Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. ." ... . ..Die Wahrheit -- ....Nr. 38. Institute a u f n e h m e n zu wollen, andererseits an die Herren Rabbiner und Prediger, die so oft von der Kanzel in hervorragender Weise unsere Hilfsaktionen bereits gefördert haben, das höfliche Ansuchen zu richten, in ihren festlichen Ansprachen auf die Pflicht jedes Israeliten hinz u - weisen, der Allianz a n z u g e h ö r e n und an die vermögendeil Glaubensgenossen zu appellieren, daß sie ihrer Pietät gegen ihre Eltern und Vorfahren durch Tempelspende n und L e g a t e für die Allianz Ausdruck geben. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien". Geldsendungen sind zu richten an die Adresse „Israelitische Allianz". Wien, I., Weihburggasse 10, (Postsparkassakonto Nr. 8125). Kilirrates Indenlmn. Von Claude G. Montefiore. VI. Genau so wie wir das liberale Judentnm als Ergebnis aus dem Streben nach Licht und aus der Einwirkung der äußeren Umgebung betrachten, ebenfo ist - das Hemmnis, von dem ich jetzt zu sprechen habe, zum Teil oder sogar hauptsächlich ein Produkt aus der Dunkelheit und demselben Milieu. Wir ließen schon an unfern Augen vorbeiziehen, wie im letzten Jahrhundert, zwischen 1830 und 1870, die Hoffnungen der europäischen Inden wuchsen. Das Zeitalter der Vorurteile und des Rassenhasses war entschwunden. In Rußland selbst, wo die große Mehrheit der Juden noch wohnt, waren die Erwartungen begründete. Auch dort schien bis zur Ermordung Alexander II., als ob die Morgendämmerung einer neuen Aera heraufleuchten wollte, der neuen Aera, in der die russischen Juden, die generationenlang in Rußland gewohnt haben, russische Bürger de facto und allen Rechtens, wie sie es gewünscht hatten, werden sollten. Aber grausam wurden unsere Hoffnungen getäuscht. Seit 1881 wurde die Lage der russischen Juden unaufhaltsam schlimmer. Mißachtung folgte ans Mißachtung, Unterdrückung auf Unterdrückung, Pogrom aus Pogrom. Aber noch mehr geschah, was in mancher Hinsicht schlimmer ist als die Scheußlichkeiten eines osteuropäischen Despotismus, wie des russischen. Es wuchs in Westeuropa das dunkle Gespenst des Antisemitismus auf. Ein herber Nationalismus trat in die Erscheinung, bitterer und irdischer als jener edle, der die Einigung eines Italien herbeigeführt hatte. Deutschland soll bestimmt sein nicht nur für die Deutschen, sondern für die germanischen Deutschen. Man leugnete die Möglichkeit, daß Menschen, in deren Adern fremdes Blut fließt, die anderen Bekenntnisses wären als des Christentums, germanische Anschauungen im Denken, Fühlen, in Kultur und Idealen besitzen könnten. Auf jeden Fall aber, ob diese Ansicht richtig war oder nicht, sollten sie verfemt, ausgeschlossen, degradiert sein. Kein Jude sollte Offizier sein dürfen, keiner auch Zivilbeanner, kaum daß ein Jude Professor werden durfte. Die gute Gesellschaft sollte keine Juden bei sich aufnehmen dürfen; wenn dieses verhaßte Geschlecht überhaupt nur in Deutschland leben sollte, daun sollten sie für sich leben, verachtet, verhaßt, verabscheut. Das ist das Alpha und Omega des deutschen und österreichischen Antisemitismus, der — ach — Verbreitung gefunden, in der oder jener Form, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Selbst die große Republik des Westens hat seines Geistes Mehltau verspürt. Auch in ihr Gebiet hat der Antisemitisnrus seinen Einzug gehalten, und sie haben Klubs, in denen keine Juden Zutritt haben. Schulen, die keine jüdischen Kinder aufnehmeu, Hotels, in denen kein Jude auch nur eine Nacht