Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheit Seite 9. Kiteratnr. Jüdische Universalbibliothek. Nr. 95—96: DieKönigsibraur. Roman von Karola Buchheim. 40 Pfennig, 48 Heller. Verlag von Richard B r a n d e i s in Prag. Die durch ihre Erzählung „Aus Langen Tagen" (Jüd. Uuiv.-Bibl. Nr. 85) bereits bekannte, hochbegabte Schriftstellerin übertriffc sich geradezu in ihrem neuesten, fesselnden Roman ^,Die Königsbrant", in dessen Vordergrund der zur Königswürde gelangte volnische Herzog Boleslaw II. steht, welcher die mit Anmut und Schöncheit ansgestattete Tochter eines frommen Juden anbeter, sich mit ihr, die gegen den Willen des verzweifelren Vaters Gegenliebe erwidert, verlobt Hat nnd sie auch zu seiner königlichen Gemahlin erhoben härte, wenn nicht die Tragik des Schicksales ihn. der zum Mörder des Bischofs von Krakau. Stanislaus, geworden, seine Absetzung und Vertreibung ans seinem Reiche mnd den Tod der Königsbrant, die Jüdin geblieben, herbeigeführt hätte. Ost und West. Heft 5. Mai 1910. 10. Jahrgang. Inhalt: Der Zweck der Alliance-Schnlen. Konstantin Brnnner (mir Porträt), Ernst Altkir ch. Die Inden von Nordafrika, ihre Verbreitung nnd Abstammung (mit 7 Illustrationen), Ernst v. H e s s e - W a r t e g g. Die deutsche Bibel. Ein Versuch. M. A. K l a u s n e r. Der Moloch. (Trauerspiel in drei Aufzügen). III. (Schluß), Leo B i r i n s k i. Luigi Lnzzarti (mit Porträt). Schach. Dr. Cmanuel L a s k e r. Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraslite Universelle": Jahresbericht des Direktors Albala von der Alliance-Schule in Bagdad. Das Schuljahr 1909 in Hamadan (Persien), H a b i b. Rabbiner Dr. Adolf Lewin (mit Porträt). Dr. M. K o e b n e r. Notizen : Zum Alliance-Jubiläum. Der erste Glückwunsch zum Jubiläum der Alliance. Ans den Alliance-Schulen. Westhofen im Els. Frankfurt a. M. Nene Alliance-Schulen. Die Alliance- Schulen in Adrianopol. Saloniki. Die jüdische Einwanderung in den Vereinigten Staaten im Februar 1910. Inserate. Woosröschen. Erzählung von Babette Fried in Prag. ‘ (Forts.) Die Rabbinerin meinte, schließlich wäre es gut. wenn auch Rosa einmal ans einige Zeit in die Welt hinauskäme aber es wurde weiter nicht davon gesprochen. Das Leben des jungen Mädchens verlief seit Elses Abreise ans die eintönigste Weise. Von Tag zu Tag harrte sie sehnsüchtig des versprochenen Briefes, doch verging eine geraume Zeit, nnd derselbe war noch immer nicht gekommen. Der kleine Ort, in welchem Rabbiner Hanser wirkte, besaß wohl auch ein Postamt. Da es aber nur mit einer ziemlich entlegenen Bahnstation in Verbindung stand, wurden die angelangten Briese nur einmal des Tages ausgetragen. Nie zuvor hatte Rosa so erwartungsvoll nach dem Stefansboten ansgelugt, wie während dieser Zeit. Sie stand täglich um die vierte Nachmittagsstnnde vor dem einzigen Fenster ihres Stübchens, welches die Aussicht bis zu dem Wirtshaus gewährte, woselbst das k. k. Postamt untergebracht war. Da sah sie auch heute das mit braunem 'Ledertuche bedachte Wägelchen anfahren, welches die Verbindung mit dem Bahnhofe und der Außenwelt vermittelte, sie sah Den Postbediensteten anssteigeu und die lederne Tasche mit den Briefen hinein ins Postamt tragen. Es dauerte eine hübsche Weile, bevor der einzige Beamte mit dem Sortieren der Briefe fertig wurde. Dann schritt der Briefträger in dem stolzen Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit langsam und gravitätisch von Haus zn Haus, überall Briefe abgebend. Rosas Herz klopfte fast hörbar, als er in das Güßchen einbog. das zu ihrer Haustüre führte. Eilends lief sie dem Willkommenen entgegen nnd entriß ihm stürmisch die beiden Briefe, die er für sie in der Hand hatte. „Ein Brief für Sie, Fräulein Rosa, nnd einen für den Herrn Vater." Ohne den Brief an letzteren nur anzusehen, trug sie ihn hinein ins Zimmer zu den Eltern, während sie sich mit dem ihren, dessen Adresse die ihr bekannten Schriftzüge ihrer .Freundin trug, in ihr Zimmer stüchtete, um ihn mit Muße lesen zu können. - Das umfangreiche Schreiben schien ihr eine Botschaft aus einer anderen Welt zu sein, ans einer schöneren, erhabeneren, die sie niemals in ihrem Leben ans eigener Anschauung kennen lernen könnte, von der nur durch die Freundlichkeit Anderer