Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 20 (20.5.1909)
- Date
- 1909-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Serie 9. Die Stellung der Kantoren zur Gemeindeorganisation. In der Dienstag, den 18. d. M. stattgehabten Vorstandssitzung des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines wurde der Bericht des Sekretärs über die Aktion des Vereines am letzten Gemeiudetage entgegengenonuneil und der einstimmige Beschluß gesaßt, mit aller Energie uub allen gesetzlichen Mitteln die. Rechte der Kantoren, insoweit sie in dem Organisationsentwnrfe nicht Beachtung gefnijden haben, weiter zu vertreten. Es wurde auch die erfreuliche Tatsache konstatiert, daß sich Hunderte von Kollegen der Aktion des Vereines angeschlossen haben. Imn traditionellen Gesang. In Nummer 14 des in Brünn erscheinenden Blattes „Jüdische Volksstimme" hatte der Herr Redakteur die Freundlichkeit, in der Fußnote zu dem „Eingesendet" des hiesigen Herrn Rabbiners betreffend „Den reformierten Gottesdienst" die Bemerkung zu machen, daß mein Artikel über den traditionellen Gesang ganz allgemein gehalten sei und daher nach keiner Richtung hin irgend welchen Anstoß erregen könne. Die Auffassung des Herrn Redakteurs war eine ganz richtige, denn meine Aitssührungen galten ausschließlich der Sache und nicht der Person, da es mir ganz ferne lag und nicht in den Sinn kommen konnte, mit meinem Artikel irgend jemandem ..in den Rücken" zu fallen. Ich muß daher die Form der diesfälligen Bemerkung des Herrn Rabbiners entschieden ablehnen. trotzdem es mich freut, konstatieren zu können, daß der geehrte Herr Einsender hinsichtlich der Zweckmäßigkeit der Wiedereinführung des traditionellen Gesanges — vorgetragen nach den methodischen Grundsätzen — mit mir eines Sinnes ist und auch im Verlause der weiteren Ausführungen seines Artikels damit nicht kargte, mir ehrende Worte der Anerkennung für meine kantorale Tätigkeit zu zollen. Als von einer mährischen Kehilla stammend, wo hervorragende Rabbiner wirkten, bin ich gewohnt, dieselben als die Träger jüdischen Geistes und der jüdischen Erkenntnis zu schätzen uub zu ehren, und ich darf es wohl namens der gesamten Kantorenschaft hier aussprechen, daß wir alle vor diesem ehrwürdigen Stande vom Gefühle wahrster Hochichätznug und Verehrung erfüllt sind. Ich kann jedoch bei dieser Gelegenheit nicht umhin, und zwar in Bezug auf die im besagten Artikel ganz unvermittelt wiederkehrenden Worte: „Es berührt eigenartig, daß ein Kantor seinen Oberkantor mit einer solchen Kritik rc." mir die Bemerkung zu gestatten, daß es im Judentume niemals eine sogenannte Beamtenhierarchie gab. vnsra bv rbv'cz rfcyn *6, heißt es in der Thora! Vor dem Altäre Gottes sind wir alle gleich. Da gibt es keine Rangabstufungen, weder ein Obernoch ein Unter-, noch ein erster oder zweiter Kantor u. s. w., sondern d a gilt bloß die Gediegenheit, die Innerlichkeit und Geistigkeit der Thora, Aboda und Testlla. Es muß und soll daher jedem Kultnsbeamten — der die Fähigkeit in sich fühlt — ganz unbenommen bleiben, im. Interesse seines Faches und ureigensten Gebietes in Wort und Schrift wirken und schaffen zu können. Wenn wir daher in den Herzen unserer Jugend uub unserer Gemeindemitglieder die Begeisterung für die traditionelle Gesangsweise wachrufen wollen, könnten wir dies anknüpfend an den beherzigenswerten Schlnßappell des hiesigen Herrn Rabbiners nur dann bewirken, wenn für die Folge ein innigerer, freundschaftlicherer Verkehr zwischen Rabbiner und Kantor sich ansbilden möchte. A. S t ö ß l e r Sekretär und Kantor der ifrael. Kultusgemeinde Olmütz. Don der Anteilnahme »ichtfndischer Mnstlrrr am Synagagengesang. Es war im Jahre 1893, als die Wogen des Antisemitismus in Oesterreich am höchsten gingen und der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" durch sein Organ „Freies Blatt" die Interessen und die Verteidigung der Juden