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Die Wahrheit · 1909-10-22 · Heft 41 (22.10.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 41 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41. Die Wnßrheir - Seite 7. Bezüglich der Vornahme von Gräberausschliü'lckllngett, 'Deichgräber- und ^Reluigungsarbeiten auf der Israel. Abteilung Des Zentralfriedhofes wird der Vertrag mir dem bisherigen Kontrahenten der Knltnsgemeiude. Giovanni Ballestrin. erneuert.; Für das durch Ableben des II. Vize-Präsidenten Herrn Theodor Ritter von G o l d s ch m i dt frei geivordene Mandat eines Vorstandsmitgliedes ist die Ersatzwahl erst gelegentlich der -nächsten Neuwahlen vorznnehinen. Zum Mitgliede der Bezirkskoinmission für die Bezirke II nnd XL wird Herr Max Qnittner berufen. .^Ferner werden eine Reihe von Stiftnngsangelegenheiten .erledigt. Schluß der Sitzung 1 Uhr mittags. Das schlummernde Israel. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) Dieselbe Bewandtnis hat es mit Israel. Ein großer Teil Des Judentums ist krank, seelenkrank. Hüben wie drüben wird .gesündigt, gefehlt, geirrt. Der eine sündigt aus Uebermnt; er ist nämlich in den Besitz großer Reichtümer gelangt, insolge dessen .er übermütig geworden und von religiösen Vorschriften. Satzungen, wie überhaupt von Entsagungen nnd Entbehrungen nichts wissen mag. Ein zweiter sündigt aus Not. Ach. die Konkurrenz rst groß, klagt er; ich würde unmöglich ein menschenwürdiges Dasein fristen können, wenn ich den Sabbat, die Feier- und Festtage, wie überhaupt die religiösen Satzungen streng beobachten möchte. Ein dritter geviert sich als Freigeist und glaubt seine hohe Bildung und Gelehrsamkeit dadurch bekunden zu können, indem er alles Heilige nnd Religiöse ins Lächerliche zieht. Ein vierter fühlt lebhaft das Bedürfnis, in nichljüdischen Kreisen eine Rolle ,zil spielen. Er sucht daher sorgfältig alles das zu vermeiden, was geeignet sei, an seine Herkunft und Abstammung zu erinnern, er assimiliert sich und kümmert sich das ganze Jahr nicht um Juden nnd Judentum. So greift die Seelenkrankheit mit jedem Tage mehr und miehr um sich, ohne daß eine Aussicht aus eine Besserung vor- -handen wäre. Wie! wird man aber fragen, kazori en begilod, im rofe en sckom? Gibt es denn keinen Balsam.in Gilead, sind keine Aerzte mehr zu finden, die diese Krankheit heilen könnten? Das Judentum war doch stets reich an gediegenen, .rationellen Seelenärzten, die durch die Macht ihrer Beredsamkeit, Durch die Kraft ihrer Gelehrsamkeit nicht nur zu imponieren, sondern auch die Religiösität zu fördern, die Sünder zu er- .mahnen und zu bessern, die Schwergeprüften zu trösten nnd zu ermutigen, die Guten nnd Edlen für alles Große nnd Erhabene ,zn erwärmen und zu begeistern und selbst die erbittertsten Gegner eines Besseren zu belehren imstande waren. Allerdings besitzt das Judentum heute noch — wenn auch nicht in dem Maße wie ehedem — eine stattliche Anzahl von würdigen, gottbegeisterten, sehr gelehrten, rationellen Seelenärzten, die Großes zu leisten fähig wären, allein diese werden nicht konsultiert, nicht angehört, so daß sie mit Moses ausrnfen könnten: „Ben bene jisroel lau schomu elei" rc. „Wie können wir von den Gegnern des Judentums erwarten, daß sie unseren Widerlegungen ihrer falschen Behauptungen Beachtung schenken werden, wenn unsere eigenen Glaubensgenossen uns kein Gehör geben?" Ja, die rationellen. Aerzte werden nicht konsultiert. In den meisten Fällen nimmt mau zu Kurpfuschern — deren Mittel, die sie verschreiben, mehr geeignet sind, die Krankheit zu fördern als zu bekämpfen — Zuflucht, während die wirklichen Aerzte, die sich durch gründliche Gelehrsamkeit. Charakterfestigkeit und Biedersinn anszeichnen, tauben Ohren, ja, oft vor leeren Bänken predigen, daher die Kranken nicht das rechte Mittel finden, das ihre Genesung fördern würde. Niln kommt der Bersöhuungsiag nnd da heißt es allgemein: der Weltphysikns. Raule ckol bosor, der rationellste Arzt der Welt, der jede Krankheit, mag sie noch so schwer sein, radikal zn heilen versteht, sei anwesend. Alles eilt, alles rennt ins Gotteshaus, jeder der Seelenkranken klagt sein Leid dem großen, ärztlichen Vater, von dem gv mit Bestimmtheit Hilfe erwartet. Und in der Tal könnte allen diesen Leidenden geholfen werden, wenn sie nur von den Mitteln, die der Weltarzt ihnen verschreibt, den