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Die Wahrheit · 1909-04-23 · Heft 16 (23.4.1909) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 16 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16. Oesterr.-ungar. Kantoreu-Zeitung Seite 11. Der traditionelle Gesang. Ueber die hohe Bedeutung des liturgischen Gesanges, sowie des erhabenen alten, traditionellen Chasonus als erziehliches Mittel für das Gemüt und die religiöse Erhebung herrscht wohl kein Zweifel und wurde dieser Gegenstand von berufener Seite des öfteren schon zum Gegenstand einer Besprechung in diesem Blatte unterzogen. Es erscheint daher die Ansicht vollkommen gerechtsertigt, wenn allgemein die Behauptung aufgestellt wird, daß die Gebete, vorgetragen nach den methodischen Grundsätzen und in Verbindung mit der traditionellen Gesangsweise, das Interesse der Gemeinde für den Gottesdienst erhöhen und überdies einen bedeutenden, nicht zu unterschätzenden Faktor in der religiösen Erziehung bilden. Wenn wir jedoch diese durch langjährige Erfahrung und Beobachtung gewonnene Erkenntnis ohne weiters als Ballast über Bord werfen, wenn wir wie bisher fortschreiten ans dem Wege, den 'Tempel zum Opernhaus umznwandeln, dann werden unsere Gotteshäuser immer mehr vernachlässigt werden und das Interesse an unserem Gottesdienste wird trotz Orgel- und Harfenklang nach und nach gänzlich schwinden. Denn: „Dsüllo b’lo k’wono, k’guf b’lo n’scbomo“. Und ein Körper ohne Seele wird der .moderne Gottesdienst insolange bleiben, als wir nicht zurückgreifen zu den Tagen unserer Altvordern, wo beispielsweise an den heiligen Festtagen Israels die erhabenen, vom Berge Sinai überlieferten Klänge des 13N1N2 nr>n-Gebetes ertönten, welche mächtig auf unser Gemüt einwirkten, wo der Priestersegen „Birkas Kohanim“ eine heilige Schauer in uns erweckte und wo überhaupt die ganze Art und Weise des vom Kantor rezitierten Gebetes eine suggestive Wirkung und Begeisterung ans sämtliche Teilnehmer des Gottesdienstes ausübte. Wo sind diese herrlichen Zeiten der rein idealen Begeisterung sür die traditionelle Tefilla hingeschwunden!" Mit dem Prophetenworte könnte ich fast ausrufen : 2'v -!wn irr -o ni?£"! mp» '3jn, „Tränen benetzen mein Ange, Wehmut erfasset meine Seele, wenn ich dieser hehren Zeiten gedenke." Diese Gebete mit dem alten Chasonus waren die Symbole, das g a n z e G e p r ä g e, ja die I n k a r n a t i 0 n der heiligen Feste Israels. Utld wie sieht es in unseren modernen Gotteshäusern heute aus? Nicht mehr als ein ganz kleiner, einziger Rest von all' dem ist uns erhalten geblieben, indem noch das Stückchen „L’dor wodor“ pietäthalber in der althergebrachten Gesangsweise zum Vortrage gebracht wird. Diese dargelegte ideale Bedeutung der traditionellen Gesänge rechtfertigt meine Forderung, welche dahingeht: „Unendlich wichtiger, als das Hauptaugenmerk auf das Gelingen der ,-iEvnp, welche jetzt in den Synagogen die Quintessenz des Gottesdienstes darstellt, muß uns im Tempel die Pflege der wahren, echten und gottgefälligen Andacht sein. Es ergeht daher mein Ruf an alle interessierten jüdischen Kreise: „Zurück zur alten traditionellen Gesangsweise, zurück zu den Rischonim, zurück zur konfessionellen Volksschule, aus welcher wackere, gottesfürchtige Männer bervorgegangen sind, dann erst werden wir die Jugend dem Glauben ihrer Väter zurückführen, dann erst wird uns Heil widerfahren, -inirs rps" tk .nasn mnö “ircisi -piK A. Stößler. Sekretär und Kantor der isr. Kultusgemeinde Olmütz. ßine gebildete Iran. Bon Ballette Fried. (Fortsetzung.) Mit teilnehmender Freude hatte Rösl den Plan vernommen, daß ihre beiden Freundinnen nach Wien zum Besuche der Weltausstellung reisen wollten. Auch in ihr war hie und da der Wunsch ansgestiegen, dieses Vergnügens teilhaftig zu werden. Jedoch der Ausführung dieses Wunsches stellten sich mancherlei Hindernisse entgegen. Es waren jetzt nicht ihre materiellen Umstände, die eine Reise verhinderten, sondern