übernahm, hatte auch meine Wenigkeit ein Schärflein beigetragen und zur Wahrung jüdisch-kantoraler Standesinteressen, sowie zur Beleuchtung synagogaler Gesangsverhältnisse eine kleine Arbeit unter dem Titel: „Christliche Komponisten und jüdische Musik" veröffentlicht, in welcher unter anderem das irenndschaftliche Verhältnis zwischen jüdischen Funktionären und christlichen Organisten, Dirigenten rc. geschildert und darauf hingewiesen wurde, daß Männer mit berühmten Namen es nicht verschmähten, für die Bereicherung der jüdischen Musikliteratnr Wesentliches beizntrageu, wie es auch ein Brief beweist, den Rossini an Naumburg schrieb und den ich in obigem Blatt veröffentlichte. Da kam ich uitlängst in die uns nahegelegene Stadt Münchengrätz, wohin mich eine private Angelegenheit führte, und da mir daselbst von der Auflösung des dortigen Synagogenchores erzählt wurde, machte ich mich daran, Einsicht zu nehmen in die noch vorhandenen Syuagogengesaugwerke. um eventuell Verwendbares zu erwerben. Mit Genehmigung des Vorstandes sichtete ich auch die dort angehänften Bücher und Piecen und da siel eine geschriebene Partitur m meine Hände: Adon olom von Hoffmeister. Sollte das vielleicht eine Komposition von dem bekannten Klavierpädagogen und Professor am Prager Konservatorium sein, dachte ich mir? Wie kommt Saul unter die Profeten? Wie kommt ein geistiges Produkt dieses Mannes in das verstaubte Orgel-Archiv einer kleinen Landgemeinde? Nachdem die Liebenswürdigkeit des Vorstandes mir erlaubt hatte, die Piece zu entleihen, machte ich müh, zu Hanse angelangt, sofort an das Studium derselben. Das L-tück beginnt mit einem Largamento maestoso. Die Anlage ist vortrefflich, so kann nur eilt Hymnus an den Schöpfer der ganzen Welt beginnen, und die Tonart C-dur ist auch gut gewählt, siehe Schuberts „Allmacht" und Haydns Chor ans der Schöpfung „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Der naive und doch so kräftige Naturcharakter des C-dur wirkt bei Darstellung himmlischer Gewalten geradezu mächtig, und io brausen auch die Anfangsakkorde des Adon olom wirkungsvoll und raumerfüllend, werden jedoch öfters durch andere Tonarten, die sich interessant durch das Stück durchschlängeln, adgelöst, hiebei findet auch ein Tenor- (Kantor) Solo und Altsolo dankbare Verwendung — bis der Schlußsatz „Adonoij li“ dominierend wieder in C-dur schließt. Um nun die Beweggründe zu dieser Komposition und die AuschauungHoffmeisters über den jüdischen Synagogengesang kennen zu lernen, habe ich mich in einem Schreiben an ihn gewandt, das er im Februar d. I. in folgender Weise beantwortete: Hochverehrter Herr! Den Adon olom schrieb ich für meine Freunde in Münchengrätz — es waren ganz schöne Tage, wo wir vor etwa zwanzig Jahren — im damaligen Tempel musizierten, und wo ich mich an den alten Synagogalgesängen begeisterte. Wie ich mir die Aufführung des Chores vorstelle? Sehr viel S ch w u it g, sehr viel Empfindn n g, große Kontraste, große Steigerungen — wie das eben dem hebräischen Kultusgesange immer eigen ist — die Schwierigkeiten des Werkes halte ich nicht für bedeutend— die Müuchengrätzer Orgel war klein, der Chor nicht eben stark. Ihnen für Ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit bestens dankend, bin ich Ihr stets ergebener K. Hoffmeister. B. Singe r, Jungbunzlan. KONKURS. Die Stelle eines Kantors ist in der Chor-Tempel gemeinde zu Bncarest (Rumänien) zu besetzen. Bewerber müssen gründliche musikalische Bildung besitzen, mit dem modernen Synagogalgesaug vertraut, Tenorstimme bevorzugt, und tüchtige Koreh sein. (Nicht älter als 35 Jahre.) Jahresgehalt Frcs. 30Ö0, Emolumente circa 1500 Frcs. Anträge mit Zeugnissen sind an die Adresse: Onor Comunitatei Israelite a Tempiului Coral. Strada St. Vineri 13. Hueure^ti (Romania) bis 15. Juni 1. J. zu senden. Vom Vorstande der Kultusgemeinde des Cho r-Tempels Der Präses Or. Adolphe Stern