Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063481--05982-3072947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Polnisch-Singen in der moderne» Synagoge. Von kaiserl. 3tat Josef Singer, Wien. Wie eine Windsbraut vor dem herannahenden Gewitter durchtobte es die jüdischen Gotteshäuser, als vor nun mehr als :80 Jahren Meister Salomon S u l z e r mir seinen umgestaltenden Prinzipien des alten Synagogengesanges auftrat und krast seiner Machtvollkommenheit dem Gesamijndentnme eine neue Gesangsform für die alte Wesenheit vorzulegen versuchte. Als Gesetzbuch für die Neugestaltung des Syuagogengesanges galt der uns allen genügend bekannte Schir Zion I und derselbe wurde zumeist als Sakrilegium erachtet. Als Sakrilegium wohl hauptsächlich wegen der im Werke obwaltenden zurückdrängenden Tendenz des etwas ins Ansarten gelaugten sogenannten alten (polnischen) Gesanges mit seinen Koloraturen, Fiorituren. Doppelschlägen, Trillern rc. Hiebei können wir uns des Gedankens nicht entschlagen, daß die großen itnb redlich strebenden Menschen ja stets mißverstanden und gleichsam auserkoren sind, vom Schicksale mißhandelt zu werden, während alltäglich denkende, nichts vermögende und nur selbstsüchtig handelnde Erdensöhne ruhig und unangesochlen ihre Bahnen wandeln. Was wollte denn der geniale und weitblickende Organisator S u l z e r anderes, als die neuen Gotteshäuser ihres alten, abgebrauchten Hausrates zu entkleiden und für dieselben passendere Einrichtungsgegenstände beizustellen. Bei der umgestalteten' Gebetsordnuug, dem neuen Amtskleide und den manigfachen Nenanordnnngen (deutsche Predigt, deutsche Gebete rc.) lag doch der drängende Gedanke an eine Neugestaltung des Syuagogengesanges so nahe. Wir erinnern uns hiebei einzelner diesbezüglicher Aenßernngen bereits Heimgegangener' Kantorats-Kapazilüten, wie des verewigten W e i n t r a u b (Beuchen), F r i e d m a n n (Budapest), Deutsch (Breslau) u. a. — allesamt nicht allein Verehrer, sondern selbst Meister des Traditionsgesauges — die da rückhaltslos behaupteten, daß es geradezit geschmacklos klänge,' im Talar und znsammengelegten Tallis polnisch zu singen. Das Bestreben Salomon S n l z e r s war, Blick und Krast durch einen erweiterten Horizont zu beleben und zu vergrößern. Um nun mit seiner Hauptbestrebung, der Schöpfung des modernen (deutschen) Rezitativs leichter dnrchzndringen, hielt er es für zweckdienlich, das sogenannte polnische Gesangselement etwas stiefmütterlich zu behandeln. Wir Kinder der Gegenwart erachten diese seinerzeitige Zwangsmaßregel keineswegs als notwendig und die spätere Entwicklung der Angelegenheit bekundete es sattsam, daß diese vollständige Zertrümmerung einer historischen Form unnötig war; allein unter dem Gradmesser der damaligen, geradezu korrumpierten Synagogengesangsverhältnisse betrachtet, kann und darf dieses etwas stürmische Vorgehen S u l z e r s nicht gar so übel gedeutet werden.*) Wer Neues in die Welt setzen will, muß Herz und Sinn vor Sentimentalitäten bewahren und S u l z e r s Herz und Sinn war ausschließlich ans die Gestaltung des sogenannten modernen (deutschen) Rezitativs (Mah god’lu etc.) gerichtet. Wie ihm dies gelungen, darüber hat ja die ganze synagvgale Welt entschieden; auch polnische o-stn von Bedeutung, wie Baruch Scho r r rc., konnten und wollten sich diesem Bannkreise nicht entziehen und psiegten biefen neuen Stil mit Vorliebe und mnsikalischem Zielbewußtsein in einer solch auerkeitnenswerten Weise, von welcher nur wünschten, daß dieselbe auch bei manchen jungen Kantoren der Gegenwart, die sich des künstlerischen Unterschiedes zwischen „Singen" und „Rezitieren" gar nicht bewußt sind, in gleichem Grade der Fall wäre. Und dieses moderne (deutsche) Rezitativ eroberte die Herzen im Sturme. Ob man es mehr oder minder künstlerisch zu gestalten verstand, *) Uebrigeus bekundete Sulzer durch die von ihm veranlaßte vierstimmige Bearbeitung alter Synagogenklänge (wie 76a rc.) seine Feinfühligkeit für derlei Tonverbindnngen und zeigte uns. daß er gar nicht beabsichtige, das Meschorertum der alten Synagoge znrückzudrängen, vielmehr dasselbe in neue Bahnen zu lenken; daß es ihm gar nicht darum zu tun sei, den Traditionsgesang zu vernichten, sondern lediglich darum, wie