüdischer Verlag Köln, 24 Seiten Großokcav. Preis 30 Pfg.) Der Vortrag, den Dr. Max Nordau am 29. Dezember des vorigen Jahres in Hamb u r g über das Thema: „Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert", gehalten hat. ist nunmehr in einem Separatabdruck beim „Jüdischen Verlag" in Köln erschienen. Es ist bei einer Arbeit von Max N o r d a n unnötig, hervorzuhebeu, daß sie in glanzvoller Diktion gehalten ist. In dem vorliegenden .Heftchen spricht Max Nordau in der dem Autor der „Paradoxen" eigenen Weise voll eiserner Logik über die Schicksale, die das Judentum von den Zeiten des Mittelalters an erfahren hat. Wir heben besonders die prachtvolle Schilderung der Teilnahme der Juden an der Aufklärung hervor. Max Nordau, bekanntlich der hervorragendste Sprecher der jüdisch-nationalen Bewegung, hat hier wiederum ein kleines Meisterwerk geschaffen, das wir jedem, der sich für pragmatische Geschichtsdarstellung interessiert, und jedem Juden, der eine mit warmem Herzen und heißem Blute gesprochene Darstellung einer Epoche aus der jüdischen Geschichte kennen lernen will, nur wärmstens empfehlen. Adolf Böhm: „Der Jüdische Nationalfonds", ein Instrument zur Abhilfe der Judennot. (Jüdischer Verlag Köln, Großoktav, 64 Seiten. Preis 30 Pfg.) In kurzen Worten entrollt der Verfasser ein altes trauriges Bild, das furchtbare Schicksal der gehetzten, heimatlosen jüdischen Massen. Er .zeigt in wenigen beredten Zahlen eine stete Zunahme der Emigration, und als unmittelbare Folge eine stete Ausdehnung des Antisemitismns in all jenen Ländern, die bisher den Verfolgten als eine freie Stätte offen gestanden. B ö h m schlägt in seiner kurzen Schrift einen neuen Ton an, der dem, was bisher über dieses alte Thema geschrieben wurde, fremd ist. Ec nennt ein Mittel zur Linderung, vielleicht zur vollständigen Abhilfe: die allmähliche Ansiedlung der jüdischen Auswanderer in einem menschenarmen Lande, an das sich die Sehnsucht all der unglücklichen -fliehenden Juden seit dem Tage der Zerstörung des einstigen Jüdischen Reiches klammert, in Palästina. Das gesamte jüdische Volk fordert er auf, seinen verfolgten Brüdern ein freies menschenwürdiges Dasein als Bauern und Landarbeiter ui Palästina zu schaffen, indem es jenen Fonds unterstützt, der das Mittel zu diesem Zweck sein soll, den Jüdischen N a t i o n a l f o n d s. Der Verfasser gibt einen umfaffenden Ueberblick über die bisherige Tätigkeit des Fonds, seine Erfolge und seine aussichtsreiche Zukunft. — Das kleine Büchlein ist wärmstens allen Denkenden zu empfehlen, die an der brennenden Frage der Linderung des Jndenelends Anteil nehmen und sollte von jedem sozial fühlenden Menschen mit Aufmerksamkeit gelesen werden. Woosröschen. Erzählung von Babette Fried in Prag. (Fortsetzung.) Am Abend fragte der Doktor Arthur, wer der junge Herr, der ihn besuchte, gewesen sei. „Mein Freund," antwortete der Ingenieur, „ist der Sohn eines Börsianers, der bis vor kurzem steinreich genannt werden konnte, wenigstens hatte er in der letzten Schwindelperiode mit Unterstützung seiner ihm blindlings vertrauenden Klientel ungeheuere Werte angehäuft, die sich aber nach dem großen Krache als ein papierenes Vermögen erwiesen. Dies ist gewiß ein großer Verlust für den jungen Mann, aber kein niederdrückender. Denn er ist ein tüchtiger Mann, hat gleichzeitig mit mir Technik studiert. Er hat nur bescheidene persönliche Bedürfnisse und kann sich in jeder Lage znrechtfinden. Der von seinem Vater durch Börsenmanipnlationen manchmal recht unlauterer Art angehäufte Mammon hat ihm niemals Freude gemacht. Aber da handelt es sich um etwas ganz anderes. Sein Vater steht vordem Ruin. Ihn kann nur eines retten: Wenn er mit seiner Familie die Taufe annimmt, in welchem Falle ihm von maßgebender einflußreicher Seite eine ausgiebige Hilfe zngesichert wird, auch für den Sohn eine glänzende ehrenvolle Existenz. Er aber hängt mit allen Fasern seines Herzens an unserem Glauben, von dem er doch so wenig weiß, kaum dasjenige, das er einst in der Schule gelernt hatte, denn in seinem Elternhause hat man längst mit den alten Traditionen gebrochen und alles Jüdische über Bord geworfen." „An dem alten Helmstädten hat das Judentum wenig oder nichts zu verlieren. Für den jungen wäre es Schade," meinte der Doktor. „Wie Papa, du weißt vom wem die Rede ist. ich