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Die Wahrheit · 1910-04-15 · Heft 16 (15.4.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 16 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit Redaktion und Sldminisnnlion: Wien, Il/i Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VII1. Adminisirarion 4938/U, ff. l. öftere. Bostjparkasia- Scheck-ffoulo Rr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 2ö Heller. Ilbonuements- und Jusertiousberräge sind in Wien zahlbar und klagbar. ■ . . «abhängige Aertfchnfi für Mische Interessen. Erscheint jeden Areilng. Motto: „Das Siegel Uottes ist Wahrheit!* 1 Aerngspeeis: Ganzjährig.IC 14.- Halbjährig K 7. jj Für ÄnUnsbeuiiite: jj aiaiizjährig.IC 10. — jviif Ausland: (Äanzjährig.8 Mark 8 Rubel oder 18 Frc«. Ar. 16. Wie». 15. April «!»16. Inhalt: Aus der Woche. — Die Orgel in der Wiener Knltnsgemeinde. — Dr. Gustav Kohn. — Im Springerschen Waisenhaus. — Ein neues Wöchnerinnenheim in Budapest. — Verschiedene Nachrichten. — Der Rabbi von Saragossa — Austritte aus dem Judenrum. — Anfrus. — Notiz. Ans der Woche. In diesen Tagen begeht die „C e st e r r e i ch i s ch- Israelitische Union", die in den Zeiten drohender politischer Not als Kampfverein nach innen und außen ins Leben gerufen wurde und im Laufe der Jahre sich zu einer der größten jüdischen Organisationen in Oesterreich ansbildete, ihr 25jähriges Gründungsfest. Wer die Geschichte des Vereines von seinem Anbeginne, da sich eben die ersten Regungen der antisemitischen Propaganda zeigten, bis heute, wo die Vertreter dieser Richtung bestimmenden Einfluß auf die gesamte Politik in Oesterreich gewonnen haben, mit Aufmerksamkeit verfolgt und damit gleichzeitig einen Rückblick auf die Geschichte der Inden in den letzten 25 Jahren wirft, dem wird die Bedeutung, welche der Gründung dieser Organisation innewohnte, erst voll und klar zum Bewußtsein kommen. Sie sollte nicht nur ein Sammelpunkt werden zur Verteidigung der bedrohten politischen Rechte, sondern auch befruchtende Anregungen geben für das allwärts im Niedergange begriffene jüdische Gemeindeleben. Und mag auch manche Phase in der Entwicklung der „Oesterreichisch Israelitischen Union" Jrrtümer und Mißgriffe aufweisen, so wird dies dennoch nicht die große Zweckmäßigkeit und die hohe Bedeutung dieser Organisation Herabdrücken, die die österreichischen Juden zu politischer Selbständigkeit zu erziehen berufen war, und wir müssen angesichts des Jubelfestes aufrichtigen Dank jenen Männern zollen, die an ihrer Wiege standen, die sie begleiteten und aufwärts führten auf ihrem Werdegänge bis heute und die gegenwärtig an ihrer Leitung Anteil nehmen. ä- * * Die Tagesblätter brachten jüngst die Nachricht, daß der Wiener Kammersängerin, Fräulein Selma Kurz, die bekanntlich Jüdin ist und eine Einladung zur Abhaltung eines Konzertes in Petersburg erhalten hatte, seitens der russischen Behörden die Ausstellung des Paßvisnms verweigert wurde. Erst durch Intervention des Ministeriums des Aeußern soll der Künstlerin die Fahrt nach Petersburg ermöglicht worden sein. Wann werden endlich jüdische Künstler und Künstlerinnen soviel Stolz und Selbstachtung anfbringen, daß sie der schmählichen Behändjung. die ihnen infolge ihrer Konfession zuteil wird, durch prinzipielle Ablehnung aller russischen Einladungen ein Paroli bieten? * * Daß der neue ungarische Ministerpräsident von konfessionellen Animositäten vollkommen frei ist und den Juden gegenüber keine andere Stellung als gegenüber den andersgläubigen Bürgern des ungarischen Staates einnimmt, hat er durch seine bisherigen Enunziationen wohl schon deutlich genug erklärt, aber er läßt es auch an tatsächlichen Beweisen nicht fehlen, daß er den Menschen nur nach seinen Fähigkeiten und nicht nach seiner Konfession bewertet. So wurde zum Cbes des Preßbureans im königl. ung. Ministerprüsidium Sektionsrat Eduard i Klein ernannt. Klein ist einer der hervorragendsten Journalisten im Lalide und wird auch als Jude hochgeschätzt. ch ch ch In den seit einiger Zeit in der „Kreuzzeitung" erscheinenden Erinnerungen,. Vor fünfzig Jahren", finden wir folgende interessante Bemerkungen: „In der 18. Sitzung des Herrenhauses am 24. März kam es zu einer großen Debatte über die Zulassung der Juden zu den ständischen Rechten und öffentlichen Aemtern. Die juristischen Autoritäten und staatsmännischen Kapazitäten ans dem Haufe sprachen ihre große Bedenken darüber aus, aber die Minister setzten sich über alle Einwände und praktischen Bedenken hinweg, indem sie sich ans den Standpunkt stellten, daß das Recht aus ein Amt ein staatsbürgerliches sei. das mir dem religiösen Bekenntnisse nichts zu tun hätte. In der Praxis ergaben sich aber doch erhebliche Schwierigkeiten, die mit solcher prinzipiellen Betonung sich nicht aus der Welt schaffen ließen. Im Kreise Dramburg war, wie schon früher erwähnt, ein Jude als Dorfschulze bestätigt, und diese Bestätigung war auch gegen die Reklamation der Kreistagsmilglieder aufrechterhalten. Die Folge war, daß der jüdische Vorsteher, der sich keine Autorität bei den Bauern zu verschaffen vermochte, bereits mehrere Ortseingesessene wegen Beleidigung im Amte hatte anzeigen müssen. Das bestätigte vollkommen die geäußerten Bedenken, daß die Inden der bäuerlichen Bevölkerung gegenüber nicht dasjenige Maß von Autorität besäßen, das im Interesse'des Ansehens der staatlichen Behörden unbedingt erforderlich war. Demnach unterliegt es keinem Zweifel, daß eine lediglich vom prinzipiellen Standpunkt aus diktierte Stellungnahme in dieser Frage dem Interesse der Staatsantorität' nicht Genüge lat." Derselben Argumente, mit denen die herrenhäuslerischeu Reaktionäre vor einem halben Jahrhundert operiert haben, bedienen sich heutzutage preußische Minister a la Schönstedt, v. Heeringen. Auch ein Zeichen der Zeit! * * * Für die Juden in Rußland sind wieder böse Tage m Aussicht. Dafür sprechen mannigfache Erscheinungen der letzten Zeit. In Petersburg tagt ein Rabbinerkongreß, der von Stolypin einberusen wurde, um über verschiedene, die Lage der

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