Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063549--06776-3073807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeilung Seite 9. Pr. 29. Organisation und Kantorenschnle! von Isidor rköwit, Kantor und Chordirigent, Wien. Die sommerliche Zeit der Urlaube und Erholung, sollte man glauben, gelte auch für unseren Stand; doch nein, wenn auch der einzelne den Urlaub zur Erholung benützt, der Konto r e n st a n d kommt nicht zur Ruhe und Erholung. Die in letzter Zeit sich häufenden Ereignisse bei Konknrsausschreibnngen, sowie die bereits besprochenen Vorgänge bei Besetzungen rufen laut nach Abwehr. Diese jedoch ist nur dann mit Erfolg möglich, wenn alle Kantoren aller Gegenden sich znsammentun und wie ein Mann unserem Vereine sich anschließen. 8 Kollegen! Fühlt Ihr denn nicht den alten Druck, der sich erneut auf unsere Schultern legt? Fühlt Ihr denn nicht, daß wir statt sozial höher, immer tiefer steigen? Wie lange noch wollt Ihr abseits stehen? Wann werdet Ihr ^endlich aus Eurer Indolenz erwachen? Verzeiht, Kollegen, diesen «Schmerzensschrei! Ich will niemanden treffen, doch spricht ans meinem innersten Herzen die Kränkung, wenn ich es in die Welt hinausschreien muß, wie wenig Solidaritütsgefühl im Kantorenstande herrscht. Kollegen! Habt Ihr kein Gefühl für Enre Familie? Wie sieht unsere Zukunft ans, wenn die Gegenwart so traurig ist?! — Wie könnte es sonst geschehen, daß, wie es hier der Fall war, nach Berufung von 16 Kandidaten zum Probevortrag, worunter einige sehr tüchtige Kollegen waren, ein Mann zum Kantor gewählt wurde, der nie zuvor bei einem Omed stand? Dieser Vorwurf gilt nicht dem jungen Mann, welcher durch Zufall zu diesem Posten kam. Im Gegenteil, wir begrüßen strebsame, befähigte junge Menschen, wir wollen und sollen sie fördern. Die Abwehr soll sich nur gegen die Vorstände solcher Gemeinden richten, welche die Opern- oder Operettenschule und vielleicht auch die schöne Stimme allein als genügende Empfehlung zur' Anstellung eines Kantors betrachten. Doch hier stoßen wir auf den wunden Punkt: „Die K a n t o r e n s ch u l e"! Nie war diese Frage aktueller als jetzt. Wo soll wirklich ein strebsamer, stimmbegabter junger Mann, der die Tempelkarriere der Theaterkarriere vorzieht, seine kantorale Ausbildung genießen? Es werden viele sagen, ja wo haben wir gelernt. Doch hat die Zeit Wandel geschaffen. Was einst vom Kantor verlangt wurde, gilt nicht für jetzt. Wir selbst stellen größere Anforderungen an uns. Allem voran ein gewisses Bildungsniveau. dann?ern8ch homilaus, gesangliche Ausbildung, musikalisches Wissen, Vertrautheit mit dem gesummten Chasonus rc., kann man das alles bei einer Person g vollkommen lernen? Nein! Nur eine Kamorenschnle ist imstande, I jene Ausbildung zu gewähren, die der Kantorenstand heute be- « nötigt. Es fehlt eine G e s a m t a u t o r i t ä t, daher auch I die E i n z e l a u t o r i t ä t. Die Gemeinden selbst würden es 8 begrüßen und die Schule fördern, da es doch in ihrem Interesse 1 liegt, intelligente, in allen einschlägigen Fächern gebildete Funk- I tionäre zu erhalten. Allerdings wird hier wieder von vielen Seiten der Einwurf gemacht werden: ja wenn die Gemeinden ein solches Interesse an einer Kantorenschule haben, warum errichten die Größgemeinden nicht selbst solche Anstalten, wie Religwnsuud Nabbinerschulen? Nun daran sind wir zum großen Theile selbst schuld. ' Insolange die' Gemeinden nach Ausschreibung einer Vakanz ganze Berge von. Offerten bekommen, insolange kein Mangel an Kantoren faktisch eintritt. insolange werden die Gemeinden nicht in die 'i o t w e n d i g k e i t versetzt, selbst etwas zu tun. Ist der Posten noch so niedrig dotiert, selbst bei Hnngerlöhnen, laufen massenhafte Gesuche ein. Dadurch entsteht viel soziales Elend. Wir selbst müssen hier ernergisch eingreifen. Vor allem dürfte niemand zum Probevortrag ohne Entschädigung für die Reise und. Aufemhaltskosten erscheinen. Schon diese eine Forderung würde, konsequent und allgemein durchgefnhrt, so manche Gemeinde abhalten, sich den Luxus zu gestatten, ans Kosten der armen und ärmsten Kantoren Monate hiedurch Probevorträge abzuhalten, da die Kosten den Gemeind.esäckel .empfindlich belasten würden. Weiters müßten sich die Kollegen selber prüfen, ob sie für den Posten, der