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Die Wahrheit · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Jüdische Uationaimelodien, traditionelle Gesänge, hebräische Melodien, Tempelgesange etc. Bon kais. Rat Oberkantor Singer in Wien. Gestehen wir es nur von vorneherein, daß der gewissenhafte Historiker bei Behandlung des oben mit io mannigfachen, interessanten Benennungen ansgestatteten Stoffes allenthalben auf verschobenen Unterlagen umhertappt und im besten Falle die feststehenden Einzelheiten nur durch seine eigene Zeitbrille beurteilen und charakterisieren kann. Wenngleich es auch von uichljüdischer Seite zugestaudeu werden muß, daß die Wurzel unserer abendländischen Musik hauptsächlich ans altjüdischem Boden zu suchen sei, da doch die Bibel schon den Tubalkain als den Ersinder erzerner Schlaginstrumente, Jnbal als Schöpfer der Saiten- und Blasinstrumente bezeichnet (vor der Sündflut, 2987 v. Ehr.) und gleichfalls, wie es I. Buch Moses 31, 26—27 zu lesen, Laban zu seinem aus der Flucht eingeholten Schwager Jakob sagte: „Warum bist Du heimlich entflohen, ich hätte Dich begleitet mit Singen, Pauken und Harfen" (1739 v. Chr.t, mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die Inden des grauesten Altertums Musik und Gesang pflegten und die Betätigung der Künste, Gesang. Spiel und Reigen wie ein roter Faden auch die spätere Geschichte des Judentums bis aus die Richter- und Priesterperiode durchzieht, ja zur Zeit des Tempeldienstes in Jerusalem eine derartige Pflege ersuhr, daß von zwölf Stämmen ein Stamm ausschließlich sür die Betätigung in Musik und Gesang bestimmt war. so ist trotzdem nicht eine einzige Stelle auffindbar, welche auch nur in andeuleuder Weise den Nachweis bezüglich der Qualität, um nicht zu sagen, bezüglich der charakteristisch-mnsikalischeu Eigentümlichkeiten jener von unseren Altvordereu gepflegten Musik erbrächte. Zudem gesellt sich noch die Tatsache, daß die Synagoge nicht eine einzige Melodie besitzt, die Gemeingut aller Juden wäre. Und dennoch begegnet man allenthalben dem leichtfertigen Bestreben, u n s e r e jeweilig landesüblichen Synagogen- oder Hausgesäuge (Seder, Semiroth rc.) als Zeitgeu klassischer Altertümer hiustellen zu wollen. Wir gestehen es ja zu, daß jeue lieblichen Klänge, die uns in früheren Jngeudtagen ans unserer Heimatssyuagoge odergelegentlich der Familienandachlen (Seder, Semiroth rc.) entgegenrauschten, noch heute die Herzen der gereisten Männer ebenso ties ergreifen, wie der nach Jahrzehnten uns gebotene Anblick des kleinen Häuschens, wo einstens unsere Wiege stand, uns mit pietätvoller Liebe erfüllt' allein wer von uns wollte sich erdreisteu, diesen von uns geliebten, heimatlichen Jugendstätteu die Signatur klassischer Altertümer verleihen zu wollen? Zudem wären es strittige Objekte, welchem von uns verehrten Ideale, der Preis höherer Bedeutung zuerkannt werden müßte; der von Dowidel Brod gesungene ^ssoliovasru. erfüllte die Zuhörer ebenso mit andächtiger Glut, wie der von Kaschtau gesungene Mechalkel chajim etc. So klar und deutlich diese angeführten Tatsachen zu uns sprechen, ebenso kühn und mutig treten Einzelne sür die Unantastbarkeit der von ihre n Ahnen gehörten und ererbten sogenannten alten (?) Synagogenmelodien ein; und obgleich alle Andern, die nicht das Glück haben, der direkten Linie dieses Ahnenstammbaumes anzugehöreu, demnach auch in ihrer Jugend jene Gesänge nicht hören konnten — beim Vortrage derselben auch ziemlich kalt bleiben, sind die Enteren dennoch unablässig bemüht, ihre in ihrer Jugend gehörten Melodien geradezu als Schlimannsche Ausgrabungen altsynagogaler Musik hinzustellen. Den erschöpfendsten Beweis sür die Nichtigkeit der Heiligsprechung sogenannter vererbter Synagogenmelodien bietet uns auch folgendes Faktum. Wir sind kurz nach dem Chanukkafeste, und jedem von uns klingt ja die sogenannte Noan.8 zur- Melodie wie ein lieblicher Gruß ans der goldenen Jugendzeit entgegen. Nun denn! Darf diese ergreifende Sentimentalität auch dann noch eine jüdisch-antike Würdigung erfahren, wenn wir den Nachweis erbringen, daß diese uns seit Jahrzehnten erhebende Melodie gar nicht ans jüdischem Boden entstanden, sondern eine Komposition Meister Johann Sebastian Bachs ist.