Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-01-21 · Heft 4 (21.1.1910) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 4 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063524--06485-3073491
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4. Die Wahrheit Seite 11. Großstadtjuden, Roman von Adolf Dessauer, 2. Auflage. Wien, i Wilhelm Braumüller. * Eine klassische Photographie gewisser Schichten der modernen Inden, aber keine tote, sondern eine lebendige, kmematographische Photographie, wo alles lebt und in dramatischer Beweglichkeit vor unseren Augen austritt. Es ist ein Tendenz-Roman im besten Sinne des Wortes. Für Dessauer sind die Juden keine bloße Religionsgenossenschast. in der aber auch manche Mitglieder ohne Religion leben dürfen. Für ihn sind die Inden, was sie wirklich sind: eine Volksindividualität von eigenartigem Gepräge, aber nicht von dem schlechtesten. Und so geißelt er mit beißendem Spott jene .Juden, die durchaus keine sein wollen, die alles Christliche bewundern, die in. jedem Christen ein höheres Wesen erblicken und alles Jüdische verachten. Er zeichnet diese jüdischen Antisemiten in ihrer ganzen Erbärmlichkeit und Lächerlichkeit. Er zeichnet aber auch die christlichen Antisemiten in ihrer Heuchelei lind in ihrem Stumpfsinn. Daneben treten einige durchaus edle Inden und Christen auf, an denen man seine wahre Freude haben kann. So bildet Frau Kästner das Muster einer jüdischen 'Hausfrau und Gschmeidler ist ein Prachtexemplar eines vorurteilslosen Christen aus der Leopoldstadt, der schon ein „halber Jude" ist und der die beißende Bemerkung macht, man müsse ein ganzer Jude sein, um alles .Jüdische häßlich und verachtenswert zu finden. Eine prächtige komische Figur, eine Art Falstaff-Natur, ist der Jakob Weiutranb, dem man trotz seiner Erbärmlichkeit nicht gut böse sein kann. In kurzer Zeit haben die G r o ß st a d t j u d e n die zweite Auflage erlebt. Es ist zu wünschen, daß sie noch viele Auflagen erleben möchten, damit ihre anfklärende und versöhnliche Tendenz so recht Gemeingut des Volkes werde und damit solche .Karikaturen von Inden, die sich ihres eigenen Wesens schämen und jedem noch so minderwertigen Christen nachlanfen, nach und nach von der Bildfläche verschwinden. - Dr. K a h a n, Znaim. lAlle Rechte Vorbehalten.) Mn neues Acht. Bon Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) X. Die hohen Feiertage waren in der würdigsten Weise verlaufen, auch uicht e i n m a l hatteu die Ordner einzuschreiteu gehabt. Ein Männerquartett hatte den Norbeter bei seinem einzig schönen Gesänge begleitet und Dr. Fuchs hatte am Neu- ^jahrsabend, am zweiten Nenjahrstage, zu Kol Nidre und am Versöhnungstag wundervoll gesprochen. Die Orthodoxen waren völlig versöhnt. Sie hatten billige Sitze, sie konnten den Tallith ansgerollt tragen, sie durften die Responfen laut hersagen und eine der größten Freuden wartete noch ihrer: Auch sie w e r d e n d l e T h o r a r o l l e n b e i m U m z n g e tragen dürfen! Am Lanbhüttenfeste fand folgende Kundmachung im Foyer der Synagoge allgemeine, lebbhafte Zustimmung: Der Vorstand der jüdischen Gemeinde gibt hiemit bekannt, daß Se. Ehrwürden, Herr Rabbiner Dr. Fuchs nach den Feiertagen, jeden Samstag, von 6—8 Uhr abends Vorträge aus j ü d isch er G es ch ich te und Literatur halten wird. Die geschätzten Mitglieder unserer Gemeinde werden hiezu höflichst eingeladen. Gleichzeitig wird bekannt gemacht, daß Se. Ehrwürden gewillt ist, von Ende Oktober ab. unentgeltliche hebräische Sprachkurse einzuführen. Teilnehmer werden gebeten, sich ehebaldigst bei Sr. Ehrwürden melden zit wollen.- An einem der Halbfeiertage besuchte Dr. Fuchs den Gymnasialdirektor in seiner Kanzlei. Dieser empfing ihn mit der größten Zuvorkommenheit und bot ihm eine seine Zigarre an. Dr. Fuchs war kein Rancher, er mußte ablehnen. „Ich möchte Herrn Direktor bitten", begann der Rabbiner, „mir bei der Einführung eines regelmäßigen Schülergottesdienstes an die Hand gehen zu wollen". „Recht gerne, aber was kann ich da machen?" „Es muß den Schülern vor allem andern eingeprägt werden, daß der Besuch des Gottesdienstes ebenso obligatorisch ist wie der Schulbesuch." „Waren denn die Bnben lässig?" „Bis jetzt hat es überhaupt keine Exhorte gegeben. Ich möchte mir daher die Bitte erlauben, daß die Schüler paarweise vom' Gymnasium ans geführt werden und daß stets ein Herr Ordinarius die Schüler bis zur Synagoge begleite." „Um welche Zeit soll denn der Gottesdienst stattfinden? „Jeden Samstag um halb 2 Uhr." .