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Die Wahrheit · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27. Die Wahrheit Seite 9. Kiteratnr. Jüdische Universalbibliothek. Nr. 101: Gedichte von Morris R o j e n f e l d. In Nachdichtung von Friedrich Thieberger. Mit einer Einführung von Friedrich Adle r. 20 Pfennig. 24 Heller. Verlag von Richard B r a n d e i s in Prag. Der berühmte Jargondichter erscheint hier znnr erstenmal in billiger Volksausgabe. Die Nachdichtung der fast noch gänzlich unbekannten, znm Teil nach dem Manuskript wiedergegebenen Originale, stammt von Friedrich Thieberger. der bekanntlich bei dem Preisausschreiben der „Jüdischen Rundschau" in Berlin für eine Nachdichtung an erster Stelle preisgekrönt wurde. In der Einführung, die der Sammlung ein -besmrderes 'literarisches Gepräge gibt, äußert sich der bekannte Dichter Friedrich Adler: „Was die vorliegenden Nachdichtungen anlaugt, so sind sie im wirklichen Sinne des Wortes 'Nachdichtungen. Sie legen auf den Ton und den poetischen Gehalt, kurz, was man die innere Form des Originales nennt, das Hauptgewicht und werden so geeignet sein, den Leser mit dem Geiste und der Gefühlswelt Morris R o s e n s e l d s vertraut zu machen." — Die Sammlung ist -auch als Velinausgabe in elegantem Geschenkbande erschienen. * Woosröschen. Erzählung von Babette Fried in Prag. (Fortsetzung.) Als Rose das Helmstädtische Hans verlassen hatte, atmete -sie von einer schweren Last befreit, tief auf. Was war aus ihrer Freundin geworden? Wie konnte sie in einer Familie leben, die auf dem Sprunge stand, den angestammten Glauben .abzulegen, und sich jetzt schon von der Dienerschaft als Nichtjuden aufspielte. Jetzt erst dankte sie es ihrem freundlichen Geschicke, das sie selbst in das echt jüdische Haus des Doktors geführt hatte, wo sie dieselben Grundsätze, nach denen ihre "Eltern in dem kleinen böhmischen Grenzstädtchen lebten, hier in der Haupt- und Residenzstadt vertreten fand. Rose holte den Doktor aus dem Kaffeehause ab, welcher sich nicht wenig wunderte, daß ihr Besuch ein so kurzer gewesen; mehr noch wunderte er sich darüber, daß die sonst lebhafte Rose jetzt ganz einsilbig geworden war. Der Doktor befragte sie teilnahmsvoll über den Grund ihrer augenscheinlichen Betroffenheit, erhielt aber ausweichende Antworten. Da drang er nicht mehr in sie. Es war nicht gewöhnliche Neugierde, wenn er so gerne gewußt hätte, was seinem Liebling bei diesen Parvenüs widerfahren sei, sondern die innigste Teilnahme. Indessen war er solch ein Menschenkenner, daß er sich sagte, daß Mose ihm selber später alles haarklein erzählen würde, wenn er ihr nämlich Zeit lasse, ihre Gedanken zu ordnen und das Wichtige vom Unwesentlichen zu sondern, ersteres ihren Freunden zu erzählen, letzteres aber nicht zu erwähnen. Denn das sinnige Mädchen war ebenso allem unnützen Geschwätze abhold, wie sie anderseits wiederum vollständiges Vertrauen in Herrn und Frau Grünfeld setzte und ihnen nichts Wichtiges verschwieg. Als der Doktor mit Rose nach Hanse kam, erschien seine Frau selber um zu öffnen. Ein Blick auf das gütige Antlitz der Matrone belehrte den alten Herrn, daß diese freudig erregt sei. Er brauchte nicht erst nach dem Grund dieser Erregung zu fragen, denn sie empfing die Angekommenen mit den Worten: „Wir haben einen Gast, Kinder, ratet einmal wen?" „Doch nicht Arthur?" rief der Doktor aus. „Erraten, Väterchen, Arthur ist es. Er hat sich einen .Urlaub genommen unter dem Vorwände, die Weltausstellung, die er im März im unfertigen Zustande gesehen, jetzt in ihrer Vollendung gründlich kennen lernen zu wollen, eigentlich aber um wieder eine kurze Zeit bei uns alten Leuten weilen zu können. Der gute Junge!" „Wo ist er, ist er zu Hause?" frug der Doktor. „Er hat jetzt einen notwendigen Geschäftsgang ^gemacht, kommt aber, bald wieder, wie er versprach." Die Nachricht von der unerwarteten Heimkehr des jungen .Haussohnes hatte Roses Verstimmung nur vermehrt. Sie kam sich jetzt in diesem kleinen Familienkreise so übersiüssig vor, daß sie ernstlich daran dachte, heimzureisen. Was sollte sie noch hier. Jetzt war der