Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 13 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 13 Diese beschränkt sich nicht nur aus die Oktoberpogrome. Sie geht den Ursachen dieser Metzeleien bis ins Einzelne nach, bezieht daher auch die früheren russischen Judenversolgungen in ihren Kreis ein, behandelt sie vom politischen, sozialen, psychologischen und nationalen Standpunkt ans, untersucht die verschiedenen Arten, in denen sie in Erscheinung getreten sind, spürt ihrer Organisation nach und beleuchtet ihren Zusammenhang mit den Strömungen der herrschenden Regiernngspolitik und die Stellung, die die Bureaukratie zu ihnen einnahm. Gerade dieser Teil der Darstellung bildet eine überaus wertvolle Ergänzung unserer Kenntnis der russisch-gouveruementalen Verhältnisse und ist geeignet, wenn ihr nicht durch unwiderlegliche Beweisstücke widersprochen wird, das Schuldkonto der russischen Regierung und Verwaltung um ein schwerwiegendes Stück zu erhöhen. Die Darstellung untersucht dann weiter die Wirkungen der Pogrome, beleuchtet mit eingehenden statistischen Angaben den ungeheuren Schaden, der durch sie den Juden, aber auch der russischen Volkswirtschaft zugeführt wurde, und endet mit einer Beschreibung und kritischen Betrachtung des nach den Pogromen eingeleiteten Hilfswerks, eines der großartigsten Denkmäler menschlicher Solidarität, das die Geschichte kennt. Die Einzeldarstellungen des zweiten Bandes geben in ihrer schlichten Sachlichkeit ein erschütterndes Bild jener Vorgänge und bilden darin ein Seitenstück zu den grauenhaftesten Erzählungen des Mittelalters, die uns überliefert sind. Die beiden insgesamt fast 1000 Seiten starken Bände verdienen in jeder Bibliothek ausgestellt zu werden und sollen jedenfalls in keiner jüdischen Bibliothek fehlen. Sem Knteil am Jenseits. Von Alois Bick. (Schluß.) Als der Kaufmann nach dem Mittagessen sich seine Zigarre allgebrannt hatte, wurden die Kinder vom Tische entlassen und seine Gattill von ihm ersucht, eine geschäftliche interessante Mitteilung entgegenznnehmen. Null gab er sein heutiges Geschäft mit lächelnder Miene zum Besten. Als er geendet hatte, mußte er zu seinem Erstanuen wahrnehmen, daß sich das rosige Gesicht seiner Gattin entfärbte, ihre Augen ihn starr anblickten und daß das arme Weib, als der erste Schreck sie losgelassen hatte, in einem fürchterlichen, besorgniserregenden Weinkrampfe sich anfznlöfen schien. Große Mühe kostete es ihn, sie zu deruhigem. Ihre ersten Worte warell: „Alfred! Was hast Du getan? Das große Rätsel in Deiner Brust hast Du verkauft für fchnödes Geld, dessen du mit Gottes Hilfe genug hast? Du forderst die Gottheit Heralls — es muß unter jeder Bedingung und um jeden Preis rückgängig gemacht werden. Alfred! geh', fahre ihm nach und kaufe den Schein zurück, mag er kosten, was er wolle. Du darfst nicht glauben, daß mich ein Glaubenswahn dazu treibt; nein, keineswegs, mich treibt Deine leichtsinnige Herausforderung einer göttlichen Macht dazu, eine Handlungsweise, welche ich in den Jahren unserer bisher so glücklichen Ehe nicht gesehen habe. Unser Haus war und ist ein freireligiöses und darf nicht das Glück desselben durch einen so unberechtigten — Scherz getrübt werden. Du hast mir bis heute keine berechtigte Bitte abgeschlagen; deshalb hoffe ich, daß dn auch heute, und zwar sofort, die Erfüllung der heutigen anstreben wirst. Bis dahin lebe wohl!" Unter Tränen hatte sich die Frau von ihm gewendet, still war sie in ihre Stube gegangen und lauge noch tönte ihr heftiges Schluchzen aus dieser an sein Ohr. Jetzt war ihm die Größe feines moralischen Fehlers ganz zum Bewußtsein gekommen, er rauchte nicht mehr und stand, lange überlegend, an den Speisetisch gelehlit. Endlich wachte feine edlere Natur auf, rasch ergriff er seinen Ueberrock, beit Hut und den Regenschirm, steckte Geld in seine Brieftasche und verließ seine Wohnung. Er eilte dem Nordbahnhofe zu und erreichte noch den Schnellzug, der ihn rasch nach Hohenau brachte. Hier mietete er einen Wagen und fuhr direkt nach — Sobotischt. Nicht mehr weit von diesem Orte, holte er den zu Fuß dahintrollenden armen Juden, der den Personenzug benützt hatte, ein und — beide fuhren nach dem gemeinsamen Ziele. Schon während der Fahrt machte der Kaufmann seinen Reisegefährten mit dem Zwecke seiner Reise bekannt. Dieser traute sich aber selbstverständlich keine Entscheidung zu treffen, sondern schlug vor, den Ortsrabbi zu Rate zn ziehen. Dies gestand auch der Wiener zn