Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 41 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 16. Dis Wahrheit Nr. 41. - . Streben zu leisten vermag. In lobenswertester Weise hat derselbe die ihm zugeteilten Mussasgebete sowie das Kol Nidre mit angenehm klingender Stimme und mit Hilfe eines tüchtig geschulten Chors zum Vortrage gebracht und wurde ihm hiesür seitens des Kultusvorstandes und des Publikums wolvcrdientes Lob und Anerkennung gezollt. X. Koustantinopel, 4. Okr. (M i t t e i l n n g ans dem Deutschen Bureau der Alliance I s r a s l i t e Universelle.) Der Generaldirektor der Anatolischen Elsenbahngesellschaft, Herr H u g u e n i n, har vor den jüngsten jüdischen Feiertagen eine Zirkularverfügung an die Hauptämter des gesamten Eisenbahnnetzes gerichtet des Inhalts, es solle die Diensteinteilung so vorbereitet werden, daß die jüdischen Beamten der Gesellschaft während ihrer hohen Festtage dienstfrei seien. - Bei dieser Gelegenheit sei heroorgehoben, daß bei allen in der Türkei in Betrieb befindlichen Eisenbahnen Juden in großer Zahl in allen Dienstgraden beamtet sind. Vorzugsweise find es nach der Türkei eingewanderte russische Juden, die sich mit Vorliebe dem Eisenbahndienst widmen nnd das besondere Vertrauen der Direktionen genießen. Das gilt namentlich von dem jüdischen Streckenpersoual, den Zug- und Lokomotivführern, Heizern und Schaffnern, weil diese sich durch Nücht-'ruheit und Gewissenhaftigkeit anszeichnen und damit die Betriebssicherheit des Eisenbahndienstes erhöhen. Ateratnr. Der synagogale Gesang, eine Studie, dargestellt von A r o n F r i e dni a n ii, Hanptkantor der jüdischen Gemeinde zu Berlin und kömgl. Musikdirektor. Zweite vielfach erweiterte Auflage. Frei von jeder Sentimentalität forscht die Wiffenschast im Leben der Völker und sucht ans deren Vergangenheit alles zu ergründen, was uns Aufschluß über ihre kultur-historische Bedeutung geben kann. Dem Forscher, der nur den Verstand sprechen läßt, stellt sich da manches ganz ander» dar, als es im Bewußtsein des Volkes lebt, dessen Urteil mehr vom Herzen, als vom Verstände gebildet ist. Mit der Fackel seines Geistes leuchtet der Forscher in den dunkelsten Zeiten und verbreitet Licht, wo vorher magisches Dunkel war. Durch Ausgrabungen werden Stätten uralter Kultur dem Schutt und Moder entrissen; vergilbte Pergamente und Dokumente, jahrtausendalte Aufzeichnungen gewähren uns interessailte Einblicke in das Leben und Treiben vergangener Generationen. So erfahren wir. was vergangene Geschlechter in altersgrauer Vorzeit gedacht und geschaffen, wie sie gelebt und gelitten, was sie gegessen nnd getrunken, auch was sie gesungen, aber nicht — wie sie gesungen haben; denn verhältnismäßig spät ist die Notenschrift entstanden. Und so genau man in Israel alles ausgeschrieben hat, was sich auf religiöses Leben bezog, seine Melodien, die es im Gotteshause sang, seine nationalen weltlichen Gesänge, sie wurden nicht schriftlich fixiert; ihre (Erhaltung beruht auf Tradition. Liegt da nicht die Frage nahe: Sind nufere heutigen Synagogcn-Gcsänge, soweit sie die Bezeichnung traditionell haben, sind jene Melodien, die uns aus unserer Kindheittagen so traut herüberkliugen, sind das jene heiligen Klänge, die einst die Beter im Tempel zu Jerusalem sangen? Unsere