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Die Wahrheit · 1909-12-03 · Heft 47 (3.12.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 47 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 47 Die Wahrheit Seite 7. Alfred Stern und Dr. Gustav K o h u mit zahlreichen Mit- I gliedern des Knltusvorstaudes, die hervorragendsten Vertreter der Finanz- und Bankwelt, der Großindustrie und Verkehrsrlnternehmnngen, viele Gelehrte, Künstler und Schriftstellers kiuz alles, was in Wien Namen und Bedeutung hat. Die Trauerfeier begann mit einem Trauerchoral, den Oberkantor Don Fncks, begleitet von den Kantoren und dem Chorpersoual, saug. Hierauf hielten Direktor. Julius Herz namens der Bodenkreditanstalt, Hofrat v. G r i m b n r g namens, der: Staatseisenbahngesellschast und Direktorstellvertreter B a ch - rach namens der Beamtenschaft Nachrufe. Dann setzte sich der Kondukt in Bewegung. Auf dem Zeutralfriedhofe trug in der Zeremouieuhalle Oberkamor Bela G u t t m a n u die Tranerpsalmen vor, worauf Oberrabbiuer Dr. G ü d e m a n n mit beredten Worten die Bedeutung des Dahingeschiedenen als Menschen und sein treues Festhalten am Jndentume würdigte. Zum Schluffe hielt Präsident Dr. Alfred Stern folgenden Nachruf: Als Präsidenten unserer Kultnsgemeinde obliegt es mir, das letzte Abschiedswort dem Dahingeschiedenen zu sagen. Dort im glänzenden Palaste, an der Stätte seiner weitumfassenden beruflichen Tätigkeit, haben die Vertreter der Regierung, die Vertreter großer vaterländischer Unternehmungen seinem machtvollen Eingreifen im Interesse der Allgemeinheit und großer Gesellschaftsgrnppen, die verdiente Anerkennung gezollt. Hier hörten wir aus ehrwürdigem Munde den religiösen Trostipruch an seine Gattin, der er der liebevollste Gatte, an seine Kinder, denen er der liebevollste Vater war, an alle, die ihm nahestanden, au unsere Kultnsgemeinde. der er mit Herz und Seele anhing und die mit gerechtem Stolze zu ihm emporblickte. Ich spreche in Vertretung dieser Gemeinde, ihres Vorstandes, dessen verdienstvolles Mitglied er war. Es war in einer Zeit, als neue große Anforderungen au unsere aus kleinen Anfängen rasch und mächtig emporwachseude Gemeinde herantralen, Anforderungen, denen sie mit ihren beschränkten Mitteln und nur auf sich und ihre Mitglieder angewiesen, nachzukommen nicht vermochte, denen sie aber Nachkommen mußte, wenn sie nicht ihres Prestiges als erste israelitische Kultusgemeinde des europäischen Kontinentes verlustig gehen, sogar einer Deroute entgegengehen wollte. Und da war es der Dahingeschiedene, der den richtigen Weg wies, der durch sein ebenso kluges, als machtvolles Wort, durch sein organisatorisches Talent, durch Wort uub Tat den richtigen Weg wies, sodaß mir ihm. vorzugsweise ihm das Emporblühen unserer Gemeinde zu danken haben. Und wie in solch großer und für uns bedeutungsvollster Sache, so hat er auch in allen und selbst in minderen Angelegenheiten stets mit wahrem Feuereifer sich betätigt. Glück und Freude strahlten ans seinem Antlitze, wenn er unseren Beratungssaal betrat, es war wie eine Flucht ans dem Lärm des Tages, ans dem Trubel der ihn belastenden Geschäfte zu stiller, segeusvoller Tätigkeit für die ihm teuere Gemeinde; es war als ob das Bibelwort: „Meine Brüder suche ich", ans seinen Lippen schwebte. Und das ist es, was ich betonen und — unter den uns heutzutage umgebenden Verhältnissen — anerkennen nnd rühmen muß. Glanz und Reichtum und Machtfülle und die Berührung mit anderen hochstehenden Gesellschaftskreisen vermochten es nicht, ihn zur Untreue an seiner religiösen Ueberzengilng zu verleiten. Welches Ziel wäre dem ehrgeizigen Manne erreichbar gewesen, wenn er den Weg betreten hätte, den so viele der Unsrigen gegangen sind uiib noch gehen. Ein Trümmerfeld an gebrochenen, hingeworfenen Gesinnungen nnd Ueberzeugnngen, Treue und Charakter breitet sich vor unserem geistigen Blicke. Er aber hat sein Bekenntnis nie verleugnet. Er hat erhobenen Hauptes, aufrechtstehend, laut und vor aller Welt, das Wort: „Ivri onochi, ein Jude bin ich", im Munde geführt, bis an sein Lebensende, bis zu seinem letzten Atemzuge. Und so wird auch fein Andenken in unserer Gemeinde