*) Wer weiß, welcher Chase» diesen Choral gelegentlich eines christlichen Leichenbegängnisses, oder sonst wo gehört haben mag und den cantu8 firrous sür seine Zwecke verwendete. Ein ähnliches Ursprungsbewandtnis mag auch bei anderen sogenannten „traditionellen" Melodien obwalten und es wäre unseres Erachtens wirklich ein müßiges, der Geschichte des Synagogengesanges durchaus nicht zweckdienliches Unternehmen, alle in der weiten Welt nmherflatterndeu sogenannten „altjüdischen" Melodien zu sammeln, ohne zuvörderst einen diesbezüglichen Gradmesser zu Rare gezogen zu haben. Diesem Gedankeugauge neigte sich auch seinerzeit der berühmte Berliner Professor Dr. H. Steiuthal hin, der ursprünglich ebenfalls sür eine allgemeine Organisation behufs Sammlung altjüdischer Melodien .eintrat, jedoch nach erfolgter Darlegung seitens des Schreibers dieser Zeilen an denselben nachfolgende Erklärung abgab: „Herrn Oberkantor Singer, Wien. Ich habe in meinen Aenßernngen über die jüdischen Melodien entschieden gesagt, daß ich von Musik im allgemeinen und von jüdischen Melodien insbesondere eigentlich gar nichts weiß. Darum war es voreilig v o n m i r, aus eine zu veranstaltende S a m m l u n g h i n z u w e i s e n.- S i e wiesen mich aber auch positiv daraus hin. woraus es a nk o m m e: Aus e i n e C h a r a kl e r i st ik des Stiles der jüdischen Melodie. Und hierin muß ich Ihnen durchaus recht geben rc." (Siehe: „Ueber Juden und Judentum," S. 285, von Pros. Dr. H. Steiuthal in Berlin.) Unser Ratschlag geht also dahin, zuvörderst zu bestimmen, welche musikalische Signatur vorhanden sein muß, um irgendwelchem ein- oder mehrstimmigen Synagogengesang die charakteristische Knnstbezeichnung „jüdisch" beilegen zu dürfen und dann aus Grund dieser Feststellung eine eventuelle Sichtung und Sammlung vorziluehmen. Um diesen Zweck zu erreichen, muß der ernste Musiker die gleichen Hilfsmittel zu Rate ziehen, wie es bei anderen zeitgenössischen Völkern des Altertums, z. B. in Aegypten und Assyrien rc. der Fall ivar, und zwar die Feststellung des dem Chasonus, den Jozeros, Pismouim rc. iunewohnendeu Jutervallenverhältnisses. Ans diese endliche Feststellung eines charakteristisch-jüdischen Musikstiles wurde zwar in diesen Blättern zu wiederholtenmalen hiugewiesen, die Wichtigkeit des Gegenstandes erheischt es jedoch, immer wieder aus denselben zurückzukommen. Der österr.-ungar. Kantoren-Verein steht gerade jetzt vor der Gründling einer Bildungsanstalt sür jüdische Kantoren. Obgleich mm der diesbezügliche Unterrichts- und Lehrplan beziehungsweise der zu behandelnde Lehrstoff in den Hauptumrisseu sestgesügt ist, bleibt die didaktisch-theoretische Behandlung des sogenannten freien Kantorrezitativs immer noch eine offene Frage. Soll der Kantoratseleve wissenschaftlich erzogen werden, ans der Basis eines strengen Jntervallengesüges selbst schöpferisch zu arbeiten, oder ist es zweckdienlicher, den angehenden Kantor — nach traurig bekannten Mustern — zum ewigen, sklavischen Nachsingen der von Anderen geschaffenen, zumeist stilwidrig gefügten Rezitativen zu verdammen; einer verwerflichen Gepflogenheit, die ja schließlich und endlich sowohl den Vortragenden wie den Hörer geradezu mit Ekel erfüllen muß. Allerdings! wo die Warnungstafel des Gesetzes nicht vorhanden, da kann so mancher imgestrast abseits vom Wegrain umherwanken; da kann auch so mancher Kantor willkürlich mit Tönen zweifelhafter Gattung, mit Intervallen unbegreiflicher Art spielen und tändeln. Unsere altvorderen, großen Chasanim sorgten ja durch Feststellung der „Gilsto"-Steiger rc. hinlänglich sür die Fixierung eines Synagogengesangsstiles. Nun denn — es ist durchaus keine Neuerung, sür welche wir hier wiederholt eintreteu — übersetzen wir Kinder der Gegenwart jene trefflichen Arbeiten unserer Heimgegangenen Ahnen ins Moderne, dann dürfen wir seelenbernhigt behaupten, unsere Pflicht getan zu haben. *) Siehe: 871 vierstimmige Choralgesänge von Johann Sebastian Bach, Nr. 183, „Nun freut Euch, liebe Christengemein."

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