einzelne Töne zn ihr dringen würden. Mit welcher. Hast auch das vereinsamte Mädchen nach diesem Briefe gegriffen, und mit welcher Begierde sie ihn gelesen hatte, sie legte ihn enttäuscht nnd unbefriedigt ans den Händen. Sie würde anders, ganz anders geschrieben haben, wenn sie sich an 'Elsas Stelle befunden hätte. Der Brief lautete: „Liebstes Moosrösel! Du siehst, ich halte Wort nnd schreibe Dir von hier aus, so knapp meine Zeit auch ist, so sehr ich auch von Vergnügen zu Vergnügen renne, nein vielmehr gedrängt werde. Ich bin mit Papa im Konrierzuge 2. Klasse gefahren, und im Wiener Franz Josefsbahnhofe wartete schon die Equipage des Herrn v. Heimstätten auf uns. Ich sage Dir, das war großartig! Prachtvolle Pferde, ein neuer Wagen mit blauem Atlas ausgeschlagen. Kutscher nnd Lakai in Uniform, dunkelblau und mit Silber, ich sage Dir. einfach wunderbar. Nach dieser Beschreibung kannst Du Dir den Zuschnitt des ganzen Haushaltes, dessen Gast ich jetzt bin, vorstellen. Zu Hause war ich glücklich, wenn die Leute so viel Lebensart besaßen, um mich Fräulein Elie zu nennen, wenn sie nicht bloß Elschen ohne „Fräulein" zu mir sagten. Hier heiße ich: Gnädiges Fräulein. Gleich andern Tags wollte ich in die Ausstellung fahren. Ich hätte mich schon wieder gerne in der blauen Kutsche gesehen und gut ansgelugt, ob wir nicht Bekannten von daheim begegneten, die mir nachblicken und sich zweifelnd fragen könnten: Ist das die Else Reichmann, oder ist sie es nicht? Das wäre ein Göttergenuß für mich gewesen. Aber vorher mußte ich ansrnhen, mich durch ein Bad erfrischen. Erst dann kam die Hauptsache: Meine Garderobe vervollständigen. Mußte aber da Papa tief in die Tasche greisen. Gut, daß ich bei unserem Schneider nichts arbeiten ließ, der hätte mir die Toiletten so hergerichtet/daß ich sie in Wien nicht hätte anziehen können. Tie Kleider solltest Du sehen, die mir Papa gekauft hat; in denen sehe ich wie eine chicke Wienerin ans. Als ich dann in Begleitung von Papa ilnd dem jungen Herrn v. Helmstädten — der alte hatte im Büro §n tun — in die Ausstellung gefahren bin, hat uns alles nachgeschant. Die schöne Equipage! Und einen Hut habe ich Dir, reizend. Weißer Bast, ganz mit Rosen garniert, dazwischen breites, schwarzes Sammlbaud. Der Hut hat 25 Gulden gekostet und Frau v. Helmstädten sagt, daß dies halb geschenkt sei, es ist ein Pariser Modellhut. Na, dachte ich mir. wenn Dich so Moosrösel sehen könnt', die hätt' eine Freude! Ich fang' schon an. etwas Dialekt zu reden, damit man nicht gleich merkt, daß ich a Böhmin bin. Weißt, die Böhmen sind hier sehr schlecht angeschrieben. Und in der Weltausstellung ist es schön, wunderbar. Am längsten hielten wir uns in der Damenkleiderausstellnng ans. So etwas hat man sogar in Wien noch nicht gesehen. Am allerbesten gefiel mir ein hochrotes Samtkleid mit schwarzen Spitzen und ein hellblaues Atlaskleid mit echten Brüssler Spitzen. Aber ein Brauttoilette war ansgestellt, so eine wünschte ich mir. Das muß eine glückliche Braut sein, die solche Herrlichkeit anlegen kann. Und Schmuck ist ausgestellt, wie wir uns keinen Begriff davon machen können. Tante Fini meint wer weiß was. wenn sie sich eine fünffache Perlenschnur um ihren dicken Hals umlegt; sie glaubt, daß so etwas noch nicht dagewesen ist, aber das sollte sie iehen. Ein Kasten ans Glas enthält den ganzen Schmuck der Gräfin Dndley; der besteht ans Ohrgehängen, Brosche, Diadem, Fächer und Opernglas in sechserlei Ausführung: in Brillanten, Perlen, Smaragden, Korallen. Saphiren und Amethysten. Dieser Schmuck hat einen unermeßlichen Wert, und dann gibt es noch massenhaft anderen Schmuck, man glaubt in einem Feenlande zu sein. Und diese Spitzen und Fächer. Von den Wäschefirmen hat sich Papa die Adresse geben lassen, nnd eventuell dort meine Ausstattung kaufen zu können. Papa hat auch in der Ausstellung große Einkäufe gemacht. hat sehr viel Geld ausgegeben, denn ist alles entsetzlich teuer. Herr v. Helmstädten har mir ein Geschenk gemacht, eine kunstvolle Schmuckkasserte. echt japanische Arbeit. Ich habe für Dich auch ein kleines Geschenk gekauft, einen japanischen Palmsächer.*) (Fortsetzung folgt.) *) Solche Fächer wurden damals in Wien um 25 Kreuzer gekauft und vielfach benützt.