ausgeschrieben ist, auch die Befähigung besitzen. Es wird in jedem Falle offeriert. Man verläßt sich auf gut Glück, man sucht Protektion, und zum Schluffe berechtigte Enttäuschung und Schädigung in seiner bisherigen Stellung, und so könnte ich noch viele Punkte anführen, die ich mir jedoch für einen folgenden Artikel Vorbehalte. Für heute will ich noch einen dringenden Appell an alle Kollegen, die bisher abseits standen, richten. Kollegen! Schließet Euch dem Oesterreichisch-ungarischen Kantorenvereine an, die große Gesamtheit kann und muß die soziale und materielle Hebung unseres Standes durchsetzen. Der Vorstand des Kantorenvereines, an dessen Spitze selbstlose Männer mit Herz tmd Geist stehen, arbeitet mit Begeisterung, um alle Uebelstände zu beseitigen, aber nur dann kann der Erfolg sicher e i u t r e t e n. w e n n alle n m feine Fahne s i ch s ch a a r e n. Kollegen Mährens! Lasset ab von Eurem Separatismus, kommt zu uns, tauschen wir die Gedankeit aus. streben wir doch nach einem Ziel, das Wohl unserer Kollegenschaft; lasset alles Persönliche bei Seite und kämpfet an unserer Seite für unser heiliges Fach, Ma s che o war, owor. Was gewesen ist, sei vergessen, niemand ist fehlerfrei. Kollegen Böhmens! Warum stehet Ihr so indifferent unserer Organisation gegenüber? Auch für Euch gilt das Obengesagle! Kommet zu uns, schließet Euch rins an, auf daß wir achtunggebietend dastehen und sowohl nach außen und innen mit Einmütigkeit alle Schäden, die unseren Stand bedrücken, erfolgreich beseitigen können. An meine geehrten Herren Kollege» nnd lieben Freunde. Es gehört wohl zu den Seltenheiteu, daß ein Autor bei Erscheinen seines Werkes, dasselbe in einem Artikel bespricht. Doch will i ch diese Ausnahme machen und das Entstehen und den Inhalt meines Werkes, — statt eures Borwortes — an dieser Stelle einer Besprechung unterziehen. Selbstverständlich erwarte ich von den berufenen Persönlichkeiten eine fachmännisch musikalische Kritik, jedoch will ich nur flüchtig die historisch traditionellen Momente beleuchten. Wenn ich hiebei gezwungen bin, meine kantorale Vergangenheit zu streifen, so bitte ich meine veehrren Kollegen, dies nicht als Unbescheidenheit aufzufassen, da ich nur Tatsächlich es Vorbringen will. Als ich vor 15 Jahren, nach nahezu 40 jähriger Wirksamkeit, als Kantor in Ungarn, mich ins Privatleben zurückgezogen hatte, legte ich mir die Frage vor: Was hast du während deiner langjährigen Wirksamkeit für dein Fach getan, was hast du gearbeitet, was hast du Bleibendes geschaffen, um deine Kunst zu vererben? Nun die Antwort: Ich habe Triumpfe gefeiert, wurde geehrt und bewundert, habe mir als Kantor einen' nicht unbedeutenden Ruf und Namen geschafft, jedoch den letzten Punkt meiner Frage, konnte ich mir selbst nicht beantworten, sondern faßte den Entschluß, das Versäumte nachzuholen. Und so arbeite ich seit 15 Jahren mir Begeisterung und Liebe für unseren Stand an diesem Werke „Schir Choclosch“. Dieses Werk, von welchem nunmehr die erste Lieferung, I. Teil des Freitagabend-Gottesdienstes erschienen ist, übergebe ich meinen Kollegen zum S t u d i n m. nicht zum Durchschauen, nein, studieren sollt ihr es, um daraus zu schöpfen. Ich habe nur traditionelles, altes, echtes, gutes Chasonus bearbeitet und verweise, z. B. auf den Sephira-L'cho dodi, in welchem die älteste Lsphiru-Melodie verwendet wurde, die der Heutigen CHasonimgeneration fremd sein dürfte; im „likras Schabbos“ und „Baui wescholaum“ habe ich das Motiv von „Al horischonim“ und m „Lau sewauschi“, das Motiv von 8egilossi festgelegt, um dieselben teilweise zu erhalten. Die Adonoj Moloch’s. die We* schomru’s, der Kadisch, der Kiddusch sind streng in alter, ja ältester Tradition gehalten. Selbstverständlich war ich bemüht, diese herrlichen traditionellen Weisen in entsprechende musikalische Form zu kleiden und so allen Synagogen zugänglich zu machen. Indem ich hoffe, die geehrten Kollegen werden diesen Schir Chodoseh, welcher die Erhaltung der alten Tradition für die Synagogen sich zur Aufgabe macht, würdigen, und zur Ehre Gottes auch aufführen, begrüße ich alle in kollegialer Freundschaft aufs herzlichste. Rafael Moor Nemetprona, Nyitraer Kvmitat in Ungarn Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18399. &*$&*%**£■