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Die Wahrheit · 1909-07-23 · Heft 29 (23.7.1909) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 29 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 29. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Kommission ihre Arbeiten noch nicht beendet, da das von den einzelnen Mitgliedern gelieferte Material erst seit kurzer Zeit vollzählig in den Händen des Vorsitzenden sei und der eingehendsten Sichtung und Bearbeitung bedürfe. Jedoch lassen die eingegangenen Arbeiten eine befriedigende Lösung der Lehrplan- Angelegenheit in naher Zukunft erhoffen. In der sich nun entspinnenden Debatte nahm zunächst Seminarlehrer L e v i s o h n-Hannover das Wort, indem er darauf hinwies, daß das jüdische Lehrerseminar seine vornehmste Auf- .gabe darin erblicken müsse, Lehrer ausznbilden. Es schenke wohl dem Kantorat genügende Beachtung, könne ihm aber quantitativ innerhalb des Lehrplanes nicht die gewünschte Ausdehnung geben, da der Stundenplan schon zu sehr belastet sei. Um dem Seminarzögling die wünschenswerte kantorale Ausbildung zuteil werden .zu lassen, müsse noch ein Jahresknrsus angehängt werden. Außerdem machte der Redner darauf aufmerksam, daß es an einem Lehrbuch für die anszubildenden Kantoren fehlt, das zu schaffen, Aufgabe des Verbandes sein müsse. Ein solches Buch müsse besonders Rezitative für den Kantor in kleinen Gemeinden enthalten. Einzelnen dieser Ausführungen tritt Kollege Levy- Frankfurt a/M. mit dem Hinweise entgegen, daß es nicht Aufgabe der jüdischen Lehrer-Seminare sein könne, n n r Lehrer ausznbilden und das Kantorat nebenbei zu behandeln; denn häufig sei der Kantor die Haupt-, der Lehrer die Nebensache; jedenfalls müsse in den drei Seminarjahren mehr für das Kantorat getan werden, 0 s w a l d-Posen weist auf Bärs Baal- Tefüloh. als Lehrbuch hin und spricht die Meinung ans, daß die Seminare überhaupt der Aufgabe, tüchtige Kantoren anszu- .bilden, nicht genügen könnten, dazu seien Kantoren-Schulen nötig. Eine recht lebhafte Form nahm die Debatte an durch das Auftreten der Vertreter der Berliner Kantoren. Sie übten sowohl vei diesem Punkte, wie bei den übrigen, im Namen und Aufträge der Berliner Kollegenschaft scharfe Kritik an der Geschäftsführung des Ausschusses. So fragte Neustadt-Berlin, warum nichts geschehen sei zur Gründung einer Kanwren- Schnle. Es hätten seitens des Ausschusses Sammlungen in ganz Deutschland veranstaltet werden müssen, um die Mittel zur Gründung einer solchen Schule, und zwar in Berlin, zu beschaffen. Es müsse seitens des Ausschusses ernster an die Sache herangetreten werden. Ihm erwidert der Vorsitzende im Namen des Ausschusses, daß der Ausschuß für solch utvpistische Projekte nicht zu haben sei. Die Aufgabe des Verbandes sei es, mit Bedacht den Boden zu schaffen, ans dem die ausgestrente Saat anfgehen könne. Es könne nimmer die Aufgabe des Verbandes sein, Kantoren- Schulen zu gründen, das sei Sache der Gemeinden. Aufgabe des Verbandes wäre es lediglich, die Wege zur Erreichung dieses Zieles in idealer Weise anznbahnen. Ueberhaupt sei es sehr leicht, derartige Anträge zu stellen, schwer aber, sie -auszuführen. Der andere Vertreter der Berliner Kollegen, Sache r- Berlin, erklärt es als ein Verschulden des Ausschusses, daß von den 2000 Kantoren Deutschlands erst 200 Mitglieder des Verbandes seien. Es hätten Provinzialvereine gegründet werden müssen, dann würde der Verband mehr Mitglieder zählen. Der Vorsitzende weist auch diesen Angriff auf die Verbandsleitnng zurück, indem er ansführt, daß das, was der Vorredner als Unterlasfnngsgründe bezeichnet habe, nicht zutreffe, da der Ausschuß durch eine umfangreiche Propaganda, durch Einsetzung von Vertrauensmännern in allen Provinzen wohl bemüht war, alle Kollegen im Reiche als Mitglieder des Verbandes zu gewinnen; aber auf einem großen Teile lastet der Druck der ungewissen sozialen Stellung derart, daß sie für die idealen Bestrebungen unseres Verbandes nicht zu haben sind. Das Mitglieder-Verzeichnis des A. D. K. V. zeigt aber, daß von den hervorragenden Kantoren Deutschlands auch nicht einer fehlt, daß hauptsächlich der wirtschaftlich und geistig hochstehende Teil der deutschen Kantorenschaft sich um das Banner