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Die Wahrheit · 1909-11-26 · Heft 46 (26.11.1909) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 46 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Oesterr.-ungar. Käntoren-Zeitnng. öeite 11. Mi:4ß'r Die Seitenstettengaffe. Die Prager Josefsstadl, die als ehemalige Judenstadt heute infolge der Sanierung jede Spur eines Ghetto verloren hat liub hiemit auch jede Eriniierung von historischen Begebenheiten, die sich in ihren Mauern abspielten, zu erlöschen im Begriffe ist, ist in ein Stadtviertel von Palästen verwandelt -worden. Nur die noch stehen gebliebene „Altnen-Synagoge", das Bethans und der Friedhof ragen als Zeugen einer bereits verklungenen Zeit in die Gegenwart herüber und scheinen sich in der Gesellschaft so nobler und steiser Bauten recht unbehaglich zu fühlen. Da lob' ich mir die Wienerstadt, die trotz ihrer monumentalen Bauten und herrlichen Straßenzüge, für die Erinnerung an alte Zeiten etivas übrig ließ. Wir brauchen nur in die Leopoldstadt zu gehen und finden am sogenannten „Werd", der auch schon vor alter Zeit ein Jndenviertel gewesen sein soll, das ganze galizische Israel etabliert. Lassen wir eine etwaige Voreingenommenheit gegen unsere östlichen Brüder beiseite, und sagen wir aufrichtig: Es tut einem wohl, wieder einmal hebräische Firmatafeln zu erblicken. Man muß deswegen noch kein Zionist sein, aber der Anblick der heiligen Schrift an öffentlichen Orten uitb Geschäfte'.! erweckt in einem religiösen Gemüt immer ein wohltuendes und heimisches Gefühl. Tritt man ans diesem Gebiet, das mehr einer lebhaften Provinzstadt ähnelt, in die angrenzende Stefaniestraße, so erweitert sich mit einemmale der Blick: der Franz Josesskai mit seinen Palästen und schönen Anlagen und seinem regen Verkehr von elektrischen und anderen Wägen bietet, von der Brücke ans gesehen, ein Bild, das der Fremde für lange Zeit festhalten möchte. Nachdem man sich an demselben satt gesehen, biegt man beim ..Hotel Metropole" links um die Ecke und kommt in jene Straße, deren Häuser viel von Wiens Vergangenheit sprechen könnten. Nebst einigen jüdischen Buchhandlungen und jüdischen Geschäftshäusern ist da das ansehnliche Hans Nr. 4, ehemals der Dümpfingerhof genannt, jetzt der Tempel der inneren Stadl, der im Jahre 1823 vom Architekten Kornhänsel erbaut wurde. Da derselbe laut Dekret der damaligen Landesregierung keinen direkten Eingang von der Straße ans haben durfte, ist auch das Gotteshaus von außen als solches nicht erkennbar, aber der Jnnenraum. dem Empirestil jener Zeit augepaßt, wirkt mit seinen jonischen Säulen und der hochaufstrebendeu Kuppel sehr erhaben. Doch der Körper allein genügt uns nicht. Hier spricht die Seele, die Erinnerung. Hier ward manch epochales Wort von der Kanzel gesprochen, manch hehrer Gesang hat die Herzen ergriffen und manch edle Tat wurde zum Grundstein glückverheißender Zukunft. Hier hat S n l z e r seinen „S ch i r Z i o n" vvrgelegt, M a u n h e i m e r seine Gebete eingeführt und Jellinek die Macht seiner Beredsamkeit wirken lassen; hier haben Männer wie M. L. B i e d e r m a u n, I. L. H o fmannsthal, Sigmund von W e r t h e i m st e i n, Moritz von K ö n i g s w a r t e r als Vorstände segensreich gewirkt und Salomon von Rothschild als großer Förderer im allgemeinen sich eingesetzt. Und von den längst entschwundenen! Zeiten wendet sich der Blick zur Gegeriwart und sieht an dieser j Stätte in der Mustergemeinde von heute gleichfalls wackere! Männer, die wohl vom Glanze der vorzeitigen Gestalten überstrahlt, dennoch als achtüngswerte Repräsentanten des Judentums zum Wohle desselben wirken und schaffen. Doch was entsteigt da freudig einer Kalesche? Es ist ein junges Paar, beide im Hochgefühle baldigen ehelichen Glückes, sie steigen die Treppe hinauf zur Kanzlei, welche nebenan sich ^befindet, um Tag und Stunde ihrer Trauung zn erfahren; und wiederum — was schleicht dieselbe Stiege herunter, gramgebleicht und betrübt? Eine Geschiedene oder eine solche, die es werden will, — was wird ihre Zukunft? Und so ist in diesem Hause Nr. 4, im Bolksmunde genannt: ,,Der Vatikan in der