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Die Wahrheit · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Die Wahrheit Nr. 40 reicht halte, mit der kaum der Machtbesitz eines jetzigen Staates verglichen werden Eann. Das Wort eines spanischen Königs, daß in seinen Reichen die Sonne nicht untergehe, war mehr als eine Phrase, mehr als ein witziger Scherz, es war die durch geographische Grenzen bedingte Wahrheit. Und so groß die staatliche, militärische und ökonomische Macht Spaniens war. io groß und gebietend war der geistige Reichtum des Landes, seine Bildung, seine Kunst, seine Kultursähigkeit. Und diese Weltmacht, deren Steigen durch das verderbliche Treiben der zu höchstem Ausehen gestiegenen Inden nicht gehindert werden konnte, fing doch zu finken an. Und merkwürdigerweise schien der Ruin des Landes gerade damals besiegelt zu werden, als die Juden entrechtet, entehrt, geknechtet, immer mehr zu Parias herabsanken, bis das Maß ihrer Leiden endlich einen so grauenhaften Umfang erreicht hatte, daß die Blätter der Geschichte, aus denen die Resultate der spanisch-antisemitischen Heilwirksamkeit verzeichnet stehen, mit Tränen und Blut gefärbt sind. Ja, Spanien war ganz judenrein geworden, aber die Macht und der Wohlstand, die geistige Bildung und die Kultur des- Volkes hatten von dieser Zeit an keinen fabelhaften, ungeahnten Aufschwung genommen, im Gegenteil der Niedergang, der Verfall, die Verödung und Verwüstung nahmen ungeheuere, in der Geschichte der Völker beinahe unerhörte Dimensionen an. Kein äußerer Feind besiegte Spanien, ans dem Innern selbst kam das Verderbnis. Heute bewohnt ein armes, elendes, in dumpfer Unwissenheit verkommendes Volk das einst mächtige Land, die innere Pest, die Unbildung, der verdummende Aberglaube, der Haß gegen Fortschritt und Freiheit, diese Erbteile der menschenmordenden Inquisition haben sich im judeureinen Spanien breit gemacht. Die letzten Kräfte des verkommenden Volkes verzehren die hochmütigen und erbarmungslosen Abkömmlinge der Hidalgos.- Man sieht, aus dem Beispiele Spaniens könnten die Judenfeinde ihre Lehren ziehen. * Mit großem Behagen hat dieser Tage ein antisemitisches Blatt daran erinnert, daß Friedrich der Große sehr wenig Sympathie für den weisen Philosophen in seinem Reiche besaß, der als Jude leben und sterben wollte. Nun könnte man allerdings für Friedrich des Großen andere Ruhmestitel geltend machen als seine Antipathie gegen Juden und wir wären geneigt, sein Wort: „In meinen Staaten kann Jeder nach seiner FaeoU selig werden" noch heute manchem — Hohenzoller als Richtschnur des Denkens und Fühlens zn empfehlen. Aber lassen wir das; es mag allerdings zugegeben werden, daß Friedrich der Große wenig Neigung und Verständnis für einen Moses Mendelssohn empfand, und es ist noch immer nicht bewiesen, daß das gegen — Mendelssohn spricht. Wir möchten die Antisemiten einmal darauf aufmerksam machen, wie der auch in der Dichtkunst sich versuchende Monarch über — Shakespeare sich äußerte und sie fragen, ob sie auch da sein Urteil und und seinen Geschmack als entscheidend anerkennen wollen. Der König schreibt in seiner Abhandlung über „Die Deutsche Literatur": „Um uns von dem bisher in Deutschland herrschenden schlechten Geschmack zu überzeugen, brauchen Sie sich nur ins Schauspiel zu begeben. Da sehen Sie die abscheulichsten Shakespearschen Stücke ins Deutsche übersetzt aufführen und alle Zuhörer -laben sich an den lächerlichen, für die Wilden in C a n a d a passenden Possen. Ich nenne sie so, weil sie gegen alle Regeln des Theaters verstoßen. Diese Regeln sind nicht willkürlich, man findet sie schon in der Poetik des Aristoteles, wo Einheit des Ortes, Einheit der Zeit und Einheit der Sachen, als die einzigen Mittel, einem Trauerspiele Teilnahme zu verschaffen, vorgeschrieben werden. In den englischen Stücken aber dauert die Handlung mehrere Jahre hindurch. Wo ist da die Wahrscheinlichkeit? Kärrner und Todtengräber erscheinen und führen Reden, wie sie für dieselben passen, und dann kommen wieder Könige und Königinnen. Wie kann das frazzenhafte Gemisch von Gemeinheit und Größe, von Narretei und Trauerspiel rühren und gefallen?" * * * - Wenn die antisemitischen Herrschaften aber