des Verbandes geschart habe. Und mit diesen Männern, mit dieser Elite unseres Standes, hoffe der Ausschuß, all das zu verwirklichen, was er erstrebt, sollten auch die anderen uns vorerst noch fern bleiben. Zu dem zur Beratung stehenden Punkte „Ausbildung zum Kantorat" überreichte Kollege L e i b o w i tz- Posen eine Resolution, worin der Ausschuß ersucht wird, mit hervorragenden Kollegen iu Berlin und den Provinzial- Hauptstädten Vereinbarungen zu treffen, daß sie jüngeren Kollegen gegen mäßiges, bis zur Erlangung einer Stelle gestundetes Honorar Unterricht im Kantoral erteilen und daß ferner aus der Verbandskasse unbemittelte, aber besonders begabte Kantorenschüler durch Darlehen unterstützt werden. Diese Anregung wird zur weiteren Beratung und Durcharbeitung vom Ausschüsse dankend angenommen. Es wendet sich nun die Debatte dem Punkte „Unterstützung des Alters, der Invalidität, der Witwen und Waisen" zu. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß der Ausschuß es nicht für zweckmäßig gehalten habe, zu den vielen Kaffen noch eine neue hinzuznfügen, und daß er daher bemüht gewesen sei, mit der gut fundierten „Hilfskafse" in Berlin in eine enge Verbindung zu belangen. Die Verhandlungen seien soweit gediehen, daß eine gemischte Kommission zur Vorberatung der Wege, auf welchem die gemeinsame Aktion stattsinden könne, eingesetzt sei. In der weiteren Debatte, an der sich die Kollegen L e i b o w i tz-Posen, 0 swal d-Posen, Neu st a d t-Berlin. Lemke-Kosten beteiligten, wird teilweise bemängelt, daß für die Relikten-Versorgung re., überhaupt für die materielle Besserstellung des Kantors, der Verband nicht genügend wirke und nur die idealen Interessen verfolge. Von Ansschnßseite wird seitens des Vorsitzenden darauf hingewiesen, daß der Verband in dieser Richtung nur durch Einwirkung auf die betreffenden Behörden tätig sein könne und daß er sich keine Gelegenheit entgehen lassen wird, für die diesbezüglichen Interessen des Kantorenstandes einzntreten. F a b i s ch-Göttingen widerspricht entschieden der Behauptung, als ob der Verband nur die idealen Bestrebungen mit Nachdruck vertrete. Eine Kasse zu gründen, wie vorgeschlagen sei, die die Versorgung des Alters, der Invalidität und der Relikten bezwecke, liege für den Verband außer dem Bereiche der Möglichkeit. Er könne höchstens nur eine Unterstützungsbezw. Hilfskasse gründen; um dazu zu gelangen, habe der Ausschuß bisher keine Mühe gescheut, wie dies die eingehenden Verhandlungen mit der „Hilfskasse" bezeugen. Um das von den Kollegen Gewünschte, nämlich eine Alters- und Relikten- Versorgung zu erhalten, dazu könne nur durch aufklärende Schritte bei den Gemeinde-Organisationen gesorgt werden. Und daß auch darin der Ausschuß seine Pflicht getan habe, bezeugen seine Eingaben an den D. I. G. B. und seine Forderungen, die er angesichts der 2. Lesung des „Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Verfassung der jüdischen Religions^Gesellschaft in Preußen" infolge der Aufforderung des D. I. G. B. erhoben hat. Kollege D a v i d s o h n-Gleiwitz bemängelt die Stellung des Kantors in dem oben genannten Gesetzentwürfe und fordert eine entschiedene Stellungnahme des Verbandes zu den Beschlüssen des Gemeindetages, die den Kantor dem Küster und dem Totengräber gleichgestellt haben. Es müsse unbedingt Protest gegen solche gesetzliche Behandlung des Kantors eingelegt werden. Auf dem Gemeindetage waren Rabbiner und Lehrer vertreten, die Kantoren aber wurden umgangen. Der Vorsitzende konstatiert, daß es ein Erfolg für den Verband sei. wenn der A. D. I. V. zu einer Meinungsäußerung zu dem Entwürfe offiziell aufgefordert worden fei. Die von dem Ausschüsse unseres Verbandes dem D. I. G. B. vorgelegten Wünsche haben durch das Maßvolle ihrer Form und auch inhaltlich bei allen iu Betracht kommenden Faktoren den günstigsten Eindruck gemacht. Der Verband konnte die Wünsche des Kantorenstandes zum Ausdrucke bringen und sie vertreten, die Anträge einzelner wäre ad acta gelegt worden. Da der Punkt 5 der Tagesordnung noch Gelegenheit geben wird, sich zu dieser Frage zu äußern, wird die Abfassung einer vorgeschlagenen Resolution bis dahin verschoben. (Schluß folgt.)

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