Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 16 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr Roth unter massenhafter Beteiligung statt. Den Trauungsakt versahen Rabbiner Dr. SS bei e« und Oberkautor B a s s e r. Wie«. Freilag, den 8. d. M., ist der Präsident des „Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Alois Klemperer infolge eines Schlaganfalles plötzlich gestorben. Mit ihm ist ein wirklich edler und hochsinniger Mensch dahingegaugeu, der die Pflichten des Menschen gegenüber seinen Nebenmeufchen in der idealsten Weise auffaßte und seine ganze Muße gemeinnütziger, von reinster Menschenliebe erfüllter Tätigkeit widmete. Unter ungemein zahlreicher Beteiligung fand Sonntag, den 10. d. M., das Leichenbegängnis statt. Aus dem Zentralfriedhose hielt namens der Advokatenkammer Präsident Dr. v. Feistmantel dem Verblichenen einen lvarmen Nachruf. Nach ihm sprachen Dr. K n ö p f m a ch er im Namen des israelitischen Humaintätsvereines „Bnei Brith", Dr. Ignaz Saxl, welcher mit dem Verstorbenen durch eine mehr als vierzigjährige innige Freundschaft verbunden war, für den engeren Kollegenkrels und Dr. Gustav L a n g st e i n im Namen des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Wie«. Am 12. d. M. wurde der emeritierte Hauptschullehrer Herr Moses Pick zu Grabe gerragen. Der Verstorbene, der ein Alter von 88 Jahren erreichte, war viele Jahrzehnte in verschiedenen Gemeinden Böhmens als Lehrer tätig. Er verfaßte mehrere von der Fachliteratur anerkannte pädagogische Werke und Jugendschriften. Lehrer P . ck ging in seinem Berufe ganz auf und oblag demselben mir jugendlicher Begeisterung bis zu seinem Lebensende. Bei seinen zahlreichen Schülern war er sehr beliebt und sie bewahrten ihm ein dankbares Gedenken. Der Verstorbene zeichnete sich auch durch iniiige Frömmigkeit und Gottesvertraneu ans und beschäftigte sich unermüdlich mit deni Studium des hebräischen Schrifttums. Bei dem Leichenbegängnisie, an welchem eine startliche Trauergemeinde teiluahm, hielt Herr Rabbiner Dr. Gelbhans dem Verewigten einen tiefempfundenen Nachruf, in dem er ihn sowohl als Pädagogen und Freund der Jugend, als auch als einen Manu pries, der durch seinen Lebenswandel zeigre, wie Glaube und Wisieu miteinander vereint sein können. Am Grabe sprach der Rektor der israelitischen Theologischen Lehranstalt Dr. A. S ch w a r z, der in warmen Worten die Tugenden des Verewigten schilderte und besonders hervorhvb, daß sich derselbe durch seine Lieblingsbeschäftigung — das Thorastudium — die jugendliche Frische des Geistes bis zu seinem Tode bewahrte. Wieu-Floridsdorf. Auch in unserem Gotteshause fand Samstag, dev 9. d. M.. 10 Uhr vormittags eine Feier zu Ehren des Herrn Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n, statt. Eingeleitet wurde sie mit einem eindrucksvollen Gebete vor offener Bundeslade von Herrn Rabbiner Dr. M. Rosen mann, in welchem der Segen Gottes überden Jubilar herabgefleht wurde. Beim Verlesen der Thora, wobei die beiden Kantoren H. Ro s ende r g und I. E i b e n s ch i tz entsprechende kckl-Lelikbsruolrs in exakter Weife vortrugen, wurde für den Dr. Giistav Kohn-Fond gespendet, namentlich von den Herren Knltusvorstehern Dr. Jakob König und Emanuel G r ü n w a l d. Mödling. Am 10. d. M. fand im „Jüdischen Bildungs- und Geselligkeitsverein" ein juugjüdischer Abend statt, der eine Blüteulese der neuesten jüdischen Poesie darbot. Bon Herrn Schauspieler Torczyner aus Wien wurden meisterhaft vorgetrageu verschiedene Dichtungen Rosenfelds, dann aus Münchhausens „Inda", „Der kranke Knabe" von P e r e z, „Peter Swansens Konzert" von Max B a r b e r und einige Gedichte von Beda. Ferner trug das bereits rühmlichst bekannte Fräulein Giza Stein „Die Landstreicher" von Morris R o s e n f e l d