„Gut. Sie können überzeugt sein, Herr Kollega, ich werde strenge darauf sehen, daß alle Schüler mosaischer Konfession zugegen sind. Die Lässigen werden es mit mir zu tun haben-" „Ich hoffe, daß keine Veranlassung zu einer Klage sein wird." „Ich werde mich es nicht verdrießen lassen, öfters dabei zu sein, dann werden die Bürscherl schon flinke Beine kriegen. Sie wissen, daß mit mir nicht zu spaßen ist. Ich werde auch veranlassen, daß stets ein Kollege witgeht." „Ich danke Ihnen, Herr Direktor. Noch eine kleine Bitte möchte ich wir erlauben. Es sind einige Schüler da, die am Samstag nicht schreibeit möchten, sie sind aber dazu gezwungen, weil stets Schltlarbeiteu am Samstag angesetzt sind." „Ja, das ist ein wunder Punkt. Würden alle Israeliten das Schreiben unterlassen, dann ginge es schon, aber die Mehrzahl schreibt ja und wegen einiger weniger können wir doch keine Umwälzung des Arbeitskalenders vornehmen." „Vielleicht gehl es doch, Herr Direktor. Ich würde mich aufrichtig freuen, wenn auch der einzelne seinen Glauben ungehindert halten könnte." „Wer nicht schreiben will, soll nicht schreiben. Zwingen darf ihn niemand." „Ja, aber der Schüler bleibt zurück." Der Direktor sah einige Zeit in die Stundendann in die Arbeitseinteilung und sagte hieraus: „Nun gut. Ich will Ihnen auch da enrgegenkommen, Herr Kollega. Ich werde bei der nächsten Konferenz durchsetzen, daß alle Schularbeiten, die an Samstagen oder mosaischen Feiertagen angesetzt sind, verlegt werden sollen." „Meinen innigsten Dank, Herr Direktor. Nun will ich aber nicht länger stören." Der Direktor begleitete den jungen Rabbiner bis ans den Gang hinaus. „Sagen Sie mir, Herr Kollega, was isls mit diesem N a t i o n a l s o u d? Einige Herren haben mich aufmerksam gemacht, daß da ein ganzes Bureau unter den Bnben existiert." „Die Sache ist ganz harmlos, Herr Direktor!" „Ich dulde keine Vereine und gar politische! „Der Nationalfond hat einen rein idealen, sogar wohltätigen Zweck. Das Geld soll zumeist für die Ansiedlnng heimatloser Juden dienen." „Und wo sollen die angesiedelt werden?" „In Palästina vornehmlich, denn der Boden bleibt uns Inden stets lieb und heilig." „Die Wiedergewinnung des Landes ist wohl ein schwieriges Problem?" „Leider sehr schwierig!" „Ich habe mich für die jüdischen Kriege sehr interessiert? vielleicht können mir Herr Kollega den bsllrrrn guclaieuva von Iosephns Flavins leihen?" „Mit dem größten Vergnügen, Herr Direktor". Herzlich schüttelten sie einander die Hände.- (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dein Indentmn. Bial Theresia geb. Graupe, geb. 1836 in Berlin, VI., Magdalenenßraße 42. Taußig Leopold. Elektroreckmiker. geb. 1882 in Wien, XX., Damrnstraße 8. Lucy Henriette. Private, geb 1886 in Wien. I., Universirütstraße 5. Mosarik Jsak Siegfried. Mechanikergehilse, geb. 1880 in Steinitz, (Mähren), II., Josefinengasse 6. B'odanzky Jda, Pianistin, ged. 1887 in Wien, VI.. Gumpendorserstraße 26. G o l w i g Moriz. geb. 23. November 1862 in Wien. VI., Rahlgasse 1. G o l d m a n n Mendel, Offiziersdiener, geb. 9. August 1885 in Galizien, Jaionzke, Arsenal. Obj. 5. Polak Arthur. Apotheker, geb. 23. April 1883 in Wien, Bröckerstr. 3. Augenzncker Sofie, Näherin, geb. 1878 in Brzezany, Galizien, HI., Marxergaffe 8. Thorsch Hans Dr., strr. Or., geb. 1883 Prag, Hotel Imperial. M ü l l e r Hildegard, Modistin, geb. 1881 in Lundenburg, Mähren, III.. Ungargaffe 5. S p i tz n e r Richard, Bankbeamter, geb. 1868 in Wien. VIII., Florianigaffe 42. Z o l t a n Albert. Apotheker, geb. 1877 in Rosenau, Ungarn, VHL, Florianigaffe 58.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.