hauptsächlich der Umstand, daß sie bei ihrer streng religiösen Lebensweise auf jeden längeren Aufenthalt in der Fremde verzichtenmnßte. Doch hoffte sie, Gundel und noch mehr das Plauderliesel, würden ihr alles zu erzählen wissen, gleich so, als hätte sie die Wunder, von denen die Zeitungen so Erstaunliches zu rühmen wissen, alle selber mit eigenen Augen gesehen, oder vielmehr besser noch; denn ihre eigenen Äugen wollten immer weniger dienen. Von Jahr zu Jahr mußte die Nummer ihrer Brille verschärft werden, alles Putzen uitb Wischen wollte nichts nützen, immer trüber und trüber zeigten die Gläser. Und immer dichter flogen die schwarzen Punkte gleich Rnßflocken um ihre Augen; — immer näher — immer dichter. Das viele Lesen und die feinen Handarbeiten, womit sie während ihrer Jugeudjahre ihre Sehkraft angestrengt hatte, die vielen schlaflosen Nächte und heimlich vergossenen Tränen während der ersten Jahre ihrer Ehe hatten verderblich ans ihr Augenlicht gewirkt und immer nähere Kreise zog das Gespenst der Erblindung um sie herum. Jetzt freilich lebte sie noch immer in der Hoffnung, daß es niemals so weit mit ihr kommen werde, daß dieses Augenleiden nicht wieder behoben werden könne. Neuntes Kapitel. Die von allen Lehrenden und Lernenden gleich ersehnten Ferien waren gekommen. Diejenigen Lehrer und Schüler, welche in der Großstadt wohnen, haben es eilig, hinaus zu kommen in die freie Gottesnatur, um den von Ranch und Staub abgequälten Lungen wieder den zum körperlichen Behagen so notwendigen Sauerstoff zuzuführen. Diejenigen aber, die das ganze Jahr hindurch auf dem Lande leben, fühlen das sehnsüchtige Verlangen, wieder einmal mit vollen Zügen „Großstadtluft" zu atmen, und der in der Stadt verfeinerten Segnung der Kultur teilhaftig zu werden. In den Ferien des Jahres 1873 lenkte der Schwarm der vergnügungssüchtigen Ausflügler fast ausschließlich einem Ziele zu: Der Wiener Weltausstellung. Auch Fräulein Barta und Elise schlossen sich diesem Strome an und traten die Reise nach Wien an. Es war eilt gewitterschwüler Nachmittag, an dem sie in ein Knpee zweiter Klasse des Schnellzuges der Franz-Josefs-Bahn entstiegen. Elise, deren erste größere Reise dies war, malte sich all die Herrlichkeiten, die ihrer in der herrlichen Kaiserstadt warteten, mit den glühendstett Farben ans. Schon der Anblick der schönen blauen Donau, die aber infolge der letzten häusigen Regengüsse eine tiesgelbe Färbung angenommen, machte ihr Herz vor Freude beben. Noch vor Eintritt der Dunkelheit fuhren sie in den prachtvollen Bahnhof ein. An der Ankunftshalle stand schon, sie erwartend, Vetter Anton, ihm zur Seite ein geckeithaft anfgepntzter. blasiert dreinschauender junger Mann — Bartas Stiefsohn Poldi. Barta hatte sofort seine Base erkannt und ging ihr mit ausgesuchter Zuvorkommenheit entgegen, ihr gleich seinen Sohn Pvldi vorstellend. Gundel reichte beiden freundlich die Hand und fagre, auf die verlegen dastehende Elise zeigend: „Dies ist mein Töchterchen. das mit mir Deine Gastfreundschaft teilen wird, wenn Du es gestattest." „Freili, freili, gern, wir haben ja Platz genug!" Es bedurfte jedoch nicht erst des erfahrenen Scharfblickes der Lehrerin, um zu erkennen, daß ihm diese Worte nicht von Herzen gekommen, und daß er Mühe halte, seine Enttäuschung hinter einem verbindlichen Lächeln zu verbergen. Poldi versuchte es. bei Elise den Liebenswürdigen zu spielen, wurde aber ziemlich kühl abgefertigt. So sehr sich auch Vater und Sohn bemühten, den Gästen vom Lande zuvorkommend zu begegnen, so kalt und unnahbar blieb Frau Margreth gleich am ersten Abende ihnen gegenüber. Sie konnte es ihrem Manne nicht verzeihen, daß er diese Gäste in's Haus geladen, ohne vorher mit ihr, der Hausfrau, Rück- . spräche genommen zu haben, was sie zum mindesten recht rücksichtslos von ihm fand, und es dann fast unwillkürlich die ahnungslosen Gäste selbst entgelten ließ. (Fortsetzung folgt.)

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