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Die Wahrheit · 1910-01-21 · Heft 4 (21.1.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 4 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 4. im temporären Belhanfe zu den hohen Feiertagen in der Sechsschimmelgasse und bittet auch den Vorstand zu veranlassen, daß der Tempel beim Freitag-Abendgottesdienste sich nicht während des Adern olam so rasch entleere, daß schließlich nur die Funktionäre allein Zurückbleiben. Präsident G. B e t t e l h e i m dankt dem Vorredner dafür, daß er den Vorstand ans Uebelstände aufmerksam gemacht. Was in seinem Wirkungskreise liege, werde er ganz gewiß abznsteüen suchen, aber ans dre Bestellung der Funktionäre bei Leichenbegängnissen habe er gar keine Jngerenz und müsse sich der Beschwerdeführer diesbezüglich an das Friedhofsamt der Knltnsgemeinde wenden, das in solchen Fällen die Entscheidung trifft. Die Frage des Herrn Straßberg bezüglich des Tempelbesuches am Frettag-Abend und insbesondere am Samstag-Vormittag führt ans einen wunden Punkt der Wiener Knltnsverhältnisse. Die Tempelvereine bieten gewiß alles mögliche auf, um auf die jüdische Bevölkerung in ethischer utid religiöser Beziehung bildend einznwirken, aber trotzdem nimmt die Irreligiosität immer mehr zu und der Tempelbesuch ab. Diese traurige Erscheinung hat unter anderem ihre Ursache auch darin, daß die Wiener Knltnsgemeinde von ihrer eigentlichen Bestimmung, für den Kultus zit sorgen, durch die enorme Belastung des Wohltätigkeitsbudgets zu sehr abgelenkt wird. Sie ist mehr eine Wohltätigkeitsanstalt und es ist beispiellos und kommt in keiner Gemeinde vor. daß sie fast die Hälfte der Einkünfte wohltätigen Zwecken zuführt. Durch die geringere Fürsorge für den Kultus werden die Funktionäre dazu gedrängt, ans den Funktionen Geschäfte zu machen und diejenigen, deren Aufgabe es ist, das Judentum zu erziehen, werden oft contre coeur gezwungen, das Judentum zu schädigen. So z. B. lueim ein Tempelverein, mangels anderer Einkünfte, eine Widmung für das Gotteshaus vou Personen annimmt, die vielleicht dem heiligen Zwecke gar nicht zur Ehre gereichen. Würde die Gemeinde in erster Reihe Kultus gemeinde sein und ihre Hauptaufgabe dem Kultus zuwenden, dann würde auch der Tempelbesuch besser werden. Auch die reichen Leute würden sich wieder gewöhnet! in den Tempel zu gehen, die einen weil sie nicht befürchten müßten, durch den Tempelbesuch zu materiellen Leistungen herangezogen zu werden, die anderen, weil sie sehen werden, daß man sich ans ihrem Kommen keine besondere Ehre macht und das Gotteshaus auch ohne sie bestehen kann. Ich will keine Anklage gegen den gegenwärtigen Kultnsvorstand erheben, weil er diese Verhältnisse nicht verschuldet hat, aber gegen jene, welche die Kultusgemeinde auf diese schiefe Bahn gedrängt haben. Dr. I. S. Bloch glaubt, daß eine gemeinschaftliche Agitation der Tempelvereine, die Anmeldung von Hochzeiten und Leichenbegängnissen auch in den Bezirkstempeln vornehmen zu dürfen, vielleicht Erfolg haben könnte. Ebenso könnte von den Tempelvereinen die Anregung zur Trennung des Kultus von dem Wohltätigkeitswesen in der Wiener Kultusgemeinde ausgeheu. Damit würde die heutige Generalversammlung ein Markstein in der Entwicklung des Wiener Kultnswesens tverden. Schließlich dankt er namens der Vereinsgenossen dem Präsidenten, der bei jedem Anlasse sein warmes Herz für den Verein und die jüdische Allgemeinheit betätigt und erst kürzlich gemeinschaftlich mit seiner Gattin durch eine hochherzige Spende die Errichtung eines Kinderheimes ermöglicht hat. Auch für diese edle Tat, welche nicht nur dem Vereine und dem Bezirke, sondern dem gesamten Judeutume zur Ehre gereicht, gebührt ihm besonderer Dank. Nach diesen Worten bereitet die Versammlung dem Präsidenten eine herzliche Ovatwn, für tvelche derselbe mit wenigen Worten Dank sagt. Nachdem noch die Herren Steiner. O e st e r r? i ch er W i t r o f s k y zu den Beschwerden des Herrn Glück gesprochen hatten, wurde durch den Vorsitzenden das Resultat des während der Diskussion vorgenommenen Skrntiuinms verkündigt und hierauf die Generalversammlung geschlossen. Gewählt wurden in den Vorstand: Die Herren Doktor M. Sch nepp, Jg. Simon, kais. Rat Jg. Wilhelm; in den Ausschuß die Herren