bereits oben erwähnt, der neuen Wesenheit auch eine neue fynagogal-gesangliche Form zu verleihen. wurde gar nicht erwogen; jeder Kantor, der einen Talar und Chormütze anlegte, glaubte sich ex officio verpflichtet, den ihm von Kindesbeinen an geläufigen und mit dem Hauche frommer Gottesfurcht umwehenden, lieben, polnischen Gesang znrückdrängen zu müssen, um nur als' rassenreiner Chorkantor zu gellen und anerkannt zu werden. Zit dieser — gestehen wir es nur ganz unumwunden ein — etwas zu konvulsivisch fremdartigen Gesangsbetütigung gesellte sich im Laufe der Jahre die aus der Kirche herbeigeholte, gleichfalls fremdartige Orgelbegleitung des Synagogengesanges und noch manch andere sragwürdige Vorkommnisse, durch welche gewisse Kantoren, zur Befriedigung ihrer persönlichen Gesangseitelkeit, dem heiligen Akte der Gottesanbemng leider eine profane Signatur verliehen. Dieses gewaltsame Znrückdrängen des synagogal-traditionellen Musikgedankens mußte sich allmählich zum Jrrtnme gestalten und jeder Irrtum birgt ja einen der Wahrheit geleisteten Dienst in sich. Man gelangte nämlich alsbald zur Ueberzengnug. daß dieses gewaltsame Hinüberlenken des Syuagogengesanges aus nichljüdische Bahnen auch einen bequemen Ueberbrücknngssteg für andere ethischmoralische Anschauungen bilden dürste. Hiebei erinnerte man sich — zwar etwas zaghaft — doch daran, daß die alte Synagoge eigentlich herrliche Gesangsklünge besaß, die das betende Publikum durch Jahrhunderte und Jahrtausende begeisterten und in Stunden des Leidens und der Trauer trösteten und erhoben. Man kehrte zu Jugenderinnerungen zurück, man versuchte, die ergreifenden Melodien, die man einstens in der kleinen Heimatssynagoge vernommen, in sich wachzurnsen, nub man gelangte zur Ueberzengnug, daß diese veraltet dünkenden Klänge auch den sogeitanltten modernen Glaubensgenossen mit Inbrunst erfüllten. Auch die jüdischen Kantoren kehrten liebevoll zum rran zurück und wurden gewahr, daß ja diese altehrwürdigen Klänge dem jeweiligen Feste auch bei gleichartigem Texte ein mannigfaltiges und charakteristisches Relief verleihen, und als Meister W e i n t r a u b in Königsberg in seinem 'r? rra ’r» — wenn anch nur zaghaft und schüchtern — das Jntervallenverhältnis des altsynagogalen Gesanges in die Rangordnung der Kirchentonarteu versetzte nub demselben, mit Unrecht, die Bezeichnung ..phrygisch" beilegte, war auch schon der Geleitsbries für die Berechtigung der Wiederaufnahme des alten Sanges ansgestellt! Man sang allenthalben unter dem Deckmantel „phrygesch" jüdisch und als daun in einer späteren Periode der musikalische Nachweis einer spezifisch-jüdischen Skala versucht wurde, schien die Eisdecke vollends gebrochen — und gleichsam die wissenschaftliche Znerkenntnis für das Freibentertum auf synagogal-gesanglichem Gebiete erbracht zu sein. Man begann in leichtfertig-machlvollkommeuer Weise „phrygesch" zu komponieren. ..phrygesch" zu singen und „phrygesch" zit rezitieren, ohne diesen Vorführungen, oder dem oben erwähnten musikalischen Nachweis irgend ein musikwissenschaftliches Verständnis entgegenzubringen. Diesen, gewissermaßen als national-innere Nötigung zu entschuldigenden Ausschreitungen gesellen sich jedoch andere, die geradezil als possierlich bezeichnet werden müssen, hinzu. Das litwakische Erna ri-a-Morendo begegnet sich in (1111) heiliger Umarmung mit dem verfälschten Sehnsuchtsruse nach den leider verlorenen Gestaden von Wotans Heimat und die ungarische n2'V'-Singweise kokettiert mit dem Schmachtruse an den „lieben Schwan". Das ist das Konglomerat von Gesangsstil, den wir der modernen Synagoge gewaltsam ansdrängen und welcher den Synagogenbesucher anstatt wohltuend-inbrünstig anznregen, in einen Zustand unerklärlicher Befangenheit nötigt. Kann eine solche Art Andacht erwecken? Wohin soll das führen? H'P.. des ö^-ung. Juiutorm-Decemes- 2Hit Rücksicht auf die für die Vereinsgebahrung bedrohliche Häufung von Rückständen werden die p. T. Vereinsmitglieder hiermit ersucht, die rückständigen und laufenden Mitgliederbeiträge (2 Kronen pro Quartal) an den Vereinskassier, Herrn I. Kantor S. )urberger, II. Tempelgasse 3, oder mittelst Erlagschein der Postsparkassa, die den Mitgliedern zur Verfügung stehen, einzusenden. Der Vorstand.