Alten Härten denjenigen, der diese Frage stellte, mitleidig lächelnd als einen Ignoranten angesehen. War es doch zweifelsohne, daß diese Melodien, die alle Seiten ihres Herzens im Gottesdienst erklingen ließen, uralt, ja die heiligen Tempelgesänge waren! Das jüdische Volk vertraute unbewußt der Kraft und Zuverläsiigkeit der Tradition, die stets lebendig unter ihm lebte, wenn es galt, Religiöses zu erhalten und treu zu bewahren. Aber die Wiffenschast begnügt sich nicht mit Bermntnugen und Wahrscheinlichkeiten, sondern will Klarheit haben. Und so finden wir denn die Fachgelehrten seit den letzten Jahrzehnten enisig an der Arbeit, Licht über das Problem zu verbreiten: Woher stammen unsere Synagogengesänge? Gibt es überhaupt Original-Synagogeninelodien? Sind sie ganz oder teilweise dem Melodienschatz der Völker entlehnt, unter denen Israel im Laufe der Jahrtausende weilte? Der Lösung resp. Beleuchtung dieser Fragen ist auch die obengenannteFriedmann'sche Studie gewidmet, deren zweite, vielfach erweiterte Auflage uns zur Besprechung vorliegt. Daß ein derartiges Werk, das einen doch immerhin nur beschränkten Leserkreis hat in kurzem Zeitraum eine Neuauflage erlebt, ist einesteils ein Beweis für seine Vortrefflichkeir, andererseits für das erfreuliche Interesse, das man dem Gegenstand in unserer Mitte entgegenbringt. Das Werk Friedmann's ist außerordentlich sorgsam gearbeitet. Der Verfasser beherrscht das einschlägige Material vollständig, und so ist von ihm bei seiner Arbeit keine Veröffentlichung unberücksichtigt gelassen, ob sie nun als zusammenhängendes Werk oder als Aufsatz in irgend einer Zeitschrift erschienen ist. Scho» dadurch allein wirkt die Studie belehrend und aufklärend. Es ist dem Autor ein Herzensbedürfnis, wissenschaftlich nachzuweisen, daß unsere traditionellen Gesänge Original nnd keine Nachahmung sind. Das ganze Rüstzeug seines reichen Wissens holt der Verfasser herbei, um dem Leser die Gewißheit zu geben, die ihn selbst erfüllt. Natürlich kann sein Beweis, trotz aller Quellen, trotz allen dabei verivandten Scharfsinns, nur Hypothese sein, ganz wie derjenige seiner Gegner, die unseren Gesängen jede Originalität absprechen, sie womöglich als Nachahmungen der — Zigeunermusik bezeichnen. Jene Tempelgesänge waren eben nicht in Notenschrift ausgezeichnet, und so ist es nur möglich, mehr oder weniger wissenschaftlich begründete Hypothesen aufznstellen. Friedmanns Meinung, daß die Uebereiustimmung vieler unserer tradirionellen Melodien mit alten Kirchenmelodien nicht zu dem Schluß berechtigt, daß sie jenen entlehnt seien, sondern daß das Gegenteil der Fall ist, wofür F. auch die Meinung namhafter christlicher Autoren anführr, halte ich für völlig gerechtfertigt. Aber F. bietet nicht nur eine Zusammensaffung alles desseu, was bisher über diese Frage geschrieben worden ist, er gibt uns auch viel Eigenes, Selbsterforschtes und Selbstgefundenes, das entschieden beachtenswert ist. Im Anschluß an diese Erörterung der Art unseres Synagogengesanges gibt F. eine kurze Uebersicht über seine weitere Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte, insbesondere des letzten, da hauptsächlich an die Namen Sulzer und Lewandowsky anknüpfend. Mit den eingehenden Biographien dieser beiden Herren auf dem Gebiete - der Synagogenmusik