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Die Wahrheit · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Wabrbeu i>cr. 7 Der Vorsitzende, Herr Wolf Pappen heim, begrüßt die Versammlung namens des Komitees und erteilt dem Referenten, Herrn M. Schmidt, das Wort. Redner bespricht zunächst informativ die ernsten und gründlichen Arbeiten des Londoner Jto-Komitees, die darauf abzielen, den jüdischen Massen ein passendes Territorium zur Besiedelung nach den Prinzipien der „Jto" auf autonomer Basis zu verschaffen. Die vorliegenden Landprojekte verteilen sich auf alle Erdteile, ausgenommen Europa. Große Sensation verursachte die Mitteilung des Referenten, daß unter diesen, von der „Jto" in Erwägung gezogenen Gebieten sich auch ein im Orient gelegenes befindet, der Vorwurf also, daß die „Jto" aus dogmatischen Gründen den Orient von vornherein ausschaltete, ganz unstichhältig sei. Die Jtoisten, sagt Redner, wollen sich nur nicht in ein bestiumrtes Territorium verlieben, sondern fassen als Realpolitiker alle territorialen Möglichkeiten ins Auge. In der Tal hat während seines dreijährigen Bestandes das Londoner Jto-Komitee eine ganze Reihe von Gebieten, teils durch fachwisfenschaftliche Referenten und teils durch Expeditionen, an welchen allererste Anwritäten teilnahmen, gründlichst erforscht. Das gesammelte reiche Material wurde in einem Blaubuche der „Geographischerl Kommifsiorr der „Jto" bereits unterbreitet. Im weiteren berichtet Herr Schmidt, daß erst kürzlich eine Expedition ans Nord-Afrika zurückgekehrt ist. deren eben ausgearbeiletes Studienresultar gleichfalls der „Geographischen Kommission" vorgelegl werden wird. Ohne jedoch den Bericht der Nord-Asrika-Expedition erst abznwarten, ist man an das Studium eines weiteren Projektes geschritten, zu welchem Behufe Herr Z a n g w i l l auch diverse Reisen unternommen hat. Sobald alle Möglichkeiten geprüft und sämtliche Berichte fertiggestellt sein werden, wird die „Geographische Kommission" die endgiltige Wahl des geeignetsten Territoriums treffen. Sollte die „Jto" — was jedoch gar nicht zu erwarten steht — zur Ueberzeugung gelangen, daß auf der ganzen Erde kein Flecken mehr vorhanden ist, der sich für eine jüdisch-nationale Kolonisation nach den Prinzipien der „Jto" eignet, dann wird sie keinen Augenblick zögern, dies der jüdischen Welt offen und ehrlich zu gestehen. Dann freilich wird das jüdische Volk llin eine Jll'usiotl ärmer, dafür aber um Erfahrungen reicher sein. Vorläufig liegt aber kein Grund zum Zweifeln und Nörgeln vor; im Gegenteil, das Resultat der bisher gemachten Studien 1111b gepflogenen Verhandlungen berechtigt zu den besten Hoffnungen, daß es der „Jto" endlich gelingen wird, für das jüdische Volk ein paffendes Land zu finden, nur ist es freilich eine Aufgabe, die sehr viel Geduld und Ausdauer erfordert. Parallel mit der Arbeit für ein jüdisches Territorium, hat sich die „Jto" tit gleichem Maße mit der Regulierung der bisher wilden jüdischen Emigration beschäftigt und auch auf diesem Gebiete hat sie gute Erfolge auszuweisen. Die durch die amerikanische Krise bedingte Sistierung der Transporte nach dem Westen Amerikas via Galveston konnten dank der Besserung der Lage wieder ausgenommen werden. In Besprechung der Zwecke der hiesigen Organisation meint Redner, daß es Ausgabe des hiesigen Zentralvereines der „Iw" sei, die maßgebenden jüdischen Kreise innerhalb Oesterreichs für die Jto-Jdee zu interessiren und zu gewinnen, damit im gegebenen Moment das Jto-Werk tatkräftigste Unterstützung erfahre. Auch mit Rücksicht auf die starke Emigration aus Galizien und der Durchzugs-Emigration aus anderen Ländern sei es au der Zeit, eine energische Initiative un Sinne der „Jto" zu entwickeln. Diese Arbeit wird das eigens zu diesem Zwecke gegründete österreichische Jto-Komitee zur Regelung der jüdöchen Answanderung in allernächster Zeit in Angriff nehmen. Im Verlaufe feine» Vortrages konstatiert der Redner mit Bedauern die unter den jüdischen Parteien bestehenden Rivalitäten. Redner verweist als Beispiel auf die Gründung der Allgemeinen jüdischen Kolonisationsgesellschaft in Berlin, welcher er unter Hinweis ans die Tatsache, daß nationale Kolonisationen von der üomischen und von der zionistischen Partei angestrebt, während philanthropische Kolonisationen von der „Jka," welche auch über die