Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 11 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrcheit r Redaktion nnd Slbniiniftvoiioit: Wien, 11/j Novma§clssü 27 Televiiou: Redaktion 5107/VI1I. Anabhängige Aeitschrift für Mische Nerngspreis: i Ganzjährig.K 14.— j ' Halbjährig.X 7.— Administration 4938,11. K. k. österr. Postsparkasia- Scherk-Koino Rr. 4000.918. Interessen. i Jiir Knltusbeainke: Ganzjlihrig.K 10. i IuIrrntL: Tie viermal gespaltene Roiipareille-Zeilc 25 Heller. Erscheint jeden Ireilag. Tviti* Ausland:! Abonnenienisnnd Jnierrions- Ganzjährig ..... 8 Mark j bcrräge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel C-Jottes ist WahrheitI" 6 Rnvel oder >0 FrcS. 1 Uv. 11 Wie«. 11. Märi Inhalt: Aus der Woche. — Dr. Theodor Lessing — in nichljüd,scher Beleuchtung. — Aus der Wiener Kultusgeiueiiide. — Ein jüdischer Bürgermeister in Johannesburg. — Verschiedene Nachrichten. — Anfruf. — Notizen. — 25-jührigesAmtsjnb>läum des Lberkainors Wilkoivitjch. — Anstrikte ans dem Judeirtum. Ans der Woche. Bürgermeister Dr. Lueger ist gestorben. Wie der Aufstieg i zur Macht ist auch der Abschied vom Leben ibm nicht leicht | geworden und nach langem, hartem Todeskampfe hat er den 1 Tribut alles Irdischen gezollt. Das leideusvolle und schmerzen- : reiche Siechtum seiner letzten Lebenswochen hat gewiß auch bei > seinen ärgsten Feiltdeu und heftigsten Gegnern Gefühle reinster; menschlicher Teilnahme für den mit dem Tode Ringenden ansi gelöst, aber bei der geschichtlichen Bewertung der Persönlichkeit j des nunmehr Verstorbenen können wir trotz allem Mitgefühles; nicht vergessen, daß Dr. Lueger es gewesen ist, der den Anti- ' semitismns in Oesterreich zu so bedeutender politischer Machtstellung geführt und daß sein Regime lausende von jüdischen Existenzen erbarmungslos vernichtet hat. Seine unleugbar reichen; Fähigkeiten hat er in einer für einen großen Teil seiner Mitbürger unheilvollen Richtung betätigt und mit tiefem Bedauern müssen wir die Frage stellen, was wohl Dr. Lueger für Wien! und ganz Oesterreich hätte leisten können, wenn seine Liebe zum ' Vaterland und seine treue Anhänglichkeit an den katholischen! Glauben nicht vom Schatten konfessioneller Hetzerei und Un-! duldsamkeit verdunkelt worden wäre. * Ans der Schule Luegers sind auch jene christlichsozialen Hetzer im Priesterkleide hervorgegangen, die, wie jüngst es auch! wieder der Abgeordnete Dr. Schöpfer bei der Budgetdebatte im österreichischen Abgeordnetenhaitse lat, bei jeder Gelegenheit den , Krenzzug gegen die Juden predigen. j Unmittelbar nach dem geistlichen Redner ergriff der Abj geordnete Stand das Wort, der zunächst für die Erledigung der sozialen Vorlagen eintrat und dann ans die vielfachen Zu-; rücksetzungen der jüdischen Staatsbürger, besonders in Galizien, i zu sprechen kam.! Die große und die kleine Rekonstruktion der Regierung,; io meinte Abgeordneter Stand, ist für das Volk vollständig j gleichgiltig. Notwendig ist eine Rekonstruktion des alten j Parlamentarismus, des Geistes des Volkshanses, damit es als! ebenbürtige Körperschaft mit der Regierung in wichtigen Fragen; entscheide. Alles andere ist Streberei. Wir sind berufen, nicht j den Portefenillehunger, sondern den Massenhunger zu stillen.! 'Beifall.) Als jüdischer Vertreter müsse Redner dieser Regierung! gleichfalls mit Mißtrauen gegenüberstehen. Während für die Bel dürfniffe jeder Religion im Budget Vorsorge getroffen ist, für! die evangelische, für die griechifch-orientalifche, findet sich für die konfessionellen Bedürfnisse von fünfviertel Millionen Juden im Budget kein Heller. Dieser Zustand könne insbesondere vom Standpunkt der moralischen Bedeutung nicht geduldet werden. Abg. Schnmeier: DieKonsessionen sollen sich selber erhalten! Abg. Knranda: Wir Westjnden stehen nicht ans dem Standpunkt. daß wir Almosen brauchen! Unsere religiösen Bedürfnisse befriedigen wir selbst! Abg. Stand: Wir wünschen keine Almosen! Aber wir protestieren dagegetl, daß man uns nur kennt, wo es sich um Pflichten handelt, daß wir dem Staat Rekruten und Geld geben, daß man uns aber nicht kennt, wo es sich um unsere Rechte handelt. In der ganzen politischen Verwaltung in Galizien gibt es keinen Inden. Abg. Ritter v. Korytowski: Meschnmodim gibt es genug! (Schallende Heiterkeit.) Abg. Stand: Nehmen Sie die Meschnmodim und geben Sie inls dafür wirkliche Inden! Es ist traurig, daß man von einem Menschen verlangt, daß er eine Ehrlosigkeit begeht und ihn dann dafür anstellt. Gerade die minderwertigen Elemente unter den Juden stellen Sie an. Dagegen wenden nur uns auch in ethischer Hinsicht. Abg. Dr. Ritter v. Korytowski: Ich habe viele Jtlden airfgenommen! Abg. Stand: Ich spreche von der politischen Verwaltung und vom Militärauditoriat. Abg. Malik: Wie schaut es unter der Arbeiterschaft ans? Unter 80.000 Arbeitern in Nordböhmen sind sieben Inden! (Heiterkeit.) Abg. Dr. Gabel: Kommen Sie nach Galizien, dort werden Sie die jüdischen Arbeiter sehen! Abg. Stand! Kommen Sie nach Boryslaw. dort werden Sie die Juden in den Gruben arbeiten sehen. Redner schildert die Unterdrücknng hebräischer Sprachschulen in Galizieri unter dem Vorwand sanitärer Mängel. Allen Ausbeutern, Juden und Nichtjndeu. soll ihr Vorgehen verwehrt werden. Die Christlichsozialen halten sich bei der praktischen Uebung des Antisemitismus nicht an die Großjnden. mit denen sie altsgezeichnet leben, denen sie zu Orden. Titeln nnd Stellung verhelfen, sondern an den armen Hausierer.. Die politische Umwälzung in Ungarn hat auch in jüdischen Kreisen Hoffnungen ans eine bessere Zukunft gezeigt, die bemerkenswerten Aeußernngen des neuen Ministerpräsidenten, der sich mit so edlem Freinutte über die Inden äußerte, sind ja schon genügend verbreitet worden. Aber weniger bekannt dürfte in der Oeffentlichkeit sein, daß die neue Regierung gleich nach