Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-01-14 · Heft 3 (14.1.1910) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 3 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063523--06472-3073477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Das religiöse Uolkslied. Haben wir ein solches? Die Beschaffenheit mancher Synagogengesünge drängt zu diesem Gedanken, daß manche derselben den Charakter des Volksliedes an sich tragen. Der selige Kollege Tintner, dieser ausgezeichnete Kenner und Fachunann, dessen schriftstellerische Tätigkeit in der jetzigen und früheren „Kantoren-Zeitung" noch in voller Erinnerung bei uns alleil steht, dessen geistiges Bild und Gedenken mehr Würdigung und Achtung verdient hätte. . . hat die Ausdrncksweise Volkslied, welche ich seinerzeit bei Abfassung meines Liederbuches der Piece: „Ki onu amclio" gegeben habe, nicht gntgeheißen. Tintner schrieb damals: „Die Kompositionen des Herausgebers haben sämtlich gefällige, ins Ohr fallende Melodien rc. rc. Warum aber Herr S. das „Ki onu amcho," die „Perle" unseres Altmeisters Sulzer. eine Volksmelvdie nennt und den Komponisten verschweigt, ist mir ein Orakel" . . . Ich glaube und hoffe, das Andenken unseres ebleu Verklärten nicht zu schmälern und gegen den Satz: „Do mortuis nihil nisi bene" nicht zu verstoßen, wenn ich behaupte, daß sich Kollege Tintner hier geirrt. Diese Piece ist nicht von Sulzer selbst, sondern vom Kapellmeister Volkert, und was die Nichtaugabe dieses Komponisten betrifft, so sind viele solcher im Volkston gehaltenen Lieder unb Gesänge von Silcher, Reichard, Nägeli rc. nicht mit deren Namen überschrieben, sondern es heißt einfach: Volksweise. Ein drastisches Beispiel hiefür bietet .z. B. „Die Wacht am Rhein," welche von Millionen Menschen gesungen wird, und deren kleinster Bruchteil nur den Namen Otto Wilhelm kennt. — — Daß manche unserer Synagogal-Piecen den Ausdruck Volksweise führen darf, sagt uns das Miteinstimmen der ganzen -Gemeinde, wie wir es bemerken können beim Michomocho von Pessach (El b'ne-Melvdie), bei den Gebetstücken W’al chatoim, Mechalkel chajim, Sochrenu S’lach no aschomaus rc. wie es die diversen Chasonim beim Schacharit der hohen Feste und Lol nidre vorzutragen pflegen. Auch die beiden Ledowid boruck, diese Sabbat-Ansgangs-Hymnen. deren eine trotz ihrer im II. Schir Zion beigegebenen Harmonisierung an Trivialität nichts zu wünschen übrig läßt, gehören in die Reihe der echten Volksweisen. Nun glaubt man, alle Gesänge dieser Art mit dem Allgemeinansdruck „Traditionsgesünge" abtun zu können. Dem ist aber nicht so; denn auch der ästhetisch höher stehende, oder .Kunstgesang wird durch (mündliche) Ueberlieferung zur Tradition, wird aber dem Volke selbst ans leicht begreiflichen Gründen nicht so ohr- und mundgerecht wie das dem Charakter und Konstruktion, dem Rhythmus entsprechende Volkslied. Mit der weltlichen Musik verglichen, sind wohl verschiedene Opern, B. Lohengrin, Hugenotten, Jüdin, Carmen re. sehr populär, jedoch .als Volksopern werden gewöhnlich nur „Freischütz" und „Nachtlager von Granada" bezeichnet. Dr. Erich Urban schreibt in der Zeitschrift: „Musik für Älle": ,-Uils, die wir Salomes und Elektras Dissonanzen und den Tiefsinn von Pellas und Melisande hinter uns haben, erscheint Tannhäilser fast als Volksöper." Wir sehen also, daß die Ausdrücke populär und volkstümlich auf einen Sinn hinanslaufen oder gestimmt sind, daß aber doch ein feiner Unterschied diesen Sinn auseinander hält. Denn z. B. Volkstheater ist nicht Nationältheater; obwohl Nation gleich Volk ist. Das einstige Bnrgtheater in Wien hieß: K.!.. Höf- und Nationaltheater, und war bestimmt, das exquisiteste an Dramen, an Schau- und Lustspielen vorznführen, während das Vblkstheaier einen geringeren Aufwand an Stücken sich ibibteü kann Nnd darf. Ebenso sind die Ausdrücke traditionell und nationell auseinander zu halten. Die Gesänge des heiligen Gebetes;,Uiiessaiib Tokef" sind traditionell gehalten, oder