nötigen Mittel verfügt, praktisch durchgeführt werden, jede Existenzberechtigung abspricht. Die maßgebenden Kreise und Korporationen haben auch diese neue Gründung als überflüssig sehr kühl aufgenommen und ihr jede Unterstützung versagt- Auch auf dem Emigrationsgebiet ist in der „Allgemeinen jüdischen Emigrationsgesellschaft" in Petersburg ein Konkurrenzunternehmen erstanden, welches mit Rücksicht auf den bereitsvon der „Jto" ausgebauten Emigrations-Regulierungsapparat ganz überflüssig M Nachdem die „Jto" auf dem Gebiete der Emigration bereits mit, Erfolg arbeitet und es ihr auch gelungen ist, die finanzielle Unterstützung der maßgebenden Kreise Amerikas, Englands und auch anderer Länder für dieses Werk zu gewinnen, so wäre es Pflicht der Herren, welche die neue Konkurrenzgesellschaft gegründet haben, sich diesem Werke anznschließeu und nicht eine neue Gründung zu machen, welche die Kräfte nur zersplittert und worunter nur die armen jüdischen Massen zu leiden haben. Hingegen verweist Redner mit Genugtuung ans die Tatsache, daß die „Jto" jeden Partei-Egoismus und Partei-Rivalität ausschallet und vielmehr bestrebt ist, alle Parteien und alle Kräfte des Judentums, für die durch die ..Jto" im Interesse der jüdischen Volksmassen geleitete Arbeit aus dem Gebiete der Kolonisation und Emigration um sich zil schaaren, was der „Jto" von Tag zu Tag immer mehr und mehr gelingt. Die „Jto" verfolgt auf der ganzen Linie die Taktik, die Gegner ihrer Ansichten nicht zu erstürmen, sondern dilrch ruhiges und ernstes Arbeiten, sowie durch ihr bescheidenes Auftreten zu überzeugen und zu gewinnen. Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, daß während des verhältnismäßig kitrzen Bestandes der „Jto" es ihr gelungen ist, sehr einflußreiche Kreise aus allen Partei-Schattierungen des Judentums auf ihrem Programm zu vereinigen. Redner schließt mit der Aufforderung an die Versammlung, auch in Oesterreich die Bestrebungen der „Jto" zu fördern und sich dem Wiener Zentralverein der Jüdisch-Territorialen Organisation anznschließeu. An den Vortrag des Herrn Schmidt, welcher von der Versammlung mit Beifall ausgenommen wurde, schloß sich' eine sehr angeregte Diskussion, welche das vollständige Einverständnis der Anwesenden mit dem Programm der „Jto", sowie das feste Vertrauen in die Führung Z a n g w i l l s zum Ausdruck brachte. An der Diskussion beteiligte sich u. A. Herr Redakteur- Jakob Kraus, der die wichtigste Arbeit der Wiener „Jto" in der Aufklärung über das alljudische Problem im allgemeinen unter gleichzeitiger Sammlung und Systematisierung des statistischen Materiales innerhalb unseres Reiches erblickt; weiters auf Gruird dieser ersten Arbeiten eine gründliche Vorbereitung auf eine Massenauswanderung, die sicher zu erwarten steht, sei es infolge einer Katastrophe oder aus ökonomischen Gründen. Da Redner der Ansicht ist, daß Oesterreich in Galizien sein eigentliches Emigrations-Material besitzt, fordert er auch ein eingehendes Studium der galizischeu Verhältnisse. Herr Dr. I. S a m u e l y konstatiert zunächst, daß er seit längerer Zeit mit den Bestrebungen der „Jto" sympatisiere und sich auch bemüht hat. die maßgebeuden Kreise Wiens für diese Bestrebungen zu gewinnen. Er reflektiert besonders auf die galizische Frage und drückt den Wunsch aus. daß das Wiener Komitee nebst der Aufgabe, in Wien und in Oesterreich die maßgebenden Faktoren für die „Jto" zn gewinnen, in erster Linie trachten soll, in Galizien die richtigen Personen zu finden, welche sich an die Spitze der Bewegung insbesondere mit Rücksicht auf die Emigrations-Frage stellen sollen. Herr Dr. S a m u e l y versichert die Versammlung, daß er nach wie vor, seine Bemühungen für die „Jto" fortsetzen wird. Herr Dr. S. R. Landau gibt seiner Freude darüber Ausdruck, daß die hiesigen Jtoisten die realen Verhältnisse in Galizien erfgßt haben und empfiehlt in erster Linie die wirtschaftlichen Momente in Berücksichtigung zu ziehen. Herr Dr. Krenber.ger ergänzt die Ausführungen des Referenten, Herrn Schmidt, dahin, indem er unter großem Beifall auf die unermüdliche Tätigkeit Z a n g w i l l s und auf seinen großen Einfluß in allen jüdischen Kreisen hinweift. Nachdem noch die Herren Ing. Lo ew en dein und Dr. Rybaczewsky einige Anfragen gestellt haben, die von

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