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Die Wahrheit · 1909-04-30 · Heft 17 (30.4.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 17 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Mai findet in Wien der zweite Bundestag der österreichischen Knltnsgemeinden statt, aus welchem der von dem vorbereitenden Komitee ausgearbeitete Entwurf eines Gesetzes zur Schaffung einer autoritativen Gesamtorganisation der österreichischen Jndenschaft zur Beratung und Annahme ge-! langen soll. Mag der Entwurf auch in manchen Bezielmngen! nicht allgemein befriedigen und verschiedenartige Widersprüche j Hervorrufen, so wird hoffentlich dennoch der Gedanke des notj wendigen Zusammenschlusses auch bei den Unzusriedenen und j bisher Fernstehenden zum Durchbruche gelangen und endj lich der Grundstein gelegt werden für jene Institution, die die j österreichische Judenschast nach außen und innen einheitlich rej präsentieren soll. ' i * * *! Trotz der Kriegsgefahr, die unser Vaterland vor wenigen! Wochen ernstlich bedrohte und in einer Zeit, wo man fast j tagtäglich einen Appell des obersten Kriegsherrn an alle! seine Untertanen, ohne Unterschied des Glaubens und der! Nationalität, erwarten zu müssen glaubte, konnten die antisemitischen Blätter in Oesterreich und Ungarn es doch nicht unterlassen, ihre niedrige Gesinnung von neuem zu dokumentieren und Haß und Zwietracht in die Bevölkerung zu tragen. Mit lügenhaften Ausstreuungen hetzten sie gegen die jüdischen Soldaten und suchten durch falsche Meldungen das Publikum irrezuleiten, daß die Juden eine feige Rasse feien und alles aufwendeten, um dem drohenden Kriege zu entkommen und daß besonders jüdische Reserveoffiziere massenhaft um ihre Entlassung angesncht hätten. Solche Nachrichten tragen wohl zu sehr den Stempel der Lüge an der Stirne, um bei vernünftigen Lesern Glauben zu finden, aber trotzdem soll ein ungarisches Blatt, „Magyar Hirlap", beim Kriegsministerium in Wien angefragt haben, wieviel solcher „niedriger, feiger jüdischer Hund e" es eigentlich gegeben habe. Der Wahrheit entsprechend kam natürlich vom Ministerium die Antwort: „Uns ist kein solcher Fall bekannt", aber die eine Ergänzung wäre wohl nötig gewesen, daß die Feigheit und Niedrigkeit sich, wie gewöhnlich, nicht ans Seite der Inden sondern bei den Judenhetzern gezeigt habe. * -i- * Die Juden haben überall und zu allen Zeiten Gut und Blut freudig auf den Altar des Vaterlandes gelegt und für diese geschichtlich vielfach erhärtete Tatsache liefert die Chronik der letzten Tage einen neuerlichen Beleg, indem sie rühmlich verzeichnet, daß in dem Parlamenrsheere, das zur Wiederherstellung der türkischen Verfassung von Saloniki nach Konstantinopel rückte, nicht weniger als 6000 jüdische Freiwillige standen. Der Patriotismus nnd der Opfernuu der türkischen Inden fand aber auch seitens der nationalen Regierung vollste Anerkennung und dies dokumentierte sich am besten dadurch, daß in die Abordnung, die namens des Parlaments vor dem Sultan erschien, um ihm seine Entthronung bekannt zu geben, auch ein jüdischer Deputierter entsendet wurde. Wohl eine seltene geschichtliche Erscheinung, daß ein Jude einem für fein Leben zitternden Despoten den Schutz der Nation zusicherte. * __ Gegenüber dem jüngst von den Berliner Sozialdemokraten gestellten Anträge, das jüdisch-rituelle Schlachten im städtischen Schlachthofe zu verbieten, erscheinen die Ausführungen des Nürnberger Tierschutzvereines über diese Frage in dem soeben zur Ausgabe gelaugten Jahresberichte besonders aktuell. Es heißt daselbst: „Auf dem letzten Verbandstage der Tierschutzvereine des Deutschen Reiches in Düsseldorf lvar wiederum der Antrag gestellt worden, bei allen Schlachttieren den Betäubungszwang einznführeu und eine Kommission einzusetzen, welche ständig für den Vollzug dieser Neuerung tätig fein soll. Das bedeutet einfach ein Schächtverbot. Einen Erfolg toinue dieser Antrag diesmal ebenso wenig erzielen, wie seinerzeit bei der Nürnberger Tagung. Wir haben Anlaß, dies mit Genugtuung zu konstatieren. Denn, wie man die Sache auch ansehen und wenden oder deuten mag, es liegt da im Hintergründe immer die Absicht der Vergewaltigung einer Religionsgemeinschaft — des Judentums — verborgen, gegen welche Vergewaltigung der Gerechtigkeitssinn auch aller Nichtjuden sich sträubt. Es ist nicht nachgewiesen, daß das Schächten der Schlachtnere — zumal unter den in neuerer Zeit so ernst vorgeschriebenen und peinlich überwachten schonenden Vorbereitungsmaßnahmen — eine grausamere Tötungsart fei als andere; und mithin besteht weder Grund noch Recht, durch Aufzwingen einer die religiösen Empfindungen der Juden verletzenden Schlachtart gegen diese ganze Religionsgemeinschaft die Macht des Stärkeren zur Geltung zu bringen. Es ist auch nicht anzunehmen, daß ein so ungerechtes und widersinniges Stück Kulturkampf jemals seitens der Regierung begonnen oder mit ihrer Autorität gedeckt werden wird. Die übertreibende Forderung privater Kreise in dieser Hinsicht abzuwehren, bleibt Aufgabe und Pflicht der unbefangen denkenden, nicht über's Ziel hinaus eifernden Tierfreunde. Unser Tierschutzverein hat diesen Standpunkt feit seinem Bestehen ein-

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