Seitenstetlengasse," stets ein reger Verkehr von Menschen, welche kommen als Bittende, als Zahlende, als Wünschende, als Befehlende, und könnten die Stiegen er- , zählen — Wandelbilder von ungeheuerer Mannigfaltigkeit würden sich zeigen. — — r r Es rollt abermals ein Wagen vor. Er nimmt einen Würdenträger auf, der hier seine Wohnung-hat und ob seiner imposanten Gestalt die Aufmerksamkeit des untenstehenden Beobachters erweckt. Es ist kaiserlicher Rat Oberkantor I. S i n g er im schwarzen Ornat; er ist auf dem Wege zn einem Leicheubegängnisse. Es möge uns gestattet sein, bei dieser imposanten Persönlichkeit ein wenig zu verweilen. — Westn Salomon Sulzer das unvergängliche Verdienst für sich in Anspruch nehmest durfte, dem Judentum seine Zions lieber wiedergegeben zn haben und sich als ersten musikalischen Kantor und Komponisten zn dokumentieren, so darf wieder kaiserlicher Rat Josef Singer es als sein Werk betrachten, im Vereine mit wackeren Mitarbeitern die Einigung aller Fachgenvffen zu einer Gesamtkörperschaft herbeigeführt und den Stand auf ein höheres Niveau gebracht zu haben, indem er durch Wort, Schrift und Beispiel erziehend und belehrend wirkte. Mit einem Worte: Sulzer war eine musikalische Notwendigkeit für das Judentum im allgemeinen, kaiserlicher Rat Josef Singer eine solche für die Fachgenoffen im besonderen. Eine bessere Ergänzung zur Ausgestaltung des Kantorstandes gibt es nicht.-— In einem der Kanzleizimmer der Wiener Kultusgemeinde hängt auch ein Bild an der Wand, das den großen Zionssünger darstellt, wie er ein aufgeschlagenes Buch emporgehoben hält, auf welchem die Worte geschrieben stehen: ..Die Institutionen der Wiener israelitischen Kullusgemeiude." ihm zur Seite stehen M a n n h e i m er. Jellinek und G ü d em a n u, quasi als Zeugen fungierend und feierlichst bestätigend, daß diese Gemeinde Wohltätigkeit und Fürsorge für alle kultnellen und kultitrellen Bedürfnisse de-- Judentums auf ihr Panier geschrieben hat. Auch die unterfertigten Vorstände fehlen nicht zur Bestätigung dieser edlen Grundsätze, die heute noch in der Seiteustetleugasse geübt werden. Und während man sich noch einmal die historisch gewordene Straße ansiehr und die Schatten der bereits eintretenden Abenddämmerung sich über die Häuser lagern, hört man ans einem der Stockwerke dieses Gebäudes helle Knabenstimmen erschallen. Es ist eine Probe des Tempelchores, der das Du kelohenu zum bevorstehenden Simchas-Thorafest übt. Auch sieht man Leute vor dem Gotteshanse stehen, sie orientieren sich über den Beginn der Gebetszeiten für die Schlußfeiertage, die an der Tempeltür auf einer laugen Liste gedruckt angezeigl werden. — Alles wie in früheren Jahren. — alles wie in jenem traulichen Milien der „Gaffe." dessen sich ein jüdisches Herz mit den gemischten Gefühlen von Wehmnr und Freude erinnert. — — O schöne Zeit, o Jugendzeit! Ein Kollege aus dem n o r dö st l i ch e n Böhme n. Austritte ans dem Judentum. Weiß V a l e n t i u, geb. 15. Jänner 1886. III., Salefiaueciiaffe 8. Röte I a q u e s. Privatbeamter, tjeb. 18. November 1887 zu Wien, V., Margaretheustraße 129. Harfner Margarethe, geb. 5. Mai 1882 zu Wien. V., Margaretheustraße 86. Hern seid Bertha Prwatbeamtiu, geb. 21. Februar 1883 zu Wien, IX., Porzellaugasse 50. Habermauu Katharina, geb. 19. Juni 1864 zu Temtz in Mähren, XVI.. Haberlgasse 22. Mayer Leopold. Chemiker, geb. 6. Avril 1885 zu Wie», IX.. Pramergasie 6. Silbiger Mauuota. Erzieheriu, 3. Jäuuer 1882 in Döbling. XVIII.. Sternwartftraße 46. Schwarz Willi. Bankbeamter, geb. 18. März 1879 zu Bozen in Tirol. IX., Währiugergürtel 156. Ehrenzweig Margarerhe. 5. August 1880 zu Wien, IX., Türkenftraße 23. Wahle Elia Antonia. 21. Juni 1889 zu Wien, IX., Türkenstr. 23. R o s e n f e l d L i l i, Köchm. 1. Sevtember 1872 zu Uug.-Brod ut Mähren. II, Borgarteustraße 132. Bauer Emil. Musikdirektor, 4. März 1874 zu Wien, IX., Elsengasse 23. W e i u f e l d I o i e f. Student. 12. August 1881 zu Glodurile iu Rumänien. IX., Wagnergasse 10. R o s e n b e r g Anna, 14. Mai 1376 zu Lemberg, XVIII., Tempschergaffe 16.

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