Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 48 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 11. Kine gebildete Arau. Bon Babette Fried. (Fortsetzung). „Alles, nur das nicht," stöhnte Rösl. das schamerglühende Antlitz in den Händen verbergend. „Nun, dailn wird der Kaufmann kommen und sich die Maschinen fortnehmeu. und ohne diese kann man jetzt nicht arbeiten — und dann diese Schande für uns." „Du bist unbarmherzig, Eli!" „Bin ich unbarmherzig — oder Du? Wer von uns ist eigentlich unbarmherzig? Dich kostet es ein bloßes Wort und uns ist geholfen, und Du willst das Wort nicht sprechen. Für den Glaser Wolf Trebisch hast Du ja ein gutes Wort geredet — und der Verein hat ihm sofort den Diamanten gekauft und alles Notwendige zum Gewerbe — oder nicht?" „Freilich," sagte Rösl tränenden Auges, „aber dabei hat es sich nicht um solch große Summe gehandelt — nnd dann war es für jemand andern nnd nicht für mich selber. Für einen Andern spricht sich's gut, aber für sich selber ist das eine andere Sache.-Schrecklich! bei diesen hochmütigen Frauen betteln zu sollen, welche mich nur widerwillig unter sich dulden, und mir nur ungerne eine bevorzugte Stellung einräumen, mir — der armen Handwerkersfrau." — Der schrille Ton der Ladenglocke ertönte nnd noch bevor eines der Eheleute in den Laden gelangte, öffnete sich die zu diesem führende Stnbentüre nnd herein trat ein kleines Männchen in ärmlicher, aber reinlicher Kleidung, sich sorgfältig an der Türe die schmutzigen Stiefel putzend. „Bornch habo, Reb Jajkew," rief ihm der Hausherr entgegen. „Bornch habo," töüte es ihm zurück. Rösl stand auf und bot ihren Stuhl dem Besucher an. „Ich danke, Madame Rösl, ich habe keine Zeit zum Sitzen, ich komme eigentlich mit einer Neuigkeit zu Ihnen. Krumm Jittel ist gestorben?" „Bornch dajen emes," flüsterten Eli und sein Weib. Nach einer Weile sagte Rösl: „Ich war ja heute früh dort, und der Doktors meinte, er wird sie dnrchbringen; heute Abend wollte ich wieder hingehen und die Nacht dort wachen." „Ich weiß ja, Sie sind eine Ische chaschnwe und gehen zu den Cholerakranken, sie zu pflegen, als wenn es gar nicht ansteckend wäre. Aber heute hat Ihnen der Malachhamowes die Mühe erspart. Sie soll es mir mochel sein, aber für sie war es ein Mizwetod, daß sie Gott erlöst hat. Der Dalles war bei ihr eingenistet und von Kirweh zu leben, davor soll Gott jede ehrliche Neschnme bewahren. Ja, wenn alle Leute wären wie Reb Eli und Madame Rösl Fischer!" „Mir machen Sie keine Komplimente, die ich nicht verdiene," warf Eli ein, „ich habe gar kein Verdienst dabei, das gebührt einzig und allein meiner Rösl." „Aber Sie haben ihr nie was gewehrt, Reb Eli, das ist auch schon eine Guttat," entgegnete Jajkew Schammes, denn dies war der Angekommene. „Also, Frau Rösl, was sollen wir jetzt tun? Im Hause darf die Mes nicht bleiben, der Doktor läßt dies nicht zu. In einer Stunde kommt der Totengräber mit dem Oraun und führt es auf das Beschajim. Wer soll das Mes metaher*) sein?" „Wer? Ich! Das ist ja selbstverständlich." „O, ich wußte es ja," rief der Schammes aus, „Frau Fischer wird sich schon hier auf Erden das lichte Gan Eden verschaffen!" - Rösl war ins Nebenzimmer getreten, hatte dort ein großes Tuch umgeworfen, und sprach im Heranskommen: „Gehen wir, Reb Jajkew!" „Sei vorsichtig," rief ihr Eli nach, „denk' an mich und die Kinder!' „Wir alle sind in Gottes Hand," antwortete das brave Weib, „vergiß nicht, Eli, daß viele, die sich in ihre Gemächer eingesperrt haben und niemand Fremden vor sich gelassen, eine *) Waschen und ankleiden. Beute der Seuche geworden siltd, während die mutigen Aerzte und Krankenpfleger in den meisten Fällen von der Krankheit verschont bleiben." Frau Fischer war mit dem Schammes