gehörigen Gebrauch machen würden. Das Rezept, das an diesem Tage uns verschrieben wird, lautet: „Utesckubo utefillo uzedoko maawirin es roa hagesero." „Wahre, innige, aufrichtige Reue, andachtsvolles, weih- und würdevolles Gebet und echte Humanität verscheuchen jedes böse Verhängnis."' Das heißt mit anderen Worten: „Der Geist schafft den Gedanken, der Gedanke schafft das Wort und das Wort führt zur Tat." „Wenn also das Wort, das Gebet, zur Tat. ziir segensreichen Tat führt, daun herrscht Ruhe, Friede. Eintracht In Israel nnd jedes böse Verhängnis kann verscheucht nnd der äußere Feind entwaffnet werden." — Das ist der Inhalt des am Jom Kippur uns verschriebenen Rezeptes. Was tun aber die Patienten? Sie nehmen das Rezept ein. ohne von dem vorgeschriebenen Mittel gehörigen Gebrauch zn machen. Sie rufen wohl alle ans lauter Kehle: „Utesckubo, uteiillo, uzedoko" rc., aber weder der eine, noch der andere läßt am anderen Tage von seiner gewohnten Lebensweise ab. — Was Wunder also, daß der Sturm nach wie vor lobt und rast und Israel zu vernichten droht? Darum ruft der Versöhuungstag, der Schiffshanptmann, dem schlummernden Judentume zu: „Was ist dir Schläfer! Lasse dich aus deiner Lethargie aufrütteln, ermanne dich, rufe deinen Gott andachtsvoll und inbrünstig an, fasse den Vorsatz dich zu organisiere n, den Frieden in deiner Mitte zn fördern, die religiösen Anstalten, die Humanitären, gemeinnützigen Jnstitntionen zn erhalten, wie überhaupt für die religiöse Erziehung der Jugend und für die Verbreitung der Kenntnis der Thora Sorge zu tragen *) nnd der Allgütige wird dir beistehen nnd Kraft verleihen, deine Feinde entwaffnen, ihre gefährlichen Pläne vereiteln nnd dich deiner hohen Aufgabe als ,mamleebes Kakanim4 znm Heil nnd Wohl der Menschheit auf die glänzendste Weise entledigen zn können. Das walte Gott!" Freie jüdische Uereinigimg. Wir werden um Anfuahme folgenden Aufrufes ersticht: Die religiösen Unterschiede innerhalb der jüdischen Gemeinden unseres Vaterlandes, die in den letzten Jahrzehnten an Schärfe verloren hatten, haben neuerdings Formen angenommen, welche die Einheit der deutschen Indenheil bedrohen. Auf der einen Seite haben sich Vertreter der strengsten Observanz verbunden, welche die Anwendbarkeit des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Judentum grundsätzlich in Abrede stellen und darum alle Zugeständnisse an die moderne Zeit abweisen nnd sich immer mehr von der Mitarbeit an den gemeinsamen Aufgabe» der deutschen Judenheit abwendeu. Atkf der anderen Seite har sich unter dem Schlagwort des Liberalismns ein Verband gebildet, dessen Programm die Verbindlichkeit der Bibel und der Tradition nur insoweit anerkennen will. als diese Qnellenvorschriflen mit dem Leben im Einklang stehen. Die Religion soll sich somit vom Leben meistern lassen und nicht mehr das heilige Ideal sein, das berufen ist, das Leben zu *) Wenn die Gemeiildeil. Jeschuriins, wieder die Thora, für deren Erhaltung unsere Barer nur ihrem Herzblute gekämpft haben, Hochhalten und den würdig e n Trägern derselben die ihnen gebührende Achtung zollen werden, dann wird es wahrhafrig nicht so wen kommen, daß die südlichen Knllusvorstände erst von den hohen Behörden belehrt werden müssen, welche Anforderungen sie an den Seelsorger bezüglich der theologischen Kenntnisse und der allgemeinen Blldung stellen, wie sie ihn als ihr religiöses Oberhaupt achten nnd schätzen und überhaupt dafür sorgen sollen, daß er standesgemäß leben und der Zukunft ohne Bangen entgegensehen kann. In vormärzlichen Zeiten, als von einer Regelung der inneren Angelegenheiten der Kulrnsgemeinden noch keine Rede war. wurde in jeder Gemeinde der Rabbiner, der selbstverständlich em aewiegter Talmndift, ein gediegener Kenner des jüdischen Schrifttums. ein Talmid Chochom, sein mußte, als das religiöse Oberhauvt deS Ortes, ^lora deatra, betrachtet und allgemein verehrt und geschätzt, ohne daß die Gemeindevertreter erst von irgend einer Seite ermahnt werden mußten, ihre Pflichten dem Rabbiner gegenüber gewissenhaft zu erfüllen. Infolge dessen wurde auch das Studium der Thora überall sorgfältig gehegt und gepflegt. Ein hoorez im modernen Sinne gehörte damals zn den seltensten Ausnahmen. Und die Kenntnis der Thora war es, die dem Judenrume unverwüstliche Lebenskraft berliehen hatte.

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