und so kamen sie an das dürftige Häuschen des Ortes. Nach einem kargen Imbiß, der den beiden erregten Männern sehr wohl getan hatte, betraten die beiden Männer die ärmliche Rabbinerwohnung. Freundlich empfing sie hier ein graubärtiger Greis von ehrwürdigem Aussehen und lauschte aufmerksam ihren Auseinandersetzngen, um dann in leutseliger Weise zu sagen: „Ich bin zwar Ener Rabbi, doch traue ich mich nicht, in dieser ernsten Angelegenheit eine Entscheidung zu treffen' denn ich erblicke darin die Hand Gottes. Ich kann Euch nur raten: Fahret zum Belzer Rabbi und haltet Euch daran, was er erkennen wird." Beide waren einverstanden, um so mehr, als der Kaufmann die Kosten der Reise auf sich nahm, und verabschiedeten sich unter Danksagungen vom Rabbiner. Bald darauf entführte die beiden der Wagen, welcher sie hergebracht hatte, zur Station und von dort rollten sie auf den eisernen Schienen dem Bestimmungsorte Belz zu. Am nächsten Abende kamen die Reisenden an und gönnten sich kaum die kurze Ruhe einer Sommernacht; denn schon zeitlich, nach dem Morgengebete, waren sie befreundet der Wohnung des Wunderrabbi zngeschritten und - wurden sehr bald vorgelassen. In seiner Studierstube bei seinen Folianten empfing der weise Rabbi die Bittsteller, ruhig hörte auch er ihnen zn und als beide, vor Erregung zitternd, geendet hatten, begann er mit sonorer Stimme: „Von Schern jisborech ist die Sache ausgegaugeu, er hat Euch zu mir geführt, deshalb, vernehmet meinen Rat. Ihr, lieber Freund, seid ein armer Mann, der sein Kind ausheiraten will, aber keine Man (Mitgift) hat. Ihr, lieber Herr, wollt Eueren Frevel aus Uebereilung gut machen. Das wird Euch nicht schwer fallen. Schaut nur ins Gebetbuch hinein, da findet Ihr unter den ersten Segenssprüchen: Das sind die Sachen, deren Früchte der Mensch auf dieser Welt genießt und sich einen Nntzgenuß schafft für das Jenseits. Darunter findet ihr Hachnossass Kaloh (Brautausstattung). Nun kauft Euch diesen Nntzgenuß dadurch, daß Ihr das brave Mädchen dieses armen Mannes auszuheiraten ermöglicht. Kaum hatte der Rabbi den Satz geendet, da fiel ihm der reiche Kaufmann auf die welken Hände und küßte sie unter Dankestränen. In Gegenwart dreier Zeugen fertigte er seinem Prozeßgegner einen Bon auf 1500 Gulden an seine Kassa aus, welcher drei Tage nach der Hochzeit zuhanden der Brautleute ausgezahlt werden soll. Freudig dankte auch nun der glückliche Vater für diese weise Entscheidung und küßte des Rabbi Kleid, als dieser, ihn entlassend, sprach: „Hoffentlich seid Ihr mit meinem Rate und dem Geschäfte zufrieden. Na8e1 low." Wiener Athletiksport-Club. Freunde des Hockeysports werden zu Ostern Gelegenheit haben, die sehr guten Mannschaften des Münchner Sport-Clubs und des Turnverein „Jahn" gegen die Kricketer und den W. A. C. eine ganze Serie von Wettspielen anstragen zu sehen. Der Münchner Sport-Club eröffnet den Neigen am Freitag, den 25. März, mit einem Match gegen den W. A. C. (Spielbeginn 8 Uhr nachmittags). Nach der gegenwärtigen Form der Münchner zu schließen, dürften sie vom W. A. C., welcher erst ein einziges Wettspiel ausgetragen hat, nicht zu schlagen sein. Die famose Form des M. S. C. dokumentiert sich in den letzten Resultaten desselben. Er siegte gegen Jahn 2:1 und 4:2, spielte gegen Freiburg 2: 2, gegen Dresden 1:3. Samstag, den 26. d. M. tritt der Turnverein „Jahn" gegen den W. A. C. an, welcher für dieses Spiel eine schwächere Mannschaft ins Feld zu stellen beabsichtigt, um sich für die Kämpfe am Ostersonntag und Ostermontag zu schonen. Spielbeginn gleichfalls um 3 Uhr nachmittags. Am Ostersonntag wird der Sportplatz des W. A. C. ein großartiges Bild sportlicher Veranstaltungen bieten. Der Vormittag ist dem Hockeysport, der Nachmittag dem Fußball gewidmet. Um 10 Uhr vormittags spielt der Münchner Sport-Clnb gegen die Kricketer, welchem Kampfe mit großer Spannung entgegengesehen wird. Um halb 12 Ubr beginnt das Spiel „Jahn" versns Athletiker; für dieses Spiel hat der W. A. C., insoferne er seine komplette Mannschaft zu stellen im stände ist, Chance zn siegen. Am Ostermontag spielem zuerst die Kricketer gegen „Jahn" und hierauf folgt als pifcce de resistence das Schlußspiel: Münchner Sport- Club gegen den W. A. C. Die Spiele fangen am Ostermontag sowie am Tage vorher um 10 Uhr beziehungsweise um halb 12 Uhr vormittags an. Bei der durchwegs hohen Klaffe, welche in all diesen Kämpfen vertreten ist, dürsten die Wettspiele einen hochinteressanten und fairen Verlauf nehmen.