Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9. Nr. 26 Die Wahrheit Moosröscherr. Erzählung von Babette Fried in Prag. (Fortsetzung.) Das war von dein Kammerkätzchen nicht artig gewesen, -sie draußen stehen zu lassen, aber sie mochte in der Besuchenden -feine Dame erblickt haben, die mit ihrer Herrschast oder deren -Gäste ans gleicher Gesellschastsstnse stehe, und machte deswegen keine großen Umstände, mit ihr. Das Dienstpersonal bei dem Bankier Helmstädten war gut dressiert. -.Während Rose, in ihren Erwartnngen etwas herabgestimmt, aus Elses Ankunft harrte und die unterbrochene Musterung fortsetzte, bemerkte sie auch, daß an der Türe keine Mesusa angebracht war. Wie traulich hatte es sie angemutet, als sie beim Betreten der Grünfeldschen Wohnung an der Türe die Mesusa prangen sah, welche ihr zuzuriesen schien: Das Haus, das Du jetzt zu längerem Verweilen betrittst, wird von guten Juden bewohnt, es steht unter dem Schutze des Allmächtigen, dessen heiliger Name an der Psorte geschrieben ist. Mit sreudigeni Gemüte war sie da eingetreten und göttlicher.Friede umwehte sie, seit sie darin weilte. „Hier aber", sagte sie sich, „hier möchte ich nicht wohnen." ' Jetzt wurde abermals die Türe geöffnet, und es war ihre Freundin Else, die hinaus zu ihr trat. * „Ah, Moosrösel, dachte ich's doch gleich, daß dn's bist, und dich nicht getrauest, einzutreten. Komm' nur weiter, Kind, es wird dich niemand fressen, brauchst nicht zwischen Tür und Angel stehen zu bleiben." Rosa hatte Mühe die anfsteigenden Tränen zu unterdrücken. Nein, so hatte sie sich das Wiedersehen mit ihrer Else nicht vorgestellt. Am liebsten hätte sie sich gleich entfernt, doch unterdrückte sie ihre Empfindlichkeit und sagte: „Woher fürchten? Ich bin nicht so feige. Als ich nach dir fragte, hat mir das Fräulein hier — sie wies dabei ans die immer noch danebenstehende Kammerzofe — die Türe knapp vor der Nase zngeschlagen und ging dich holen. Else fing zu lachen an. „Aber so was! Was denken Sie denn, Adele? Das Fräulein hier ist eine Landsmännin von mir, die mir Nachricht von zu Hause bringt, die hätten Sie ohne weiteres hereinführen können. Wie unter Peitschenhieben zuckte Rosa unter diesen herzlosen Worten zusammen. Am liebsten wäre sie gleich sortge- Zangen, und hätte sich zu ihrem guten Onkel Doktor geflüchtet. Aber sie harrte aus und trat an der Seite Elses in den großen Vorsäal.eiu, in welchem alle Türen der geräumigen Wohnung mündeten. Was sie da sah, übertraf doch alles, was sie nach dem. Empfange, der ihr hier geworden, erwartete. Ueber der durch schwere Portieren verdeckten Eingangstüre hing ein altes, aber von Künstlerhand hergestelltes Madonnenbild, unter dem ein Öellämpcheu, ein sogenanntes ewiges Licht brannte. Vorder neugierig lanschenden Adele erlaubte sich Rosa keine Bemerkung. aber als die beiden jungen Mädchen allein in Elses Zimmerchen eingetreten waren nnd sich aus dem Sofa niedergelassen hatten, war Rosas erste Frage: „Herr v. Helmstädten ist also kein Jude?" „Aber ja, natürlich, gewiß ist er es, das heißt," fuhr sie .zögernd fort, nur so lange,, bis die Taufe vollzogen ist; Herr o. Helmstädten will eben den alten Plunder von sich werfen." „Wenn-er noch Jude ist, warum das Madonnenbild?" „Weißt du, es ist der Dienerschaft wegen, diese hätte ja gar keinen Respekt, wenn sie ahnte, daß ihre Herrschaft dem Judentume angehört." „Und hier, in diesem Hause, dieser Umgebung lebst du, deren Vater das Amt eines Knltusvorstehers bekleidet? Kennen deine Eltern diese Verhältnisse?" Else begann mit hochtrabenden Worten den Standpunkt der Helmstädtischen Familie zu verteidigen, doch Rose unterbrach sie: „Höre auf mit diesen eingelernten Phrasen, sie stehen niemandem gut an, aber in dem Munde eines jungen Mädchens 'wirken sie sogar abstoßend." Nach diesen Worten erhob sie sich, um Abschied zu nehmen. „Du