glaube nicht einen Namen genannt zu haben. Woher weißt du ihn?" - „Das ist gleichgiltig, genug ich weiß es. Muß denn der Sohn miitnn, wenn sich der Vater verkaufen will." „Das ist es ja, Papa! Gerade an dem jungen ist den heiligen Nothelfern am meisten gelegen. Es ist eine projektierte Heirat im Spiele. Mein Freund hat aber sein Herz bereits vergeben. Als sein Vater zu seinen Spekulationen mehr Kapitalien brauchte, als er aufzubringen imstande war, suchte er einen kapitalkräftigen Geschästsfrennd vom Lande an sich zu locken, indem er ihn und sein Töchterchen zu sich nach Wien lud, angeblich die Weltausstellung anzusehen, und spiegelte den Leuten eine mögliche Heirat dieses Mädchens mit Robert vor. Bevor dieser den gemeinen Mißbrauch, der mil seiner Person geplant wurde, durchblickte, hatte, vielleicht sich selbst unbewußt das reizende Mädchen Besitz von dessen Herz ergriffen." „Bitte für morgen," hob der Doktor an, „deinen Freund .hieher. Ich möchte gern selber einmal mit ihm sprechen." Rosa hatte nach einer unrnhigen, schlaflos verbrachten Nacht erst in den Morgenstunden den ersehnten Schlaf gefunden. Doch konnte sie sich nicht lange der notwendigen Ruhe erfreuen. Denn ganz früh, als alles im Hause noch im Schlafe lag. trat das Dienstmädchen in ihr Zimmer und weckte sie mit den Worten: „Entschuldigen Sie. Fräulein Rosa, wenn ich störe, aber es kam jetzt ein junges Fräulein herauf, daß Sie durchaus gleich sprechen muß. Das arme Kind ist in einer furchtbaren Verfassung, nicht einmal recht angezogen und ganz verweint. Soll ich sie hereinbringen? Sie wartet im Vorzimmer." „Aber gewiß, es ist sicherlich eine Bekannte, die etwas von mir begehrt. Aber warten Sie ein wenig, bis ich aufgestanden bin, und etwas über mich geworfen habe." Indessen wurde die Türe ansgerissen und herein stürzte, vom Weinen ganz entstellt. Elsa Reichmann. „Um Gottes Willen. Elsa, wie kommst du so früh hieher, und in diesem Zustande?" ries Rosa ans. „Bitte, laß mich bei dir bleiben, ich habe iu dieser großen Stadt niemand außer dir. wohin ich mich flüchten könnte." „Was ist mit dir geschehen? Was ists mit Helmstüdtens?" Ein Weinkrampf, der die Unglückliche schüttelte mib sie der Sprache und fast der Sinne beraubte, hinderte sie zu antworten. Während sich Röschen um sie bemühte und sie mit den zärtlichsten Worten zu beruhigen suchte, hatte das Dienstmädchen den Doktor herbeigernfen, dessen Bemühungen es bald gelang, das im höchsten Stadium der Aufregung befindliche Mädchen so weit zu beruhigen, daß sie mit einigen, wenn auch nnzusammenhängenden Worten das Vorgefallene erzählen konnte. Der alte Helmstädten war spät Nachts heimgekommen und hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Früh fand man ihn tot. Erschossen. Durch eigene Hand. Zerrütteter Vermögensverhältnisse wegen. Seine Frau war vor Verzweiflung wie rasend, und macht ihr, Else, die heftigsten Vorwürfe, sie sei an allem Schuld, ihre Liebelei mit Robert habe diesen verhindert, rechtzeitig die Rettung zu bewerkstelligen. Und so sei ihr Gatte das erste Opfer ihrer, Elses, Koketterie geworden. Das eine aber tröste sie, daß er nicht das einzige bleibe, daß mein Vater auch um sein Vermögen gekommen ist, und vermutlich io enden würde '.vie der arme Helmstädten. (Fortsetzung folgt.) Gingejeudel. Durch eine in sämtlichen Wiener Tagesblättern wiedergegebene Notiz über den in Sauerbrunn verübren Selbstmord eines angeblichen Herrn M. Lettner ans Wien wurde ich veranlaßt, das von mir herausgegebene Traner-Album an eine Familie gleichen Namens zu senden, die jedoch, wie es sich später herausstellte, mit der in den Zertuugsnotizen genannten Person nicht in verwandschaftlichen Beziehungen stand. Dieser Irrtum, den ich wohl selbst am meisten bedauere, hätte jedem anderen ebenso leicht passieren können, und es war daher keineswegs am Platze, daß Herr Julius Lettner, der für seinen in der Notiz verwechselten greisen Onkel einlrat, in einem in der vorwöchentlichen Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" veröffentlichten „Eingesendet" sich in so verletzender Weise über mein Geschüsrsgebahren äußerte, das ich gegenüber gehässigen Angriffen zu wahren wissen werde. Hochachtungsvoll Erwin Singer I. Franz Josess-Kai 7 Herausgeber des Trauer-Album. w r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.