Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 16 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 16. Juden in Rußland betreffende Fragen zn beraten. Eine Deputation dieses Kongresses erschien bei Stolypin, um ihn um eine Milderung des Loses der Juden zu bitten. Stolypin gab. wie die „Rjetsch" meldet, der Deputation nachstehende Antwort: „Durch die Beteiligung an der Revolution haben die Juden sich selbst geschadet, und der jüdische revolutionäre „Bund" hat einen schlechten Bodensatz zurückgelaffeu. Die Juden sind vom Alten Testament abgefallen, ohne dem Neuen Testament beigetreten zu sein. Wenn die Juden in religiösem Geist und in Ergebenheit für den Thron erzogen würden, dann kann an eine allmähliche Verbesserung ihrer Lage gedacht werden. Bürgschaften dafür kann man jedoch keine geben." * * * Auch die russische Reichsduma hat ihrer unfreundlichen Gesinnung gegenüber den Juden offenbaren Ausdruck gegeben und den Antrag der Landesverteidigungs-Kommission, die Aufnahme von Inden in die militär-medizinische Akademie völlig zu verbieten, angenommen. Während des russisch-japanischen Krieges haben jüdische Aerzte. wie ofsiziell hervorgehoben wurde, auf den Schlachtfeldern der Mandschurei sich hervorragend ausgezeichnet und in vielen Schlachten unter Todesverachtung den Verwunderen Hilfe geleistet. Von der Opposition wurden diese Tatsachen auch in der letzten Sitzung vorgebracht, aber die Oktobristen stimmten zusammen mit den Nationalisten für den Antrag und den Inden wurde der Zutritt in die Akademie völlig abgeschnitten. * * * Wie aus Petersburg verlautet, sollen die Jndengesetze in Südwestrußland mit besonderer Strenge durchgesührt werden. Mir der Frist bis zum 28. d. werden 651 jüdische Familien, im ganzen 2700 Personen, aus Kiew ansgewiesen werden. Um die Wohnnngsberechtignng zn behalten, haben einige von ihnen begonnen, sich mit einem Handwerk zn beschäftigen und nm die Aushebung des Ausweisungsbefehles petitioniert, doch wurden alle Gesuche vom Ministerium des Innern zurückgewiesen. Auch mehr als 400 christliche Handelsfirmen, mit dem Oberbürgermeister an der Spitze, haben gegen die Ausweisungen Protest erhoben und dem Generalgouvernenr General Trepow eine Denkschrift überreicht, in welcher sie um Annullierung der Ausweisungen baten, da sie großen ökonomischen Schaden verursachen würden. Aber alle Gesuche und Vorstellungen sind ohne Wirkung geblieben. Die Orgel in der Wiener Knltnsgemeindr. Vom Archivbeamten der Knltnsgemeinde. Herrn Sigmund Husserl. erhalten wir folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redakteur'. In der vorletzten Nummer Ihres gesch. Blattes vertritt der Verfasser der Artikelserie „Liberale Aenßerungen hervorragender Autoritäten in Polen in früheren Jahrhunderten". Dr. M- H- Friedländer, die Ansicht, daß Mannheimer die Einführung eines Gottesdienstes mit Orgel und deutschen Liedern als eine ans den Umsturz des traditionellen Judentums zielende .Reform entschieden perhorreszierte, und sucht diese durch Schilderung eitler Episode ans der Geschichte unserer Gemeinde zn begründen. Da jedoch die solcherart gekennzeichnete prinzipielle Stellung Mannheimers zur Orgelsrage mit den historischen Tatsachen nicht ganz im Einklänge steht, bitte ich zur Aufklärung der Sachlage um Aufnahme der nachstehenden aktenmäßigen Darstellung. Die Orgelfrage tauchte in Wien zum erstenmale im Jahre 1819 auf; die auf eine Reform des Gottesdienstes gerichteten Bestrebungen, welche sich seit Jahren in Deutschland geltend gemacht hatten, konnten nämlich bei der Wiener Judenschaft nicht unbeachtet bleiben. Unter dem 18. November 1819 verständigten die Vertreter sämtliche Tolerierte, daß sie, „nm ben Gottesdienst verständlicher und erbaulicher zu gestalten, den in Berlin und Hamburg bereits mit großem Erfolge eingeführten neuen Kultus in Wien nachahmen wollen." Da sich zahlreiche Tolerierte mit dieser Absicht einverstanden erklärten, unterbreiteten die Vertreter unter dem 7. Jänner 1820 der n. ö. Landes-Regiernng