Sohn heimgekommen, die Alten brauchten -keine andere Zerstreuung mehr, sie würde von ihnen kaum vermlißt werden. Im Gegenteil, die Gegenwart der Fremden würde störend im trauten Zusammensein von Eltern und Sohn wirken. Und ohnedies bewohnte sie ja das Zimmer, das immer für ihn bereit stand. Das wollte sie natürlich gleich räumen. So wie nach jeder Ansfahrt zog sie sich auch dieses Mal in ihr Zimmer zurück, ilm den Straßenanzug mit einem bequemen Hauskleide zu vertauschen, und sich Gesicht und Hände vom Staube zu reinigen. Auch jetzt tat sie das, aber wie geistesabwesend, rein mechanisch. Dann machte sie sich daran, die Vorbereitungen zu ihrem Umzuge zu bewerkstelligen. Sie packte alle in den Schränken befindlichen Effekten in ihrem Reisekoffer und band alle ihre aus dem Schreibtische befindlichen Bücher und Schriften in ein Packet zusammen, das sie auf diesen Koffer legte. Nun war sie zum Uebersiedeln fertig, denn das stand fest bei ihr, daß sie das Zimmer seinem rechtmäßigen Besitzer räumen, und bis sie abreiste, irgendwo im Hanse und wäre es auch im Dienstbotenzimmer, Unterkommen würde. Dann setzte sie sich an ihr Lieblingsplätzchen, dem jetzt leerstehenden Schreibtisch und hing ihren Gedanken nach. Sie hatte so glückliche, so fröhliche Tage in diesem kleinen Stübchen verlebt, und nun, da sie es verlassen sollte, früher als beschlossen war, kam sie sich so elend, so verlassen vor. Der schöne Traum war nun ausgeträumt, und das Erwachen führte sie wieder in die alltägliche Eintönigkeit des Landlebens zurück, in den ihr so verhaßten Killeklatsch, dem sie hier nicht begegnete. Das machte sie sehr traurig. Sie konnte sich der Tränen nicht enthalten, die ihr das Mitleid mit sich selbst erpreßte. Das Gesicht mit beiden Händen verdeckend, weinte und schluchzte sie, daß es zum Erbarmen war. So vertieft in ihrem Schmerze bemerkte sie nicht, daß ohne vorheriges Anpocheu sich die Tür öffnete, und ein fremder Herr ins Zimmer trat. Erst sein lautes: „Pardon, Fräulein!" ließ sie aufblicken. „Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich so ohneweiters hier eingedrungen bin. Ich glaubte, das Zimmer wäre leer, und gewohnheitsmäßig ging ich hinein. Sie sind natürlich Fräulein Hauser, der werte Gast meiner Eltern, und gestatten Sie, daß auch ich mich Ihnen in aller Form vorstelle. Mein Name ist Arthur Grünfeld." „Der Sohn des Hauses? Es ist mir sehr lieb. Sie kennen zu lernen, und finde ich es sehr natürlich, daß Sie in Ihr Zimmer kommen, das ich in der Zeit ihrer Abwesenheit benützt habe; doch werde ich es noch heute räumen. Sie sehen da meine Siebensachen zusammengepackt, und ich erwarte nur, daß mir Ihre Mama den Platz anweise, wo ich sie für heute unterbringen kann. Morgen mache ich Ihnen vollends Platz, indem ich heimfahre." „Was höre ich, liebes Fräulein! Sollte ich Sie durch meine Ankunft vertrieben haben? Das lag gewiß nicht in meiner Absicht. Ich habe mich kindlich darauf gefreut, das Moosröschen kennen zu lernen, von dem mir Mama in jedem Briefe so viel Liebes und Schönes schrieb, und jetzt wollen Sie fort." „Muß ich nicht?" „Müssen? Davon ist keine Rede. Fragen Sie mich lieber ob Sie dürfen und darauf antworte ich entschieden: „Nein!" Denn sonst gehe auch ich fort, und Papa und Mama bleiben ganz allein und verlassen zurück." „Aber ich muß Ihnen doch Ihr Zimmer überlassen und in einem andern ist kein Raum für mich." „Das gebe ich zu, denn junge Damen beanspruchen wohl mehr Raum als so ein Junggeselle wie ich, der gar oft in einem schmalen Feldbett in einem engen Zelte übernachten muß. Deswegen sollen Sie bleiben, wo Sie sind, und ich schlüpfe schon irgendwo unter. Bitte aber noch einmal, verübeln Sie mir es nicht, daß ich hier eingedrungen bin. Es geschah aus alter Gewohnheit und in sträflicher Gedankenlosigkeit." „Sie bleiben also hier, Fräulein Rose, fügte er" hinzu. „Versprechen Sie mir dies, so verspreche ich Ihnen dafür, meiner Mama nichts zu verraten, daß Sie einen Moment daran dachten, sie verlassen, und daß ich Sie in Tränen augetroffen habe." (Fortsetzung folgt.)

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