Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seite 10. Die Wahrheit Nr. 49 wird sicher dazu beitragen, dem Jüdischen Verlag, dessen Bestreben es ist, jüdische Kunst, Literatur und Wissenschaft in weiteste Kreise zu tragen, und der mit seinen Publikationen im jüdischen Buchwesen bahnbrechend gewirkt und die einmütige Anerkemmng von Publikum und Kritik gefunden hat, neue Freunde zu gewinne». Eine geöil'dete Arau. Von Babette Fried- (Fortsetzung). Zweites Kapitel. Während der kleine Allwissende mit seinem Geplauder das betrübte Herz seines Vaters ausheiterte, und die schwere Sorge, die ihn drückte, verscheuchte, schritt Rösl mit ihrem Begleiter dem kleiTien Häuschen zu, in welchem Krumm Jittel ihren letzten Seufzer ausgehancht hatte. Bevor sie eintrat, band sie sich vorsorglich ein mitgenommenes weißes Tüchlein, das mit einer desiusizierenden Lösung getränkt war, vor den Mund und zog weite Lederhandschuhe an die Hände. So ausgerüstet, trat sie in die niedere Stube, deren ganze Breite die ans der Erde liegende Leiche einnahm. Die Prozedur des Reinigens war bald beendet; vom Anlegen der Tackrichim mußte bei dem Umstande, daß sie ganz allein dies Werk der Barmherzigkeit verrichtete, abgesehen werden. Sie hüllte bloß die leblose Gestalt der armen Dulderin in ein vom Schammes bereitgehaltenes Linnenzeug ein, vollzog selber die Zeremonie des Majim Tehorim, und bat dann mit tränenerstickter Stimme die Hingeschiedene Glaubensschwester im eigenen Namen, sowie im Namen der Gemeinde und Kol Jisroel mit Vergebung, daß man ihr in Anbetracht der traurigen Umstände nicht vollständig ihr Recht tun konnte, versprach ferner mit tiefbewegter Stimme, daß sie dafür Sorge tragen wolle, damit für die Verstorbene, eine verlassene, kinderlose Witwe, das ganze Jahr hindurch Kadisch gesagt werde und das übliche Seelenlicht werde sie selber einen ganzen Monat hindurch in ihrem Hause unterhalten. Dann ging sie in den Flur hinaus, um die Ankunft des Totengräbers zu erwarten, der Leiche das letzte Geleite zu geben und die Wohnung abznschließen. Die Gemeinde, worin sich dieser Vorfall ereignet hatte, war sonst keine herzlose gewesen, und wenn Krumm Jittel unter anderen Umständen erkrankt und gestorben wäre, so hätte es ihr weder an ausreichender Pflege, noch sonstigem Notwendigen gefehlt und bei der Leichenfeier wäre vielleicht kein Unterschied gewesen, ob die arme, von Almosen lebende Witwe, oder irgend eine angesehene Frau aus der Gemeinde bestattet werde. Aber die Furcht vor der Cholera, dieser heimtückischen, schnell mordenden Gefährtin des eben beendeten Krieges, die Angst vor diesem hohläugigen Gespenste, hatte jedes Gefühl von Mitleid und Erbarmen in gewöhnlichen Gemütern unterdrückt, und unter allen Gemeindemitgliedern gab es nur vier Personen, welche ihr Leben daran wagten, den an der Cholera Erkrankten körperliche Pflege und geistigen Zuspruch zu gewähren. Es waren dies: der Doktor und der Rabbiner der Gemeinde, welche unerschrocken in den Krankenstuben weilten, der Schammes, dessen Pflicht ihn dahin stellte, und endlich Frau Rösl, das Weib des schlichten Handwerkers. Diese vier teilten sich in die Pflege der Kranken. Während Rösl, des Totengräbers harrend, in dem Hausflur verweilte, öffnete sich die Türe einer anderen in den Flur mündenden Wohnung und heraus trat ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen, nur notdürftig bekleidet, mit bleichen, vergrämten Wangen und vom vielen Weinen geröteten Augen. Es blickte wie suchend auf die Gaffe und als es immer noch nicht den Erwarteten kommen sah, fing es bitterlich zu weinen an. „Was ist Dir, Kleine?" fragte Rosl teilnahmsvoll. „Ach, meine Mutter d'rin hat die Cholera und liegt im Sterben und wir haben um den hochwürdigen Herrn Pfarrer geschickt und der kömmt so lange nicht — mein gute Mutter wird sterben müssen, ohne gebeichtet zu