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Die Wahrheit · 1909-03-12 · Heft 11 (12.3.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 11. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 9. Gin dringlicher Appell an die Kantoren Oesterreichs. In den letzten Tagen des Monates Februar d. I. hat in Wien die Tagung des vom österr. israel. Bundestage am 37. und 28. April 1908 eingesetzten Organisations-Komitees stattgesunden, dem die Ausgabe oblag, den Organisationsentwnrf für die zu schaffende Repräsentanz der österreichischen Judenschaft. behufs Vorlage an den für den 27. April d. I. geplanten Bundestag der österr. Kultusgemeinden, fertigznstellen. Diesem Komitee hat nun der Vorstand des österr.-ungar. .Kantoren-Vereines ein Memorandum unterbreitet, in welchem die berechtigten Wünsche und Forderungen, deren Erfüllung der Kantorenstand zur Sicherung seiner Zukunft, im eigenen Interesse wie auch im Interesse der jüdischen Gemeinden, von der zu gründenden Repräsentanz erwarten zu müssen glaubt, zum Ausdruck gebracht wurden. In einigen Punkten hat das Komitee ans das Memorandum Rücksicht genommen und es wird ein diesbezüglicher Vorschlag dem Bundestag am 27. April d. I. vorgelegt werden, aber die eine Forderung, daß dem Kantorenstande, .dem nicht nnr die Fürsorge für den Gottesdienst, sondern in den meisten Gemeinden auch der Religionsunterricht anvertrant j ist, gleichwie den Rabbinern eine entsprechende Vertretung in der Repräsentanz der österreichischen Jndenschaft eingeräumt J werde, wurde direkt abgelehnt.! Wenn wir uns somit auch keiner Täuschung hingeben,; daß eine Vertretung des Kantorenstandes in dem Ausmaße, wie sie den Rabbinern zngedacht ist, dermalen nicht zu erlangen ist, so dürfen wir dennoch den Kampf um unsere Rechte nicht anfgeben und müssen mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln darnach streben, daß wenigstens der Gesamtheit unseres Standes als Organisation eine Vertretmig in der Repräsentanz eingeräumt werde, und wir geben uns der Hoffnung hin, daß der Bundestag die Billigkeit und Gerechtigkeit dieser Forderung anerkennen wird. Damit jedoch der österr.-ungar. Kantoren-Berein als Mandatar des gesamten Kantorenstandes anstreten kann, ist es absolut notwendig, daß alle Kantoren wie ein Mann bei dieser Aktion hinter dem Vereine stehen, und dann kann an den Erfolg desselben auch nicht gezweifelt werden. Der Anschluß an den Verein und die Unterstützung seiner im Interesse des ganzen Standes gelegenen Aktion ist daher die bringendste Pflicht, die jeder Kantor sich selbst gegenüber und gegenüber der Gesamtheit zu erfüllen hat. lieber die Details der einzuleitenden Aktion wird der gesamten Kollegeuschaft demnächst Mitteilung gemacht werden. Kirre gebildete Krau. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Was Ihr davon wisset, das habt Ihr ans einer unlauteren Quelle geschöpft, das verdankt Ihr dem böswilligen Verrate irgend eines gelehrten oder halbgelehrten Renegaten. Ist der Uebertritt von einer Glanbensgenossenschaft zu einer anderen schon an und für sich ein schimpflicher, weil er nnr in den seltensten Fällen aus reiner Ueberzeugnng erfolgt, sondern meistens von äußeren Vorteilen bedingt ist, so handelt derjenige ganz besonders ehrlos, wenn er die Kenntnisse, die.er sich im Schoße des Judentums erlvorben, dazu mißbraucht, durch falsche Auslegung, ja sinnstörende Verdrehung der Tatsachen, den ohnehin bestehenden Haß gegen das Judentum itnd seine Bekenner anzufachen nnd zu nähren. Wenn auch manche Stellen dieses großen Werkes dunkel sind, so sind sie es im Laufe der Jahrhunderte dadurch geworden, daß indessen eine andere Weltanschauung, andere Sitten, andere Verhältnisse um sich gegriffen haben. Unmoralisches enthält es nicht, nnd wer es darin sucht, der hat nur seine eigenen Gedanken und Gefühle hineingetragen, sei es ein ehrvergessener Jude oder ein nichtjüdischer Forscher." „Sie sollen darin Recht haben, daß christliche Gelehrte es selten dazu, bringen, den Talmud ganz durchzustndieren. aber die Bibel, das alte Testament nämlich, dnrchzulesen, ist ja jedem Laien möglich, nachdem sie in alle Sprachen übersetzt ist; da findet selbst der Unbefangenste gar manches darin, woran er Anstand nehmen kann. Ich als