Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 22 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 22. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Ottilde Singer. Dienstag, den 1. Jnni ist Frau Ottilde Singer, geb. Binzer, die Gattin des kaiserlichen Rates Oberkantor Joses Singer in Wien, gestorben. Die Fernestehenden traf die Kunde von ihrem Tode ganz unerwartet, aber selbst den engeren Kreis der Freunde ihres Hauses, selbst Gatte und Kinder, die sie durch einige Wochen mit einem schweren Leiden ringen sahen, wußten in ihren letzten Lebensstnnden nicht, daß sie dem Ende so nahe sei. Still und geräuschlos, so wie sie gelebt, ist sie mit einem friedlichen Lächeln ans den kaltgewordenen Lippen von hinneu gegangen, und als großes Glück für die Heimgegangene, wie für die in trostlosem Schmerze aufgelösten Hinterbliebenen kann es gepriesen werden, daß die gütige Vorsehung sie vor langem Siechtum und schwerem Todeskampf bewahrte und noch bis zum letzten Momente mit Lebenshoffnnngen erfüllte. Ottilde Singer, die einer angesehenen Familie in Andrychau entstammte, war eine seltene Frau, mit hohen Gaben des Geistes und des Herzens ansgestattet. Sie war die treueste, aufopferndste Gattin, die zärtlichste, liebevollste Mutter, das Muster einer fürsorglich waltenden Hausfrau, ein Biederweib im vollsten und edelsten Sinne des Wortes. Von tiefer Religiosität erfüllt, war sie eine Priesterin des häuslichen Altars, dem ihr ganzes Sinnen und Trachten, ihr ganzes Wirken und Schaffen galt und den sie mit jenem poesievollen Zauber umgab, wie er in früheren Zeiten jedem echtjüdischen Hause zu eigen war. Aber die Sorgen und Pflichten des häuslichen Alltaglebens drückten sie nicht nieder und erfüllten nicht ihr ganzes Dasein. Ihre bohe Bildung, und ihr reiches Geistesleben suchten auch andere Betätigung und so wurde sie ihrem Gatten ein Leitstern durch sein ganzes Leben, eine verständnisvolle Beraterin seines wissenschaftlichen und literarischen Strebens und ihren Kindern eine klnge, feinfühlige Erzieherin, die ihnen mit ebensoviel Liebe als Verständnis den Weg wies, den man schreiten muß, um aus die Höhe des Lebens zu gelangen. Ottilde Singer hat den Ihren viel gegeben, mit ihrem Heimgange wurde ihnen viel genommen, und möge das Bewußtsein ihnen Trost spenden, daß das Andenken an die Verblichene bei Allen, die sie kannten und ihr näher traten, ein gesegnetes bleiben wird. Kine gebildete Krau.! Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) O, hätte die Arme es gesehen, wie der Fremde dem! Mädchen eine Karle znschob, worauf er die Worte geschrieben! hatte: „Vergeben Sie mir, und seien Sie wieder gut, ich er-! warte Sie abends am gewöhnlichen Platze." hätte sie dieses gesehen, es wäre ihr vieles klar geworden, und die schweren Sorgen wären sofort von ihr gewichen. Der Herr hatte sich empfohlen und den Laden verlassen. Frau Rösl fragte das! schweigend hantierende Mädchen:! „Wer ist dieser Herr gewesen, Liest?"; „Ein junger Doktor, welcher eine verwandte Familie in j hiesiger Gegend besucht, bevor, er seinen Posten an einer Wiener! Klinik antrilt." „Wie heißt er?"! „Doktor Müllner." „Müllner? Der Name ist mir fremd? wenigstens weiß ich; mich nicht zu erinnern, jemand dieses Namens gekannt zu haben. j Aber woher kennst Du diesen Herrn, Liest?" „O, schon lange, seit meinem Wiener Aufenthalt. Er war i es, der mich damals zur Tante brachte, als ich hilflos und j allein vor dem Karltheater stehen geblieben war. Dann hat er! sich uns angeschlossen und unseren Führer bei Besichtigung der ' Stadt und der Ausstellung gemacht." •' „Und dann wurde dieser Verkehr auf schriftlichem Wege fortgesetzt. Habe ich es erraten, Liest?" „Du fragst wie