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Die Wahrheit · 1909-06-11 · Heft 23 (11.6.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 23 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aßr^eit Redaktion ». Jlbmmllti «not;: Wien, II/, 'Jhnumniafje 27 T«Iclibuit bcr -Jlnufrt-t!5S»S J?. k. üsterr. Poslsparkasia- Scheck-Nonto Nr. 100.918. JllllCV.ltt Die viermal gfititlteiu NonvareiNe'Zeite rä Heller. rldonncincnlSn.;i»Ic,llo„«- *elrä-r lind in SUien zallldai und kla^dar. nakhängtge Aeiischrift für jüöische Interessent Erscheint jeden Kreitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” (ViuijiaQrij) . . . Jf 14.— ji S-niMi'iüvia! it T — |j iliu t4iiltii?0fiiiiitr: fVni -?Ii»?l»iiI> : ‘VuiMhltUU . . . -> M.,r' ^tuvel ubrr l6 »frc*. 23 Wien. 11 Inni Inhalt: Aus der Woche. — Ein Plan — Ein Bolk. — „Isaak Stern, einer von unsere Leut'". — Offenbarung. — Berschiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Das freimütige Bekenntnis eines ehemaligen österreichischen Ministers, daß vor den Klosterpfvrten die Macht der Staatsgewalt aufhöre, hat durch eine in den letzten Tagen erfolgte oberstgerichtliche Entscheidung eine neuerliche Illustration erhalten. Es handelte sich bei derselben um den Fall der 17jährigen Leonore Gänge r, der sich im November 1907 in Czchow im Bezirke Brzesko ereignete und dort zu heftigen konfessionellen Konflikten führte. Eleonore Gänger ist zweimal ans dem Elternhause ins Kloster der Felicianerinnen nach Krakau entführt worden; das erstemal kehrte sie, als ihre Mutter mit einem Polizeikommissär im Kloster erschien, ohileweiters wieder nach Hause zurück. Nach der zweiten Entführung erklärte sie ihrer Mutter, sie wolle unbedingt im Kloster bleiben und Katholikin werden, so daß die Mutter unverrichteter Dinge das Klosterverlassen mußte. Einen Monat später kehrte das Mädchen nach Hause zurück, ohne in der Zwischenzeit ihren Glauben gewechselt -zu haben. Acht Personen, darunter der Pfarrer von Czchow, Pater Joses S t 0 p n und der Arzt Dr. Franz I a n c z y, wurden vor dem Landesgerichte Krakau wegen Entführung und Beihilfe zu diesem Verbrechen angeklagt. Sie verantworteten sich dahin, sie hätten keineswegs die Absicht gehabt, das Mädchen der elterlichen Gewalt zu entziehen; man habe Frau Gänger auf deren Frage auch sofort mitgeteilt, daß sich ihre Tochter im Kloster der Felicianerinnen besinde. Die Angeklagten erklärten, gewußt zu haben, daß Leonore Gänger zum Katholizismus übertreten wolle und da nach österreichischem Recht jede Person die Freiheit des Religionswechsels habe, h ä t t e n s i e sich als Christen nicht nur für berechtigt, sondern für verpflichtet gehalten, dem Mädchen die Freiheit der R e l i g i 0 n s w a h l zu sichern. Das Landesgericht Krakau sprach alle Angeklagten, die von Doktor G i r t l e r verteidigt wurden, frei, mit der Begründung, daß > sie nicht in der Absicht gehandelt hätten, die Minderjährige der elterlichen Gewalt zu entziehen, daß somit der subjektive Tatbestand des Verbrechens der Entführung mangle. Außerdem komme den Angeklagten ein strafansschließender Irrtum, nämlich der Irrtum über die Bedeutung der im Gesetze über die interkonfessionellen .Verhältnisse konstituierten Freiheit der Religionswahl zugute. Gegen den Freisprnch erhob die Staatsanwaltschaft die Nichtigkeitsbeschwerde, die vor dem Kassationshose von Generaladvokateu Hübel vertreten, von Dr. Girtler bekämpft wurde. Der Kasiationshof verwarf die Nichtigkeitsbeschwerde und bestätigte das freisprechende Urteil der ersten Instanz. Unter dem Vorwand, jüdischen Mädchen die Freiheit der Religionswahl zu sichern, kann nunmehr die Proselytenmacherei in Galizien ganz unbehelligt ihr glaubenseisriges Werk betreiben. Der vor kurzem verstorbene ehemalige österreichische Parlamentarier B. von C a r n e r i, der seinerzeit zu den Zierden des Abgeordnetenhauses gehörte und mit vollem Rechte ein aufrichtiger und überzengungslrener Vertreter des Liberalismus genannt werden konnte, hat in seiueni „Buch des Friedens." in dem er als eifriger Apostel der Friedensbewegung ausrrat, folgendes Bekenntnis gegen den Antisemitismus uiedergelegt: „Es wird zu keinem rechten Frieden ans Erden kommen, so lange d e r A n t i s e m i t i s m u s das Haupt hoch tragen darf wie jetzt. Warum er es so hoch trägt? Durchaus nicht wegen seiner eigenen Macht. Immer wird es eine gewisse Anzahl H a l b m e u s ch e n geben, die von Neid und Habsucht verzehrt, in jeder Betätigung des Fleißes eine ihrer Trägheit schädliche Konkurrenz erblicken, die sie am liebsten plündern möchten, und, geht dies nicht an, mit allen Spielarten des Rassenhasses und der religiösen Intoleranz bekämpfen. Diese Halbmenschen werden aber erst zu einer Macht durch die Unzahl Gleichgültiger, die zwar mit ihnen nichts gemein haben wollen, aber zu ihren passiven Bundesgenossen werden, indem ihre gesinnungslose Untätigkeit den tüchtigen wie ein Schlamm bis cm den Hals geht und ihre Tatkraft lähmt. Da ist ein tvahrhast friedlicher Staat nicht denkbar, und nur friedliche Staaten können den Weltfrieden sichern. Tie Zeit der dynastischen und Kabinetts-Kriege ist vorüber und damit wohl auch die Zeit der alten Eroberungskriege. Die etwa noch drohenden Kriege sind Rassen- .und Jnteressenkriege, und deren Elemente birgt der Antisemitismus in seinem unheilvollen Schoß." * * S Wer hetzt in England znm Kriege gegen Deutschland? > Natürlich die Juden! Die „Kreuz-Zrg." will ganz genau wissen, daß fast sämtliche H a n p t b e t e i l i g l e an allen gegen Deutschland gerichteten Veranstaltnngeit in England Bankiers und Börsenleute jüdischer A b k u n s t mit — leider — deutschen Namen wären." Uns ist von diesen jüdischen Bankiers, die an der Spitze der Deutschenhetzer stehen sollen, nichts bekannt, wenngleich es nicht ausgeschlossen ist. daß sich unter den konservativen Hanptschreiern gegen Deutschland auch einige Inden befinden, zumal ja in England, wo ein politischer Antisemitismus nicht existiert, die Inden in ihrer Mehrzahl der konservativen j Partei angehören. Was aber die deutschfeindliche Presse aulangt, j so gehört die sogenannte Harmsworthpresse, an der Spitze die

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