Geistlicher darf die Heiligkeit des Pentateuch nicht antasten, aber wem vom Volke werden Sie es verdenken, wenn er einzelnes davon als inhuman bezeichnet. So z. B. das berüchtigte, sprichwörtlich gewordene: „Aug" um Ang', Zahn um Zahn!" Muß man nicht den Bekennern dieser Lehre, schon um dieses einen Gesetzes willen, mit Vorsicht entgegeutreten?" „O." lachte Rösl schrill ans, „daß doch der Mensch den Splitter im Auge seines Nächsten früher bemerkt, als den Balken im eigenen! Wenn ein Gesetz verbietet, dem Täter eine größere Strafe aufzulegen, als seine Verschuldung beträgt, daß derjenige, der jemanden ein Auge, einen Zahn verletzt, nnr bestraft werden darf in dem Maße seines Vergehens, das nennt Ihr inhuman?! Was sagt Ihr dazu, wenn die Bekenner Eures von Liebe und Dttldnng diktierten Glaubens mit glühenden Zangen demjenigen die Zunge herausrissen, welcher sich der Beleidigung eines Vorgesetzten vermaß? Wenn die Hand, die einem Höhergestelllen nur gedroht hatte, erbarmungslos abgehauen wurde? Wie nennt Ihr ein Verfahren, wie es im Mittelalter geübt wurde, das heißt, nicht so viele Jahrhunderte her, als es Jahrtausende sind, seit diese Warnung, denn als solche wurde dieser Ausspruch betrachtet, in unserer heiligen Thora niedergeschriebeu, von der Inquisition und den Hexenprozesseit nicht zlt sprechen? Und erst die Folter? Wo blieb da die vielgerühmte christliche Liebe? Kam io was je im Judentume vor. auch nicht im grauen Altertum." „Ei," meinte lächelnd der Pfarrer, „wir führen da ein Tlirnier auf a la Heine." „Die Bedingungen zu einem solchen Turniere sind nicht vorhanden," antwortete noch immer erregt Rösl, „weder der Boden von Saragossa, noch die günstige Zeit oder die illnstre Zuhörerschaft. Auch wären es ungleiche Waffen, mit denen wir kämpfen würden, Sie, der studierte Gelehrte, ich, das einfache Jndenweib." ..Wenn ich Ihnen and) prinzipiell in nichts widersprochen und Sie babe ausreden lassen, so muß ich doch in Einem Einspruch erheben: Es sind keineswegs so ungleiche Waffen, mit denen wir kämpfen! Was Ihnen mir gegenüber an exaktem, positivem Wissen abgeht, das ersetzt Ihre weibliche Beredsamkeit, Ihre Begeisterung für die Sache und gerne räume ich ein, daß Sie mir bei einem Wettstreite über dieses Thema überlegen mären. Doch war Ihr Zweck bei Anregung dieses Gespräches nicht der, von mir Komplimente einznheimsen, sondern Sie wollten das gute Einvernehmen zwischen den Anhängern unserer Kirche und Ihres Glaubens fördern, wobei Sie mir die Ehre erwiesen, mich als Friedenswerkzeug ausznsnchen. Trotz Ihres hohen Geistes und Ihrer großen Bildung haben Sie sich aber dennoch getäuscht, wenn Sie der Geistlichkeit einen io großen Einfluß aus den Geist der Bevölkerung einräumen. Wir tun, wie ich schon einmal bemerkte, was wir können, um den Frieden zu erhalten aber nicht wie früher haben wir das Herz unserer Schüler uub Zuhörer in Händen. Verderbliche Einflüsse haben Platz gegriffen und Unglauben nnd religiöse Indifferenz hat in unserem Psarrsprengel Platz ergriffen. Es ist dieses eine Folge des unheilvollen Krieges, der fremde protestantische Scharen in engen Kontakt mit der hiesigen, bisher streng-karholi'chen Bevölkerung brachte. An Ihren Glaubensgenossen allein liegt es, sich das gute Einverilehmen mit den Andersgläubigen zu sichern. Eine Handlungsweise, wie die Ihre, kann nicht ohne Anerkennung bleiben. Wenn Alle sich guter Taren, edler Handlungen befleißigen, dann bürge ich selber für den Frieden, den nach meinen schwachen Kräften zu fördern, ich Ihnen heilig verspreche. Das Beispiel von Nächstenliebe, bas Sie gegeben, wird hoffentlich nicht vergeblich sein, Ihr Opfermut nicht unbelohnt bleiben." Nach diesen Worten empfahl sich der geistliche Herr mit dem Versprechen, sich so viel als möglich um das kleine Liefet zu kümmern, versprach auch ferner seinen ganzen Bedarf an Schreibmaterialien in ihrem Geschäfte kaufen zu wollen, um wieder Gelegenheit zu haben, mit der geistvollen Frau zu sprechen. „Aber nichts von gelehrten Dingen, liebe Frau Meisterin," schloß der freundliche Herr, schalkhaft mit dem Finger drohend. ..Dies ist kein Feld für Frauen, iveder für israelitische noch für andere." (Fortsetzung folgt.)

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