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Die Wahrheit · 1909-04-30 · Heft 17 (30.4.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 17 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17. Die Wahrheit -eite 9. -ermessen, welcher in einem ähnlichen Institute vor und bei der Eröffnung tätig war. Mit Aufgebot aller Kräfte gelang es, trotz vielfacher Hemmungen, im Betriebe aller Hindernisse Herr zu werden und den Kranken ihren sehnsuchtsvollen Wunsch, in die Anstalt ausgenommen zu werden, zu erfüllen. Unter den 81 resp. 87 Pfleglingen waren ans Böhmen 12 (hievon uns Prag 9), ans Deutschland 17, ans Wien 33, aus Mähren und Schlesien 11 (davon aus Brünn 4), die übrigen Kranken rekrutierten sich aus Galizien, Ungarn, Steiermark und Rußland. Dem Stande nach waren 40 Handelsangestellte und die übrigen verteilten sich auf Lehrer, Tapezierer, Schlosser, Marqueure, Techniker, Maler, Diamantenschleifer Schneider, Schneiderinnen, Erzieherinnen, Modistinnen, Sängerinnen, Lehrerinnen rc. Verheiratet waren 15. Die Pfleglinge standen im Alter von 151/, bis 50 Jahren. Ans dieser vorläufigen Statistik, die wir, wenn möglich, monatlich peröffentlichen wollen, ist zu ersehen, daß aus allen Ländern, aus allen Ständen und allen Altersstufen in unserem Heime Hilfe gesucht wird. Für die Verpflegung, die aus 7 Mahlzeiten besteht, für die Wartung, Bedienung, Beheizung rc. haben wir einen Aufwand von ca. 90.000 X zu bestreiten, hievon sind ca. 50.000 X ungedeckt. Wir mußten, um unsere Baurechnuugen bezahlen zu können, den Betrag von 150.000 X auf unser Haus aufnehmen und diesen Betrag verzinsen und amortisieren. Wir sind daher auf die Subventionen aller Vereine, sowie auf die wohltätige Hand und das goldene Herz aller Glaubensgenossen angewiesen. Wir bitten deshalb alle unsere Glaubensgenossen, uns zu unterstützen, uns Gelder eingusendeu, unserem Vereine als Mitglieder beizutreten, damit wir im Stande sind, die Berpflegskvsten für unsere Pfleglinge zu bestreiten, dieselben ihrer Krankheit entsprechend zn nähren und auf diese Art und Weise uns behilflich .zu sein, daß wir unsere armen Glaubensgenossen wieder ihrem Berufe znführen können. Wir glauben keine Fehlbitte getan zu haben und bitten, die milden Gaben an die Adresse: Verein „Asyl für mittellose kranke Israeliten" in Meran oder: Dr. Wilhelm H e r s ch, Meran, Winkelweg, gütigst einznsenden. Berlin. Mit der Schlachtmethode auf dem Berliner städtischen Schlachthof beschäftigte sich jüngst das Kuratorium des städtischen Vieh- und Schlachthofes. Nach einer eingehenden Beratung wurde ein Antrag des Vorsitzenden des Kuratoriums, Stadtrats Fischbeck, angenommen, der mit Bezug auf das Schächten folgendes besagt: „Das Schächten nach jüdischem rituellen Gebrauch soll zugelassen bleiben, jedoch nur, wenn der Schächter eine Erlaubnis dazu von der Schlachthofverwaltung erwirkt hat. Durch diese Bestimmung soll verhindert werden, daß das Schächten zur Umgehung des Beräubungszwanges von sogenannten wilden Schächtern ansgenützt wird, deren Tätigkeit nach den eiugeholten Aeußerungen der jüdischen Kultusgemeinde religiösen Wert überhaupt nicht hat." Ein von sozialdemokratischer Seite gestellter Antrag, auch das jüdische rituelle Schächten zu verbieten, wurde abgelehnt. Die Beschlüsse des Kuratoriums werden nunmehr dem Magistrat und danach dem Polizeipräsidenten zur Zustimmung unterbreitet werden. Kirre gebildete Krau. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Nach eingenommener Abendmahlzeit wurden Pläne für den folgenden Tag gemacht. Natürlich in erster Reihe wurde der Besuch der Ausstellung projektiert; den Abend sollte ein Theaterbesuch beschließen. Da zeigte sich die Verschiedenheit des Geschmackes bei den Tischgenossen. Gnndel. welche zuerst um ihre Meinung gefragt wurde, wäre am liebsten in's Opernhaus gegangen, wo eine Wagner'sche Oper lockte, Elise zog es in's Burgtheater, wo eine Schiller'sche Tragödie ansgeführt wurde. Elise malte sich dies so schön aus, wie sie im Theater ans jede Bewegung achtgeben wollte, aber beide wurden von dem Hausherrn und dem Poldi überstimmt. „Nix da von dem Wagner'scheu Gedudel und dem Schillersichen Geflenn. In's Karltheater müssen's gehn," ries voller Begeisterung der junge Wiener aus, „dort spielens morgen die „Hundert Jungsrann," da werden's die drei größten Komiker der Welt zu sehen kriegen: Matras. Knack und Blasel, da werden's sich bucklig lachen, das ist ein Hauptspaß." Gnndel winkte Elisen zu, und diese unterdrückte die erregte Entgegnung, die sie eben machen wollte. Beide willigten ein, das Karltheater zu besuchen, nachdem die Hausfrau, um