vor. Derli«. Die aus Jassy verbreitete Nachricht von einer Feuersbrunst, die das dortige Judenviertel vollständig zerstört habe, ist unzutreffend. Wie dem Deutschen Burean der Alliance Jsraelite Universelle telegraphisch gemeldet wird, hat nur ein unbedeutendes Feuer stattgefunden. Feuilleton. Der Ilaööi von Saragossa. Bon Ludwig Rieß stuck, rusck. (1894). In tiefem Schlummer Saragossa lag Und über all' die Schläfer breitet aus Mit leisem Flug die rabenschwarzen Flügel Geheimnisvoll die holde, selige Nacht. Des holden Gottes Zanberstab berührte Der Menschen Augen und sie senkten schnell Dre müden Lider, auszuruhn vom Kampf Des Lebens, sich zu träumen wahnbeglückt Ins Feenreich, ins Reich des holden Zaubers. Es ruhn die Menschen, frei von allen Sorgen, Die sonst ihr hartgeprüftes Herz betrüben! Det Gott des Schlummers küßt sie aus die Stirn UndH tiefer! Schlaf umfing die müden Glieder. — — Von einem Fenster nur strömt sanftes Licht, Und milder Schein ans die verlasstuen Straßen, Ein einfach-zierliches Gemach beleuchtet Der Ampel märchenhafter Zauberschein. Und tiefgebeugt beim Tisch der Rabbi saß, Der hochberühmte Rabbi Saragossas. Sein Name war, obwohl er jung an Jahren, Soweit die spanische Zunge reichte, von Des Quadianas leisen Stromeswogen Ja bis gen Nord gesegnet und gepriesen. In Frankreich, England, ja in Deutschlands Gaun Erscholl der Name Judas den Gabirol. In vorgerückter Stund' studieret er Das heil'ge Golteswort, das er empfangen Von seinen Vätern, um es dann zu lehren Das junge, neu erblühende Geschlecht. Er stützt das sorgenschwere Haupt, von dem In Locken wallt das rabenschwarze Haar. Ein schwarzer Bart umrahmt sein blasses Antlitz, Das vieles Leid erduldet haben mochte. So saß er lange unbeweglich da, In seinem Geist' er grübelte und sann, Bis er erschreckt anffuhr ans seinem Sinnen, Als Mitternacht vom nahen Turme dröhnte! Er blicket ans, ein schwarzes, Helles Auge Verrät des Rabbi große Geisteskraft, Doch eine Träne stiehlt sich in dasselbe, Ein Seufzer schwer entrang sich seiner Brüste Ein herber Zug von bittrer Trauer spielt Um seine Lippen, die den Segen sprachen Dem Volke Israels, des Jakob Sproß, Auf welchem damals schwer des Schicksals Hand Geruht, dem armen Volk die Ruh' zu stören. Schon lange blickt des stolzen Spaniers Auge Mit Haß und Ingrimm aus das Völkchen, um Die günstige Gelegenheit zu nutzen Mit Wut zn stürzen sich ans Judas Stamm. Der günstige Augenblick erschien, und wie Der gier'ge Wolf sich stürzet auf die Herde, Die ahnungslos ans dnft'ger Wiese weidet, Ein Lämmchen packt mit mörderischem Zahn, Die andern auseinander fliehen, nur Die Mutterliebe folgt des Räubers Spur, Das zarte Schäfchen aber sendet ihr Mit traur'gem Aug' den letzten Scheidegruß, So stürzte sich der Menge rohe Schar Aus Judas Sproß, den Haß an ihm zu kühlen. Es war ein trüber Morgen angebrochen, Der zögernd nur die dunkle Nacht verscheuchte. Die finsteren Wolken peitscht ein kalter Nord, Das bange, düstere Gewölk durchbrach Nur schwer des Phöbus prächtige Strahlenkrone. Doch Saragossa schien nicht zu beachten Die tranrig-finstern Mienen der Natur, Der weisen Mutter alles Lebenden. Das Antlitz aller Fröhlichkeit verrät Verbannt ist jeder Kummer, jeder Schmerz, Der Freude Schimmer zieht durch jedes Herz. Es streut gar viele bunte Blumen aus Der schönen Jungfraun nnentweihte Hand. Das Volk in schönen, reichen Festgewändern Blickt sehnsuchtsvoll die weite Straß' entlang Und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Da sieh', es reitet durch das weite Tor. Gar hnch zn Roß ein glänzend prächt'ger Zug, Und an der Spitze lenkt den hohen Falben Ein finstrer Mann; aus dessen Augen sprühn Zwei Flammenblitze, alles zu versengen. Viel hochgemute Ritter folgen ihm , Und Edelfrauen blicken stolz hinab