sollen oder müssen es sein; aber im Volkston dürfen sie nicht gestimmt sein, da sie dem Vorsänger Gelegenheit geben sollen, durch die Kunst seines Gesanges zu erbauen. Wir könnten sie mit Recht mit dem Namen Meistergesang bezeichnen, sie sind idealer Natur, während die Volksweisen realer Natur sind und wirkliche Stimmungen ansdrücken. — Das Volkslied ist der getreueste Spiegel seiner Zeit, welche es geboren hat. es ist ein beredtes Zeugnis von der Beschaffenheit des allgemeinen Gemütslebens. Das Meisterlied (Keduscka, Ausnnd Eiuheben, Leeko dodi, Weschomru rc.) ist ans der Entwicklung der Musik nnd Musikwissenschaft hervorgegangen. Nun müssen wir die Richtung beider gehörig abzngrenzen verstehen. Die religiöse Volksweise soll trotz ihres realen Charakters nicht trivial erscheinen nnd das Knnst- oder Meisterlied nicht in Künstelei ansarlen. Um aber der Tradition Genüge zu leisten, empsiehlt es sich, im Repertoir der Synagogengesänge keinen zu oftmaligen Wechsel der Piecen eintrelen zu lassen. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert warnte unser Altmeister die Kantoren davor, so erzählte mir mein seliger Vater. Wir wissen ans Erfahrung, daß der fromme Israeli: lieber bekannte Melodien hört, damit sein Herz von dieser geläufigen Art angeregt, mitfühlen nnd mitsingen kann; aber auch die weniger Frommen verurteilen das ans der rellgiösen Sphäre tretende, wie sich mir gegenüber ein in einer benachbarten Industriestadt wohnender Glaubensgenosse äußerte, woselbst in deren Tempel Oratorien anfgeführt werden. Ein gewisser Konservatismus, der auch eine Gleichartigkeit der Gesänge anbahnen kann, läßt mich ein Beispiel anführen, freilich um wieder in die Vergangenheit znrückznkehren, lasse ich tveiland Hofbnrgkapellmeister Julius Sulzer erzählen: .Es war ans meiner Knnstreise in Italien. Ich kam von Rom zurück, wo ich durch Empfehlung Franz Lißl's vom Papst Pins IX. sehr liebevoll ausgenommen und behandelt wurde, in Verona an. Es war Feitag Abends. In mir regte sich der Gedanke, da es doch hier viele Glaubensgenossen geben müsse, den jüdischen Tempel anfznsilcheu. Man zeigte mir ihn und ich ging hinein. Es wirkte alles ans mich fremdartig; wie überrascht war ich aber nach einer Weile, als der Vorsänger, begleitet vom Chore, den F-Dnr Leeko dodi meines Vaters anstimmte. Alles Fremdartige war geschwunden nnd ich fühlte mich wie ans heimatlichem Boden. Ich hätte vor Freude geweint . . ." Die Gemeinsamkeit der Melodie war hier zum starken Band geworden, das Israel verknüpfen sollte. Mögen die Produkte unserer besten Meister das Bindeglied werden, damit, wo alle Mittel fehlen, um das Ziel zu erreichen, Juda seinem Gott näher zu bringen, möge diese Ueberlieferung von Stadt zu Stadt, von Land zu Land dieses Ziel: die Gemeinsamkeit des jüdischen Gefühls gelingen lassen. B. 8. Jnngbunzlau, im Jänner 1910. Austritte uns dem Judentum. Brecher, geb. 1895 in Wien, St. Pölten. Drucker Magdä, Tifchlermeisterswicwe, geb. 20. November 1876 in Dürnholz, I. Schweglerstraße 20. H a b e r f e l d Max, geb. 1885 in Biala. XXI. Leopolban, Eugeng. 90. Pollitzer Walter Dr., Privat, geb. 8. April 1866 in Wien, XV. Bez., Währingerstraße 72. Taflet Anna, geb. 7. März 1868 in Budapest. III. Marokkauerg. 12. T a f l e r Wilhemine, Gutsbesitzerin, geb. 2. November 1877 in Brünn, III. Marokkanergasse 12. W e l o d n i k a Sofie, geb. Herzig, Näherin, geb. 1687 in Podwoloczyska, XIV. Grenzgasse 217. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. WieH? II., Circusgässe 47. Ordination YOn 9—6. Telephon 18390. ^t^etfjdlteit Sie! Jhte Schwäche und Schmerzen verschwinden, Ihre Augen, Nerven, Muskeln, Sehüen werden kräftig, Ihr Schlaf gesund, Ihr allgemeines Wohlbefinden stellt sich wieder, ein, wenn Sie den echten Feller's Fluid m. d. M. „Elsafluid" benützen. Probedutzend 5 Kronen franko. Erzeuger nur Apotheker E. B. Feller in Stubica Elsaplatz No. 153 (Kroatien).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.