schließt die Friedmannsche Studie. Das Werkchen ist von Begeisterung für unsere alten Synagogenmelodien erfüllt, und selbst derjenige, der dem Verfasser nicht in allen Punkten beistimmen kann, wird reiche Anregung darin finden. Ich kann deshalb das Studium der Friedmannschen „Studie" jedem empfehlen, der sich irgendwie für die Materie interessiert. Ganz besonders möchte ich die Anschaffung des Büchleins jedem Fachkollegen aufs Dringendste raten. Ec wird darin das finden, was er unbedingt wissen muß, wenn er den Synagogengesang in seinem innersten Wesen verstehen will. G ö t t i n g e n. F a b i s ch. Austritte uns dem Judentum. G o l d m a n n Fron z, Handelsangestellter, ledig, geb. 1. November 1888 in Michelob (Böhmen), II., Leopoldsgaffe 7. Krakauer S i e g m u n d, ledig, geb. 19. Mai 1883 in Eibenschitz (Mähren). VI., Eßterhazigasse 12. Trebitsch Gabriel, Beamter, verheiratet, geb. 13. April 1876 in Wien, XIII., Auhofstraße 202. S ch w e b e r Moses Leib, Redakteur, verheiratet, geb. 20. Juli 1864 in Przemysl (Galizien), II., Praterstraße 50. * Mendel Leopold, Techniker, ledig, geb. 28. September 1888 in Wien. II., Schwarzingergasse 1. Grün Alfred, Offizial, ledig, geb. 1. November 1865 in Prerau, II., Lichtenauergaffe 5. E i d l i tz Franz, cand. jur.. ledig, geb. 14. Juli 1889 in Wien, V., Blechturmgasse 33. Scheuer Oskar, Dr., verheiratet, geb. 1. Dezember 1876 in Znaim (Mähren), III., Dapontegasse 12. Scheuer Emmy geb. Fränkl, verheiratet, geb. 14. September 1662 in Wien, III., Dapontegasse 12. Haas Bertha geb. Kopf, Holzhändlerin, verwitwet, geb. 11. März 1878 in Wien, VI., Hirschengasse 2. Weiser Wolf, ledig, geb. 25. Dezember 1870 in Leszkovka (Bukowina), VI., Mollardgasie 42. Kohn M. N. Bernhard, Dr., ledig, geb. 12. Mai 1883 in Wien, III., Pragerstraße 5. Deutsch Maximilian, k. k. Rechnnngsassistent, ledig, geb. 28. November 1872 in Lipuvka (Mähren), II., Schüttelstraße 155. * * Vom Rabbinate der Wiener Knltusgemeinde wird bestätigt, daß Herr P i n ch e s N n s f e it^ H a m m e l, Uhrmacher, laut Proselytenbuch Lit. E. Nr. 98, am 28. September 1908 zum Judentum wieder eingetreten ist. (Alle Rechte, auch der Uebersetzung, Vertonung. Aufführung, Vorbehalten.) Moses?' Oratorium von Dr. D. Leimdörfer, Hamburg. 1. In Egypten. Chöre, Moses, Ahron. Chor der Männer: Kurz ist der Odem und hart ist die Qual, Alltäglich dasselbe, o trauriges Sein. Unendlich groß ist der Feinde Zahl, Und unser gepeinigtes Volk ist so klein. Was Joses getan, hat Egypten vergessen, Gerettet vom Hunger hat einst er das Land, Zum Dank läßt man leiden uns, ach, uuermessen, Hat uns in Sklavenketten gebannt. Sind Knaben geboren, so heißt man vernichten Das blühende Leben ohne Grund, ohne Wahl — O, grausamer König, wer wird Dich richten? Kurz ist der Odem und hart ist die Qual. Chor der grauen: Wir weinen, wir seufzen, wir zittern lind beben, Die Häuser sind öde, o, grausames Spiel! *) Im Sinne des geschätzten Autors richten wir an die geehrten Herren Kantoren und jüdischen Komponisten, welche Vertrautheit mit der hebräischen Musik und vor allem mit der jüdischen Volksseele besitzen, die Kraft ihres musikalischen Könnens an der Komposition dieses Oratoriums zu versuchen. Aufsührungen sind nur nach Einvernehmen mit dem Autor gestattet. Die Redaktion.