Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 46 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrcheit Redaktion und Administration: Wien, II/, Novaragasse 27 Telephon der Druckerei 15802. K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene' Nonpareille-Zeile 25 Heller., Abonnements- und Jnsertionsbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Aeitschrift für Mische Mtere^en. Krscheinl jeden Ireilng. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!4 j; Wezngspreis: j! Ganzjährig.K 14.— ' Halbjährig.K 7.— I! ji!l Für Kiillusbeouite: Ganzjährig.K 10.— j; j. Für Ausland: / Ganzjährig.8 Mark , 6 iHiibfl oder 1« FrcS. Ar. 46. Mir«, 26 Uovember Inhalt: AnS der Woche. — Das Gleichenfest im israel. Knabenwaisenhanse in Wien. — AnS der Wiener KnltnSgeineiude. — Das Sebe» und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Ein neues Licht. — Anstritte aus dem Judenruine. Ans der Woche. Tiefes und aufrichtiges Bedauern hat iu den weitesten Kreisen die Kunde wachgernfen, daß der Gouverneur der Oesterr. Bodenkredilanstalt. Theodor Ritter von Taussig. Mittwoch, den 24. d. M.. nachmittags gestorben ist. Die immense Last der Arbeit, die ans den Schutlern dieses Mannes ruhte, hat den früher stählernell Körper allmählig erdrückt und das schon seit jüngerer Zeit geschwächte Herz konnte den Tücken einer durch unglückliche Zufälle herbeigeführten chronischen Antimonvergiftung nicht widerstehen. In verhältnismäßig jungen Jahren — Ritter v. Taussig hat eill Alter von 61 Jahren erreicht — ist ein Wirken und Schaffen jäh abgebrochen worden, das zu den glänzendsten und bedeutsamsten aus dem Gebiete der österreichischen Finanz- und Bankwirtschaft gehört. Mit Theodor Ritter v. Tallssig ist aber nicht nur die hervorragendste Persönlichkeit der österreichischen Finanzwelt dahingeschieden, sondern auch ein guter, glaubens- und überzeugungstrener Jude und ein ausgezeichneter Mensch, der unter der Hülle des rauben, rücksichtslosen Geschäftsmannes ein edles, für alles Gute und Erhabene empfängliches Herz besaß. Durch eine Reihe von Jahren widmete er seine wertvolle Arbeitskraft auch der Verwaltung des Wiener jüdischen Gemeindewesens und bei seinem Eintritt in den Kultusvorstand hatte man allgemein die Hoffnung, daß diese hervorragende Persönlichkeit berufen sei, dereinst die Führung der Gemeinde zu übernehmen. Als aber seine persönliche Teilnahme an der Durchführung der russischen Anleihe in weiten jüdischen Kreisen stürmische Kundgebungen gegen ihn auslöste, legte er sein Mandat im Kultusvorstand nieder, behielt aber trotzdem für zahlreiche jüdische Institutionen ein viel lebhafteres Interesse, als viele Jener, die ihn öffentlich geschmäht und des Verrates am Judentum angeklagt haben. * * -i- Jn den letzten Tagen beschäftigte sich der Verwaltungsgerichtshof mit einer vom sozial-demokratischen Gemeiuderate Wmtschel eingebrachten Beschwerde gegen den Beschluß des Wiener Gemeinderates auf Erhöhung der Auslagen für die Fronleichnamsfeierlichkeit, da nach Artikel 9 des Gesetzes vom 25. Mai 1868 Andersgläubige nicht verhalten werden können, zu Kult ns zw ecken einer Religionsgenossenschaft, der sie nicht angehören, Beiträge zu leisten, die Gemeinde Wien daher nicht berechtigt sei, aus Gemeindemitteln Auslagen für die Fronleichnamsfeierlichkeit, die eine Kultusangelegenheit der katholischen Kirche sei, zu bestreiten. Die Sache selbst hat für uns wenig Interesse und es wird ■ Nils keineswegs ausregeu, wenn der Beschwerdeführer oder die Ge- ' meinde Wien m dem Rechtsstreite obsiegen sollte. Aber was uns keineswegs gleichgiltig läßt, ist die Tatsache, daß unser Glanbens- 1 oder Volksgenosse Dr. O s n e r, der die Beschwerde vor dem Verwaltungsgerichtshofe vertritt, es nicht vorgezogen hat, einem christlichen Kollegen den Ruhm der Vertretung dieser rein kvn- : sessionellen Angelegenheit zu überlassen. Muß es denn immer! gerade der jüdische und von einem zum großen Teile jüdischen! Wahlbezirke gewählte Reichsratsabgeordnete sein, der unseren j Gegnern ein billiges Schlagwort liefert? ..Die Inden verletzen! mutwillig unsere religiösen Gefühle!" wird es wieder ans den j christlichsozialeu Versammlungen und aus allen Ecken des anti- | semitischen Zeitnngswaldes Hallen, und wegen einer Geschmacklosigkeit des Herrn Dr. Ofner wird das ganze Judentum verunglimpft werden. Herr Dr. Ofner besitzt ein eigenes Geschick, derartige Situationen hervorzurnfen, und auf die Dauer werden wohl selbst die gutmütigsten seiner jüdischen Wühler das! nicht aushalten wollen. * ■ * * i * i Mit großem Interesse werden auch in jüdischen Kreisen sowohl diesseits als jenseits der Leitha die Vorgänge am politischen Schauplatze verfolgt. In Oesterreich dürste alles so ziemlich beim alten bleiben, aber in Ungarn bereiten sich wichtige! Umbildungen vor. von denen auch wir Juden nicht unberührt : bleiben dürsten. Die unerwartete Wendung in der ungarischen Politik, besonders die Spaltung der U n a b h ä n g i g k e l t s p a r t e i, weckt in der jüdischen Bevölkerung gemischte Gefühle. Einerseits ist es zu bedauern, daß Franz K o s s u l h seiner Majorität im Abgeordneteuhause verlustig wurde, da Kos s u t h, liberal wie er ist, stets die Interessen des Judentums geschützt hat, anderseits kann die Sprengung dieser Partei von jüdischer Seite kaum bedauert werden, da die Unabhängigkeirspartei — besonders in den letzten Jahren — ein Sammelplatz feudaler, antisemitischer! Elemente geworden ist, die oft genug Tendenzen in die Partei hineinzntragen sich bemühten, mit welchen bislang ein gütiges Geschick Ungarn verschont hat. * * -i- Mit der nenlichen Entscheidung des Reichsgerichtes ist selbstverständlich die Frage der jüdischen Nationalität nicht ans dem Leben geschafft und so kam es jüngst anläßlich der Promotion einiger jüdischer Doktoren an der Universität in Lemberg zu einer Kundgebung gegen die Eintragung der jüdischen Doktoren in das Register der polnischen Nation. Die lateinische Gelobnngssormel enthält nämlich den Passus „natione Polonus“, welcher wenig-