haben." „Lauf' selber noch nach der Pfarrei, vielleicht ist die Adresse nicht richtig angegeben worden." ..Wie kann ich fort und die sterbende Mutter allein lassen?" „Gehe nur, Du gutes Kind, ich will unterdessen bei Deiner Mutter bleiben." Frau Rosl nahm ihr eigenes Tuch ab, schlang dasselbe um Kopf und Schultern des vor Aufregung zitternden Kindes und ging hinein in die Stube zu dessen kranken Mutter. Als dieselbe das Knarren der Türe hörte, fragte sie mit fast tonloser Stimme: „Bist Du es, Liesel? Nun, kömmt er?" „Ich bin es, liebe Frau, die Buchbinderin Fischer, und bleibe so lange hier bei Ihnen, bis Liesel mit dem hochwürdigen Herrn kommt." „Ach, das wird zu spät sein, und ich muß mit ihm sprechen, wegen Liesel." Rösl wollte der, wie sie sogleich erkannte, schwerkranken Frau eine Erfrischung reichen; doch diese wehrte ab mit den. Worten: „Nein, keine irdische Labung, bis ich die himmlische genommen." Nach einer Weile sagte sie: „Sie waren gewiß bei Jittel drinnen; wie gehl es ihr?" „Gut," sagte Rösl und errötete über diese fromme Lüge.. „Geht es ihr besser?" „Es ist ihr schon besser." war die zweideutige Antwort. „Dann wird sie mein Kind bewachen und pflegen, sie hat es immer so gerne gehabt — und wir waren bei unserer Armut gute Nachbarn." „Liesel," stöhnte nach einer Weile die arme Mutter. Frau Rösl beugte sich teilnahmsvoll zu der Kranken und fragte: „Wünschen Sie was?" „Nichts mehr! Für mich ist alles aus, ich bin fertig, aber verlaßt meine Liesel nicht, wenn ich sterbe!" „Nein, gute Frau! Ich selber werde dafür sorgen, daß Liesel nicht verlassen bleibt!" Jetzt ließ sich der helle Ton eines Glöckchens vernehmen. Die Sterbende raffte sich zu einem „Gott sei Dank!" auf, und Rösl, welche ihre kurze Anwesenheit in der Stube dazu benutzt hatte, dieselbe ein wenig aufzuräumen, und, so weit es ging, von den eckligen Spuren dieser grausigen Krankheit zu reinigen, damit der Diener der Kirche, der erwartet wurde, anständig empfangen werden könne, entfernte sich stillschweigend, dem Pfarrer und Sakristan, die eben ankamen, die Türe öffnend. Draußen kniete schluchzend imd betend das arme Kind,, welches binnen kurzem sein Alles, seine Mutter, verlieren sollte. In der Stube war es still geworden und kein Laut von drinnen war heraus zu dem betenden Mädchen und der still harrenden Judenfrau gedrungen. Endlich öffnete sich die Türe und mit tiefernster Miene trat der Geistliche heraus. „Führen Sie das Kind ins Zimmer, es hat keine Mutter mehr!" Der fromme Herr betete mit der Waisen an der Leiche ihrer Mutter einige Minuten lang, dann rüstete er sich zum Fortgehen und sagte: „Ich schicke sofort den Doktor zur Totenschau hierher, und dann muß dem Gesetze nach die Leiche überführt werden. Wäre wenigstens jemand hier, um sie halbwegs in Ordnung zu bringen, bevor der Totengräber kommt." (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Judentum. Sokal Dr. Marcel, Doktor der Rechte, Advokaturskandidat, ledig, geb. 4. September 1884 in Czeruowitz, 1., Baukgaffe 2. Porges Viktor Ritter von Portheim, Privat, ledig, geboren 19. Februar 1871 in Prag, I.. Opernriug 3. I u st i tz Maria. Köchin, ledig, geb. 10. Februar 1863 in Beneschau bei Prag, II., Krummbaumgasse 10. K lamp er Rosa, ledig, geb. 29. September 1684 in Wien, XIV., Schwendergasse 9. Schreiber Sigmund, Privatbeamter, ledig geb. 16. November 1884 in Tarnöw (Galizien), II., Obere Donaustraße 37. Blum D-r. Rudolf, praktischer Arzt, ledig, geb. 18. April 1871 in Zuaim, VIII., Josefstädterstraße 73. Fritz Adolf, Hilfsarbeiter, ledig, geb. 3. Juli 1690 in Krems, XII., Koppreitergasse 2. Koch Gabriele, Private, geschiedene Frau, geb. 3. September 1873 in Lemberg, XIII., Hadikgasse 112. K a t a y Julius, Kapellmeister, geb. 7. Juli 1883 in Wien. Laut Zuschrift der k. k. Bezirkshauplmanuschaft Gmunden, ääo. 26. Nov. l 1908, Z. 36288.