geneigt sein sollten, auch den englischen Dichter dem König zu opfern, so empfehlen wir ihnen noch eine weitere Stelle aus der erwähnten Abhandlung zur Würdigung, in der der König über — Goethe den Stab bricht. Da heißt es: „Man kann dem Shakespeare diese frazzeuhaften Verirrungen verzeihen, denn bei der Entstehung sind die Künste niemals gleich reis. Aber da kommt auch ein G ö tz von B e r l i ch i n g e n a u f die Bühne, eine e l e n d e Nachahmung jener s ch l e ch t e n englischen Stücke, und das Parterre applaudiert und verlangt mit Enthusiasmus die Wiederholung dieser ekelhaften Plattheiten. Ich weiß wohl, daß man über Geschmack nicht streiten kann, doch erlauben Sie mir zu sagen, daß die, welche an Seiltäuzerei und Drahtpuppen eben soviel Gefallen fiitden, wie an den Tragödien des „Racine", nur die Zeit tobten wollen". Da hat Friedrich der Große doch noch achtungsvoller von dem Juden Moses Mendelssohn geurteilt. * * Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir nachstehende Zuschrift: „Mit Vergnügen erinnere ich mich an die wiederholten Ausführungen in Ihrem Blatte, deren Zweck dahin ging, die Erinnerung an den armen jüdischen Erfinder David Schwarz wachzurufen, der, wie Sie nachwiesen, der eigentliche geistige Schöpfer des Werkes ist, das dem Grafen Zeppelin zu Rithm, Ehre und Reichtümeru verhalf. Offen gesagt, ich war gar nicht erstaunt, daß die Versuche, einem Juden und noch dazu einem armen im Grabe ruhenden, zu seinem verdienten Rechte zu verhelfen, von geringem Erfolge begleitet zu sein schienen. Ich wunderte mich nicht einmal, daß den Hinweisen in Ihrem Blatte so weitig Sukkurs selbst in jüdischen Organen zuteil wurde. . . Umso angenehmer wurde ich durch eine Notiz in der „Neuen Freien Presse" überrascht, welche besagte, ein deutscher Major v. Groß sei durch die Erklärung, Graf Zeppelin habe sich nur die Idee des Juden Schwarz angeeignet, in eine aufsehenerregende Affaire verwickelt worden, die zu einem Duell mit dem Grafen oder doch zumindest zu einer öffentlichen Gerichtsverhandlung führen werde, die eine Klarlegung des Sachverhaltes zur Folge haben müsse. Nun, ich bin ein viel zu friedfertiger Mann, als daß ich einem Maune, auch wenn er kein Siebziger, wie Graf Zeppelin, ein blutiges Duell auf den Hals gehetzt sehen möchte. Aber wünschenswert fände ich es allerdings in hohem M^gx, daß in der Oeffentlichkeit darauf gedrungen wird, klar und unzweifelhaft festzustellen, wer der geistige Schöpfer eines der größten Menscheuwerke unserer Zeit war. Es wäre wahrlich zu betrübend, daß diese Entdeckung — ich meine die Entdeckung ches Erfinders — dadurch verhindert wird, weil man fürchtet, daß plötzlich hinter der breiten Gestalt des deutschen Grafen das Antlitz des kleinen österreichischen Juden erscheint. Es fällt mir natürlich die Geschmacklosigkeit nicht ein, das lenkbare Luftschiff mit dem Christenthum zu vergleichen. Aber das Eine weiß ich: nachträglich sehen wir jetzt eine ganze Anzahl wild gewordener Teutonen krampfhaft daran arbeiten, den Beweis zn erbringen, daß der Schöpfer des Christenthnms alles, nur kein — Jude gewesen. * * Bücherbeschreibnngen gehören in der Regel nicht zu den Themen dieser Rubrik. Aber mit dem soeben erschienenen Buche ..Gesammelte Aufsätze" von Dr. Joachim Jakob Unger (Prag 1008. in Kommission bei I. B. Braudeis) können wir schon darum eine Ausnahme machen,' denn es handelt sich hier um ein tapferes Werk, dem'— zum Teile auch — politische Bedeutung znerkannt werden muß. Der greise Verfasser, der seit langen Jahrzehnten als Gelehrter und hebräischer Dichter einen bedeutenden Namen hat, verdient unseren Dank für die in Buchform erschienene Sammlung dieser Aufsätze, denn es wäre wirklich schade gewesen, wenn ihnen nur jenes schwächliche Dasein beschieden geblieben wäre, welches gewöhnlich das Schicksal der in Zeitschriften veröffentlichten Arbeiten ist. Ein bis heute frischer, durch das Alter nicht gebeugter Geist spricht aus dem Buches dessen erste Arbeiten (die wissenschaftlicher Natur sind und sich zumeist mit hebräischer Sprachforschung und Exegese beschäftigen) vor nahezu einem halben Jahrhundert zum erstenmale das Licht

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