weggegangen und der Meister war in der großen Stube allein geblieben. Er seufzte tief auf. „Da geht sie hin, ihr Leben für ein fremdes Weib, ja, für einen leblosen Körper in die Schanze zu schlagen und für mich hat sie kein Wort wagen wollen. Ja. ich sehe es klar, daß sie mich nicht gerne hat. Und wie könnte sie auch einen so unwissenden Handwerker lieben? Wie könnte ich dies von ihr fordern. Und doch," fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, „ich bin ja im Grunde gar nicht so unwissend. Ich habe in meiner Jugend Chumesch und Raschi gelernt, nnd unser alter Rebbe, si-chrono liwrocho, pflegte zu sagen: Kinder! Wer gut Chumesch und Raschi kennt und im Sommer an jedem Sabbath den Perek liest und sich die darin enthaltene Moral zu Herzen nimmt, im Winter mit Andacht Borchi Nasschi sagt, und wenn alles im winterlichen Schlafe liegt, mit Dawid Hamelechs Worten Gottes herrliche Natur preist, ein solcher Mensch ist kein Amhoorez! Wenn ich auch kein gebildeter Mann bin, so kann ich doch überall ein Wörtl mitreden, ohne ausgelacht zu werden, aber vor ihr trän' ich mich nicht, sie ist mir zu gebildet. Gott, wie schön wäre es. wenn ich sie um den Hals nehmen könnte und, wie ich so gerne wollte, an mein Herz drücken und ihr sagen: ,Röslleben, mein Gold, wie gerne Hab' ich Dich!' Aber zu ihr wag' ich das nicht zu sagen, sie ist mir zu gebildet dazu und möchte mich nur auslacheu, denn sie hat mich nicht gerne und sieht in mir nur den unwissenden Handwerker. Sie hat ja nicht einmal unsere schönen Jungen gern, weil sie keinen Kopf zum Studium haben und lieber tüchtige Handwerkslente werden wollen als verdorbene Studenten, d'rum kann sie keine wahre Liebe für sie haben. Jeder arme Bachur ist ihr so lieb wie ihr eigen Fleisch und Blut." Durch das Hereinstürmen des kleinen Robert, des Nesthäkchens, wurde der Meister in seinem traurigen Selbstgespräche unterbrochen. Das Bürschchen kam herein mit kotigen Stiefeln, nassen Kleidern und durchweichter Kopfbedeckung. „Wo hast Du Dich herumgetrieben, Robert, daß Du so naß bist, und wo ist Moritz?" „Der kommt auch gleich: wir haben draußen Ballen gespielt und die Mutter schickt uns nach Hanse, damit wir uns trocknen, um nicht krank zu werden — und dann sollen wir bei Dir bleiben, daß Dir nicht bange ist." ..So — sie denkt auch an uns! Das ist schön von ihr!" Gnt, daß das Kind die bittere Ironie nicht herausfand, welche in den Worten des Vaters gelegen! Der Vater nahm dem Kinde den durchnäßten Rock ab, hängte ihn zum Trocknen auf und gab ihm einen anderen Rock zum Anziehen. „Also, jetzt bleib' bei mir, Robert!" „Ja, Vater, aber bitte, gib mir die schönen Streifen, die da herninliegen (er meinte. die umherliegenden Papierschnitzel), ich werde damit spielen und ein Bandgeschäst damit einrichten, wie gegenüber der Herr Bauer eines hat." In dem Spiele des Kindes verrät sich dessen Neigung. Der schlichte Mann hatte dies eingesehen, denn er sagte traurig zu dem Kinde: „Warum willst Du Geschäft spielen? Schau, hier liegen so viele Bücher, ich borge sie Dir; — spiele Rabbiner, Doktor oder Chasau. Du singst so schön, ich werde Dich einen Lecho dodi lehren. — Dann wird Dich die Mutter gerne haben!" „Sie hat mich auch so gerne, auch wenn ich nicht singe; sie hat mich darum gerne, weil ich Dir ähnlich sehe, Vater!" Verwundert horchte derselbe ans. Was da der zarte Kindermund ihm zu enthüllen im Begriffe stand, das ivar zu beseligend für ihn, als daß er es hätte glauben können, und doch gelüstetete es ihn, alles zu hören. „Wieso weißt Du das, Robert?" fragte er das Kind. „Sie sagt es mir immer, wenn ich allein bei ihr bin und ihr aus..dem Schoße ätze. 0, ich bin nicht so dumm, wie Du glaubst, Vaterl, ich weiß Alles!" Fortsetzung folgt.) -£.v.‘*r-r