ihre Meinung gefragt, äußerte, daß sie bei der Hitz' in kein Theater geh' und lieber im Hotel Allstria ans die Anderen warten wolle. In ihr Schlafzimmer gekommen, begannen Gnndel und Elise ein eifriges Gespräch, das nicht so sehr den Eindruck, den Wien auf sie gemacht hatte, behandelte, als vielmehr ihre Gastgeber und die Aufnahme, welche sie bei ihnen gesunden. Elise beklagte sich über die Hausfrau. „Weißt Du, liebe Tante, diese Frau Margreth' kömmt mir so vor, als hätte sie das lange Lineal, womit Du Dir den Katalog registrierst, verschluckt und sie sich deshalb nicht umüiegen könne." „Du Spötterin," rügte Gnndel, „lass' die Frau Barta hübsch sein; sie ist die einzige in der Familie, welche aufrichtig und wahrhaft so spricht, wie sie denkt, nämlich herzlich wenig. Die Anderen aber sind falsch, das sieht man auf den ersten Blick. Mit meinem Vetter, dem Anton, ist eine sehr nachteilige Veränderung vorgegangen. Die Großstadt hat ihn ganz verdorben. Sein schlichter Brief mit der naiven Renommage hatte mir damals so gut gefallen und schien mir das Zeichen eines einfachen, biederen Charakters zu sein, aber jetzt sehe ich, daß all' dies nur schlaue Berechnung gewesen ist. Zu welchem Zwecke, das ist mir noch nicht klar geworden, aber ich muß während meiner kurzen Anwesenheit im Hanse die Augen recht offen behalten." „Kurze Anwesenheit?" unterbrach sie Elise; „wir haben ja so viel zu sehen und Du versprachst mir ja, recht lauge in Wien bleiben zu wollen." „In Wien wohl, mein Kind, aber hier im Hause nicht. Wir werden eben unter irgend einem Vorwände in einem Hotel Wohnung nehmen." Hatte die Aufnahme, welche die Damen im Barta'schen Hanse gesnuden, diesen eine Enttäuschung bereitet, so war die Enttäuschung, welche sie selber dem Fabrikanten bereiteten, eine viel größere. Daß seine kluge Muhme so ein Mädel von der Gasse ausgelesen'und als eigen angenommen hatte, drohte seine Absicht zu vereiteln. Viel war keinesfalls ans ihr heranszuziehen, und das Wenige noch fraglich. Doch versuchen wollte er's, und indessen soll der Poldi dem Dirndl Süßholz vorraspeln, so wird doch was zu erlangen sein. In der Frühe nahm er eine Loge zur Abendvorstellung ins Karltheater. Nach dem Gabelfrühstück fahren die beiden Herren mit den Gästen in die Ausstellung, und unterwegs waren sie bemüht, den ihr Erstaunen nicht verlengnenden Damen die Herrlichkeiten der großen Kaiserstadt zu zeigen, „'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien," war der Refrain des Lobliedes, das Poldi in leicht begreiflichem Lokalpatriotismns zn Ehren seiner Vaterstadt anstimmte. Den ersten Ausstellungstag wollten die Damen in der Kunsthalle zubringen, doch gaben sie dem Rate ihrer Führer nach, vorerst eine allgemeine Uebersicht des Ganzen zu gewinnen, und erst beim zweiten und den folgenden Besuchen Spezielles in Augenschein zu nehmen. Als sie gegen Abend nach Hause kamen, um Toilette zum Theaterbesuch zn machen, mußten sie sich sehr beeilen, um rechtzeitig fertig zn sein. Ein Fiaker hielt vor dem Hause, um sie hinznfahren. „Warum solche Auslagen?" rügte die wirtschaftliche Lehrerin. „Ist denn keine Tramwayverbindung mit dem Theater?" „Pah," meinte Barta lachend, „wer wird so knausern, man hat nit alle Tag' so rare Gäst', wie Ihr seid!" Elise sowie auch die ernste Gnndel waren von der Vorstellung ganz hingerissen. Das Komikertrio hatte wirklich Unglaitbliches geleistet und die Maschinerie so gut geklappt, daß man in Wirklichkeit die Ausrüstung eines in See gehenden Schiffes vor sich zn sehen vermeinte. Poldi wurde ganz stolz über das eiugeheimste Lob, welches seinem guten Geschmack galt. Er hatte es ja bisher selber nicht gewußt, daß er von dem Theaterwesen soviel verstehe. Sich ganz dem Eindruck überlassend, den die Vorstellung ans Eliie hervorries, war es ihr nicht eingefallen, auf das übrige Publikum zn achten oder einen Blick in das Parterre und andere Logen zn werfen. Sie hätte sonst bemerken müssen, wie in einer ihr schräg gegenüberliegenden Loge mehrere Herren saßen, welche unausgesetzt ihre Operngucker nach ihr richteten. Da nicht anznnehmen war, daß die Mitinsassen dieser Loge, die alternde Tante oder die beiden Herren, diese Aufmerksamkeit erregten, so mußte die Aufmerksamkeit dieser Herren, allem Anscheine nach Studenten, ihr selber gellen. Sie aber sah gar nichts von alledem, und erst als sie von Poldi daraus aufmerksam gemacht wurde, schenkte sie den Vorgängen in der gegenüberliegenden Loge, welche von den schmucken Studenten besetzt war, unter tiefem Erröten einige Beachtung. * (Fortsetzung folgt.)

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