ein Inquisitor," sagte ausweichend das Mädchen. „Keine Umschweife, Kind, ich verlange die Wahrheit, die volle Wahrheit." Liesi hatte niemals eine Lüge gesprochen, sie konnte dies auch jetzt, auf diese direkte Frage antwortend, nicht tun. „Bitte, Frau Fischer, seien Sie mir nicht böse, wir haben uns seitdem regelmäßig geschrieben, eigentlich bis vor einem Vierteljahr. Von da an kamen seine Briefe in immer größeren Zwischenräumen an. wurden immer kürzer und kälter, bis ich den Entschluß faßte, sie nicht mehr zu beantworten, so weh mir dabei auch war." „So wie damals," flüsterte Rösl, schmerzlich bewegt. „Wie meinen Sie, Frau Fischer?" fragte Elise. „Nichts mein Kind, erzähle nur weiter." „Was ist da viel zu erzählen? Als Müllner auf mehrere Briefe keine Antwort von mir erhielt, ist er hierher zu seinen Verwandten gereist, um mich wieder zu versöhnen. Aber dies soll ihm nicht gelingen! Lieben werde ich wohl keinen Anderen als ihn, aber ich will chm niemals angehören. Ich werde, wie die gute Tante, unvermählt bleiben." „Das sollst Du nicht, Du gutes Kind! Laß nur mich machen!" „Was wollen, was können Sie tun?" „Das weiß ich bis jetzt noch nicht. Jedenfalls trachte, mir Gelegenheit zu schaffen, allein mit ihm zu sprechen, dann wird es sich zeigen. Wenn nichts anderes, werde ich mir Gewißheit darüber verschaffen, ob er des Opfers einer solchen Entsagung, und ob er überhaupt Deiner Liebe würdig ist. Der Tante sage vorläufig nichts davon, daß Du hinter ihrem Rücken ein Liebesverhältnis angeknüpft; warum sie unnötiger Weise in Aufregung versetzen? Har sie sich doch genug geängstigt, seitdem sie die mit Dir vorgegangene Veränderung bemerkte, und dieselbe ganz richtig einer geheimen Liebe zuschrieb. Freilich hatte sie einen anderen Verdacht gehabt, so aber ist es jedenfalls besser — wenigstens für mich —fügte sie in Gedanken hinzlr. Elise war pünktlich beim Stelldichein erschienen, und zwar geschah dies ans ausdrückliches Verlangen ihrer Vertrauten, der Frau Fischer. Befremdet vernahm der junge Doktor die Bitte, der blinden Frau Fiicher eine Zusammenkunft zu gewähren oder eigentlich sie in ihrer Wohnung zu besuchen. „Was kann mir diese Judenfrau wollen?" fragte kopfschüttelnd der Doktor. „Bitte, kommen Sie nur, lieber Freund. Sie wissen gar nicht, wie gütig sie ist, so gut und so gelehrt." „Gelehrt? Die gelehrten Frauen sind niemals mein Ideal gewesen, und gar die alten nicht. Am Ende sind Sie auch bei dieser gelehrten Jüdin in der Schule gewesen?" „O, Sie Spötter!" verwies Elise ihrem Verehrer diese leichtfertige Aenßerung. „Ich kann mich weder, was Geistesnoch Herzensbildung betrifft, mit dieser hervorragenden Frau messen, und bin auch nicht so unbescheiden, einen Vergleich mit ihr von anderen znznlassen, finde es auch für überflüssig, die allbekannten Vorzüge meiner mütterlichen Freundin jemandem gegenüber aufznzäblen und sage Ihnen daher blos das eine, daß ich es einzig und allein ihrem Dazutun und ihrer Fürsprache verdanke, daß ich in das Haus meiner gütigen Pflegemutter gekommen und daselbst wie das Kind des Hauses aufgenommeu und behandelt wurde." Elise erzählte ihrem aitfmerksamen Zuhörer haarklein die ganze Begebenheit, wie wir sie zu Anfang dieser Erzählung geschildert haben, beschrieb mit so bewegten Worten den wunderbaren Einflitß, den diese Frau auf ihre Erziehung gewonnen, daß dem jungen Doktor nicht nur die Spotllust vollständig verging, sondern seine Angen beim Anhören feucht wurden. „Genug, liebes Fräulein." sprach er, „ich komme sicher, und zwar schon morgen, und wäre es nur, um diese seltene Fran, die mir meine Elise so herangebildet, kennen und verehren zu lernen." „Das sollen Sie auch, mein Freund!" (Fortsetzung folgt.)