willst schon fort, Moosrösel, du bist ja erst gekommen. bleibe noch ein wenig, ich habe mich doch so sehr auf deinen Besuch gefreut, mich geradezu nach einer Aussprache mit dir gesehnt, und jetzt nullst du mich verlassen, bevor wir noch ein rechtes Wort gesprochen haben." Jetzt wo sie den spöttischen Blicken der neugierigen Adele nicht ausgesetzt war, spielte sich Else auf die zärtlichste Freundin auf und wurde nicht müde, ihr liebes Moosrösel zu herzen nnd zu küssen. Diese ließ geduldig alles über sich ergehen, wußte sie doch, daß sie einmal und und nicht wieder hier gewesen. „Weißt du, Moosrösel," plapperte Else immer fort, „Herr und Frau v. Helmstädten wären schon längst getauft, und auch die kleinen Mädchen, die jetzt in der Schweiz in Pension sind, aber da ist der Sohn, der sie darin hindert, weißt du der, von dem ich dir einmal geschrieben habe. Der will durchaus Jude bleiben und setzt alles daran, die Eltern von der Taufe zurückznhalten; er ist ein ganz prächtiger Junge, so ernst und klug, besonnen nnd bescheiden, aber dieser Eigensinn macht ihn bei seinen Eltern verhaßt. Mir hat er anfangs sehr den Hof gelnacht, aber seit er mit den Eltern zerfallen ist, traut er sich auch nicht mir gegenüber." „Nun", erwiderte Moosrösel, „ich verstehe nicht, wie du es in einem solchen Hans anshalten kannst —" „Na. du. mit deinen veralteten Grundsätzen", fiel ihr Else ins Wort. ..Stille, kein Wort über dies Thema," rief Rose entrüstet ans. „Die Grundsätze, die du veraltet nennst, sind ein heiliges Vermächtnis unseres Volkes, das uns davor bewahrt, zerstreut, wie wir leben, im Gewühle der Völkerschaften nnterzngehen. Jetzt aber gestatte, daß ich mich entferne. Ich bin nicht in der Lage, eine Diskussion über diesen ernsten Punkt einzugehen; hier ist meine Adresse; solltest du etwas von mir benötigen — spotte nicht, es kann schon Vorkommen — so komme nur ungeniert zu mir. bei uns gibts keine Adele, sondern du wirst von meinen Gastsreunden herzlich empfangen werden." (Fortsetzung folgt.) Austritte uns dem Judentum. W e i ß e n st e i n Otto, Beamter, geb. 6. Oktober 1882 in Prag, 111 Kleistgasse 5. Fuchs Ernestine. Bankbeamtin, geb. 9. Juli 1887 in Marbach a. D., N.-Oe. I. Wipplingerstraße 31. Fuchs Agnes, Privatlehrerin, geb. 3. Februar 1884 in Wien, I. Wipplingerstraße 31. Z ö h l i n g Hermine, geb. Klein, Private, geb. 20. April 1880 in Wien, V. Zeinlhofergasse 6. Mandl Alexander, geb. 7. Juni 1861 in Jassy, Runlänien, II. Afpernbrückenstraße 1. R a d s ch i k y Biktor. Heinrich, Handelsangestellter, geb. 31. Mai 1882 in Wien, H. Haidgasse 11. Mühlhofer Irma, Schneiderin, geb. 11. Dezember 1883 in Arad. Ungarn, XX. Treustraße 30. Bucha Richard. Zahntechnikergehilfe, geb. 15. Dezember 1886 in Wien, XII. Arndtstraße 82. Bernstein Irene, Private, geb. 8. Oktober 1886 in Wien, I. Singerstraße 8. . . Bernstein Theresia, geb. 28. Juli 1862 in Wien. I. Singerstraße 8. H e r tz k a Grete, Private, geb. 15. Juni 1887 nt Wien, HI. Kegetgasse 20. N e u m a n n Ignaz Dr.. Hofnnd Gerichtsadvokat, geb. 16. September 1856 in Wien, I. Helferstorferstraße 2. S t i a s s n y Felix, geb. 5. Angnst 1892 in Wien, XVI. Nenlerchenfelderstraße 11. I m w a l d Julie. Friederike, Edle v. Waldtreu, geb. 23. Jnli 1881 in Wien. IV. Technikerstraße 5. Reiner Wilhelm, Spediteursarbeiter, geb. in Csoka, Ungarn, IX. Berggasse 37. H e l l m a n n Irma, geb. Redlich. Jndustriellensgattin, geb. 3. November 1882, Deutsches Reich, IX. Stroheckgasse 4. Mathias Adolf Dr., Hofnnd Gerichtsadvokat, geb. 8. Jnni 1667 in Köln a. R.. IX. Wasagasse 11. Müller Hugo, Schauspieler, geb. 3. April 1886 in Wien, IX. Alserstraße 17. Thür Siegfried, Dr.. Bahnkonzipist der österr. Eisenbahnen, geb. 20. Juli 1878 in Wien. IX. Glasergasse 17. Fried Otto, technischer Betriebsteiter, geb. 11. Oktober 1886 in Wien, I. Graben 27.