Salo F n ch s. Dr. Alfred G l o g a n, Leopold Hendl, Gerson K o r a 1 e k, Wilh. Pappen heim, Josef Steiner, Dr. Ad. Steiner und Isidor Trebitfch. Indischer Natronagrnerein in Ungarn. Vor etwa 70 Jahren gründeten einige begeisterte Männer" den „Pester israelitischen Handwerker- und Ackerbauverein". Dev Zweck dieses Vereines war, die armen und verlassenen jüdischen Burschen zu Handwerkern und Ackerbaubetreibenden zu erziehen. Der Verein wurde allseitig unterstützt, so daß seit, einigen Jahren bereits jährlich an 400 jüdische Knaben unter der Obhut des Vereines stehen. Merkwürdigerweise begnügten sich die ungarischen Inden mit diesem Verein und lauge Jahrzehnte hindurch ist es niemandem eingefallen, daß es Pflicht der Gesellschaft ist, auch für diejenigen verlasfenen Kinder zu sorgen,, die unter 12 Jahre alt sind, welche also noch nicht in die Lehre gegeben werden können und daß auch zahlreiche Mädchen sind, die der Gefahr des voükommeueil Berkommens entgegen gehen, wenn man nicht rechtzeitig dieselben dieser Gefahren treißt. Vor einigen Jahren wurde in Ungarn das berühmte Szsllffche Kindergesetz erbracht und im vergangenen Jahre wurden mittels der Strafgesetznvvelle die ungarischen Kindergerichte errichtet, welche Gesetze die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Kindersrage lenkten. Die Katholiken haben mit scharfem- Auge rasch die außerordentliche Wichtigkeit dieser Frage erkannt nnd die katholische Geistlichkeit hat mit einem staunenswerten Eifer an der Errichtung von Patronagevereinen gearbeitet. Infolge dieser unermüdlichen Arbeit gibt es im ganzen Lande bereits zahlreiche, über größere Summen verfügende rein katholische Patronagevereine, so daß jetzt, als am 1. Jänner 1910 das Gesetz betreffend die Jugendgerichte ins Leben trat, die katholischen Patronagevereine überall bereits ihre entsprechende Organisation besitzen. Unbegreiflicherweise haben die Inden, deren lebhaftes soziales Gefühl bereits vor langen Jahrzehnten, als in Ungarn von einer Patrouagebewegnug noch keine Rede war, den ersten, einen ähnlichen Charakter besitzenden Verein gegründet hatte, betreffend die Ziele der Patronagevereine kein Interesse gezeigt, so daß bisher in Ungarn neben den zahlreichen katholischen Patronagevereinen kein einziger jüdischer Patronageverein besteht. Die statistischen Daten der staatlichen Kinder-- bewahranstalten zeigen nun, daß im verffosfenen Jahre nicht weniger als 1500 jüdische Kinder durch die staatliche Kinderbewahraustalten zur Pflege an christliche, zumeist auf Einfluß: der katholischen Patronagevereine, an katholische Familien übergeben wurden, hiezu kommen noch an 500 Kinder, welche durch die Jugendgerichte an diverse Familien zur Erziehung übergeben werden, so daß man eigentlich eine überraschend große Anzahl. Kinder retten muß, denn es ist wohl zweifellos, daß diese 2000 jüdischen Kinder nicht nur keine jüdisch-religiöse Erziehung genießen, sondern gerade in dem Alter, in welchem das Gemüt am empfänglichsten ist, den gefährlichsten Bekehrungs- Versuchen ansgesetzt sind, so daß diese Kinder der jüdischen Konfession nicht nur abspenstig gemacht werden^ sondern direkt zu Judenfeinden erzogen werden. Bei dieser Sachlage bildet es eine hehre Pflicht dev ungarischen Judenheit dafür zn sorgen, daß diese 2000 Kinder bei jüdischen Familien nntergebracht werden können, wodurch dieselben nicht nnr der jüdischen Konfession erhalten bleiben, sondern unter dem Einflüsse der strengen, echt jüdischen Sitte und Gesinnung auch brave anständige Menschen werden. Der hiesige Rabbiner Dr. Simon Hevesi hat als Erster die Wichtigkeit der Errichtung der jüdischen Patronagevereine erkannt und so lange gearbeitet, bis es ihm gelang, hervorragende jüdische Männer nnd Frauen für seine Idee zn gewinnen. Die Vorarbeiten^ zur Errichtung eines jüdischen Patronagevereines sind soweit gediehen, daß am 6. Jänner hier die konstituierende Generalversammlung des Israelitischen Landes-Patronagevereines statlsinden konnte. Der geräumige Festsaal des Pester Lloydgebäudes war mit Mitgliedern des neuen Vereines dicht gefüllt;: das Justizministerium ließ sich durch den Ministerialrat Juliusvon Nickel, das Ministerium des Innern durch den Ministerialrat

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