die Bitte, hiezu ihre Zustimmung zn erteilen. In dieser Eingabe heißt es unter anderem: „...es sollen zweckmäßig abgefaßte Gebete und Gesänge in dieser Landessprache eingeführt und letztere zur Erhöhung der Andacht und zur Erhaltung einer regelmäßigen Gesangsordnnng mit Musik und zwar von einer Orgel begleitet werden." Obwohl die Vertreter ein von hervorragenden jüdischen Gelehrten eingeholtes Gutachten, in dem eine Musikbegleitung sogar an Samstagen und Feiertagen für zulässig erklärt wurde, unter sämtlichen 137 Tolerierten zirkulieren ließen, konnten sich jedoch viele mit dem vorgeschlagenen Projekte nicht befreunden. Um den Frieden in der Gemeinde nicht zn gefährden, wurde schließlich von allen weiteren Schritten zn seiner Verwirklichung abgesehen. Diese Vorgänge spielten sich jedoch bereits vor der im Jahre 1825 erfolgten Berufung Mannheimers nach Wien ab. Es dürfte daher die Annahme, daß die Orgelsrage gelegentlich der bei Eröffnung des Stadttempels (1826) eingeführten Reformen überhaupt nicht wieder ansgerollt wurde und sonach Mannheimer gar nicht in die Lage kam, seine Stellung hiezu präzisieren zn müssen, umsomehr gerechtfertigt erscheinen, als dieser Angelegenheit in den noch vorhandenen ans dieser Periode stammenden Akten keinerlei Erwähnung geschieht. Neuerlich wurde diese Frage erst in der denkwürdigen Vertrelersitznng vom 24. November 1849, iu welcher zum erstenmale die Erbauung eines zweiten Bethanses in Beratung gezogen wurde, gestreift; der 90 jährige Jsak Löb Hofmann Edler von Hofmannsthal bemerkte nämlich hiebei: „Man wird doch, hoffe ich. eine Orgel einführen! Soll denn der Ritus in unserem Tempel ein festgefrorener fein?" Im Jahre 1855, als der Bau des Leopoldstädter Tempels bereits ziemlich weit vorgeschritten war. wurde diese Frage aktuell. Zahlreiche hierüber im Kltltnsvorstande gepflogene Beratungen blieben ergebnislos; mau einigte sich schließlich dahin, in einer gemeinsam abznhaltenden Sitzung der Vertreter des Bethansvorstandes sowie der beiden Prediger ein Einvernehmen zn erzielen. In der sodann am 9. November 1857 stattgefnndenen Sitzung sprachen sich Josef Wertheimer und Dr. Ludwig August Frankl — letzterer motivierte seinen Standpunkt in einer groß angelegten Rede — entschieden gegen die Einführung einer Orgel im neuen Tempel aus. Mannheimer bemerkte hierauf, „sehr überrascht zu sein, daß sich Männer wie seine beiden Vorredner, von denen er dies nie erwartet hätte, gegen die Orgel aussprachen. Seiner Ansicht nach habe die Orgel mit der Religion nichts zn Inn, denn auch er sei bereit zu erklären, daß kein A n st a n d obwalte, d i e O r g e l s e l b st a m S a m st a g und an den Festtagen zn benützen. Allerdings sei Orgel, Glocke. Gothik charakteristisch fast identisch mit der Kirche. Er selbst habe durch zehn Jahre in Dänemark und in Berlin in Synagogen gepredigt, in denen die Orgel spielte; diese habe sich aber nirgends in die Herzen gespielt. Die Orgel wirkt anfangs, allmählich aber wird der Hörer durch die langgezogenen Töne abgestumpft; endlich verlängere sie die Dauer des Gottesdienstes, welcher der hiesigen Gemeinde ohnehin zn lang vorkomme. Er zweifle, daß es gelingen werde, diejenigen, die jetzt den Tempel nicht besuchen. durch die Orgel dem Gottesdienste znznführen; dagegen werden viele wegbleiben, denen die Orgel in jedem Falle als ein christliches Instrument unangenehm bleibt. Es stehe zn befürchten. daß dadurch der Absatz der Betsitze beeinträchtigt werden würde, worauf denn doch anch bei der finanziellen Lage der Gemeinde Rücksicht genommen werden müsse." Hinsichtlich der.Einführung deutscher Lieder bemerkte dann noch Danilheimer, „daß rücksichtlich der Liturgie durchaus kein erstarrendes Prinzip festgehalten werden solle, daß aber für den Augenblick es nicht rötlich erscheine. Aendernngen vorzunehmen." Schließlich beschloß die Kommission einstimmig, daß die Wiederaufnahme der Fragen rücksichtlich der Orgel und Liturgie einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben solle.