nie erlöschen. Es sei gesegnet! Ans der Wiener Kultnsgemeinde. Aus der Plenarsitzung des Knltnsvorstandes vom 28. November 1909 uilier dem Borsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildet die Tranerknndgebnug für das vor kurzem dabingeschiedeue ehemalige Mitglied des Vertreterkolleginms, Herrn Theodor Ritter v. T a n s s i g. Der Vorsitzende Präsident Dr. Stern hält folgende Ansprache: Ehe. wir zur Tagesordnung übergehen, geziemt es sich, eines Mannes zu gedenken, der durch eine Reihe von Jahren unserem Vorstande angehörte nnd durch sein hervorragendes Wirken hier in unserer Mitte, aber auch außerhalb unseres Kreises bestimmenden Einfluß auf die Kultusgemeiude und ihre innere Verwaltung genommen har. Der allzu früh dahingeschiedene Theodor Ritter von Tanssig ist am Freilag zur letzten Ruhe bestattet worden, mit jenen Ebren, die im gebührten nnd unter der seinem vielseitigen, hervorragenden, öffentlichen Wirken entsprechenden Teilnahme weiter Kreise. Hier an dieser Stätte wollen wir seiner im Interesse unserer Knltltsgemeinde tief eingreifenden Tätigkeit gedenken. Lange Jahre, ehe er in unseren Vorstand eintrat, im Jahre 1895, nahm er au Beratungen teil, welche hier in diesem Saale stattfindend, der Errichtung eines neuen Monnmentaltempels in der inneren Stadt galten. Hervorragendste Mitglieder unserer Kultnsgemeinde beschäftigten sich mit dieser Frage. Auch Theodor von Tanssig zeigte sich bereit, an der Realisierung dieses Projektes mitznwirkeu nnd er stimmte auch später, als er Mitglied des Vorstandes war, so oft ein solches Projekt in Frage kam, der Idee zu, daß die Errichtung eines Tempels in der inneren Stadt, welchen er als einen Repräseutationstempel der israelitischen Kultusgemeinde bezeichnele, geboten sei. Als zu Ende 1900 mein unvergeßlicher Vorgänger im Präsidium die Regelung der finanzielle» Verhältnisse unserer Gemeinde in Angriff nahm nnd zu diesem Behnse eine Notablenversammlnng einberief, da war es Ritter von Tanisig, welcher sich an dem geplanten Werke einigst beteiligte und den Weg ivies, auf welchem die Sanierung der sinanziellen Verhältnisse zu erreichen sei. Vom Jahre 1901 bis zum Jahre 1906 gehörte er dem Vorstande und dem Vertreterkolleginm an. Unmittelbar nach seinem Eintritt beschäftigte er sich im Vereine mit unserem Kollegen Hvfrat R a p p a p o r t mit der Reorganisation der intleren Verwaltung mib in kurzer Zeit wurden damals die noch hellte geltenden, geänderten Statuten samt Geschästsordnilug dnrchgeführt. Allen bedeutenderen, aber auch den anscheiueud geringeren Angelegenheiten wendete er seine Aufmerksamkeit zu nnd Sie waren ja Zeuge, in welch lebendiger und immer zutreffender Weise er in unsere Debatte eingriff. Als besonders bezeichnend muß ich die Tatsache hervorheben, daß er in allen Angelegenheiten religiösen oder rituellen Charakters, die den Kultnsvorstand beschäftigten, sich stets der konservativeren Richtung zuneigte und in diesem Sinne das Wort führte. Ich möchte dies als ausnahmslos hinstellen, da mir eine entgegengesetzte Erfahrrtug in keinem einzigelt Falle erinnerlich ist. Es zeigte sich hierin sein richtiges Verständnis für die Aufgaben, welche dem Vorstande einer jüdischen Kultnsgemeinde obliegen. Er halte die Auffassung, daß der Bestand, die Zukunft unserer Kultusgelueiude und vermöge ihrer hervorragenden Stellung des Judentums dadurch gesichert werde, daß die konservativere Richtung zur Geltung gelange oder zumindest derselben die volle nnd freie Duldung und Förderung gewährt werde. Dies war im allgemeinen die Richtung seiner Tätigkeit und so hat er. wenn die Schaffung oder Vertiefung religiöser Institutionen in unserer Gemeinde zur Sprache kam, hiesür stets in solchem Slnue sich mit feinem Worte eingesetzt. Ich habe an der Bahre des Verewigten der liefen Trauer des Vorstandes Ausdruck gegeben und unter anderem gesagt, daß sein Erscheinen in unserem Sitznngssaale beit Eindruck erweckte, als ob er dem Lärm des Tages, vor dem Trubel der ihn belastenden Geschäfte zu stiller, segeusvoller Tätigkeit für die ihm teure Gemeinde sich hieher ffüchle, als ob das Bibel-

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