verbringen darf. Ich kann auf die Ursachen des Antisemitismus hier nicht eingehen oder untersuchen, ob es vollständig der Fehler der sogenannten Christen ist, oder ob nicht auch die Juden ihr Päckchen beigesteuert haben. Ich stelle die Tatsachen einfach fest, um ihre Ergebnisse zu verzeichnen. Denn der Antisemitismus hat im Judentum neue Parteien und Parteiungen hervorgebracht. Oder, wie man vielleicht besser sagt, daß der neue und engherzige Nationalismus' in Verbindung mit dem Antisemitismus diese Wirkungen geäußert haben. Bietet doch — wie ich oben bereits erwähnte — die kleine jüdische Welt ein oftmals getreues Spiegelbild der äußeren großen Welt dar^ Das will auch das Sprichwort besagen : „Jedes Land hat die Inden, die es verdient" — oder wie es in Deutschland lautet: „Wie es christelt, so jüdelt es." Die Wellen, die das Leben der größeren Welt dnrchwogen und bewegen, werden genau so gut in der kleineren gefühlt. Unbewußt werden sie nachgeahmt. Der stolze Nationalismus der Deutschen, Tschechen, Iren und Magyaren oder der Russen hat einen — meiner Meinung nach — rückschrittlichen Nationalismus unter den Inden wenn nicht erweckt, so doch wiederbelebt. Rückschrittlich, weil er sich bestrebt, die Vereinheitlichung aller Tendenzen nach religiöser Seite hin zu bekämpfen, zurückznsetzen. Auch die Juden wiegten sich in dem Traitme, eine Nation zll iverden. Der Gedanke, eine religiöse Gemeinschaft zu bilden, eine religiöse Mission zu erfüllen, durch aller Herren Länder verstreut, befriedigte sie nicht mehr. Der neuere Nationalismus erweckte das schlafende jüdische- Bewußtsein und das Rassegefühl in vielen Tausenden, denen die religiösen Weckrufe keinen Eindruck machten. Das nationale Leben, so sagen sie, sei noch nicht tot. Sein Geist beginnt sich wieder in den steifgewordenen Gliedern zu regen. Noch einmal fühlt sich Israel als Nation und strebt danach, Nation zu werden unter all den anderen Nationen der Welt. Aber das ist noch nicht alles. So mögen für viele diese Gedanken auch ohne den Antisemitismus gekommen sein, als rein jüdische Erwägungen, als Echo auf den neuen Aufschwung des Rationalismus. Der Antisemitismus hat aber überall diesen Gedankengang, dieses Echo hundert- und tausendfach vervielfältigt. Auch griff bei vielen die Verzweiflung Platz. Und so befruchtete der Antisemitismus einerseits die nationalen Regungen, wie diese umgekehrt auf jeneu eiuwirkteu. Viele Juden sagten sich: Es ist zwecklos, auf eine Emanzipation zu tjoffeu; wir Inden werden immer gehaßt, immer als Fremdkörper empfunden werden. Und wenn das auch in England nicht so der Fall ist, so liegt das daran, daß wir im Vergleiche zu anderen Orten in geringer Zahl vorhanden sind. Wir haben lauge genug den Versuch gemacht, Deutsche, Oesterreicher, Russen oder Amerikaner zu werden. Der Versuch endete mit einem Fehlschlag und wird es immer tun mit ganz minimalen Ausnahmen. Laßt diese sich assimilieren und dableiben, die Majorität soll eine Nation bilden, ein Volk für sich, in ihrem eigenen freien, von den andern geschiedenen Lande. Der Antisemitismus ist kein vergängliches Uebel, er ist eine ewige- Krankheit, der die Menschheit immer unterworfen war und der sie immer unterworfen sein wird. Und ein weiteres sagen sie: Wollt ihr Liberalen, wie ihr es selbst sagt, daß die Juden verstreut in anderer Nationen Länder leben, verabscheut, unterdrückt, von vielem verbannt, für ihre Religion, für die Sache des Judentums? Nun, je mehr ihr euch emanzipiert, desto mehr zerstört ihr die Religion, auf die allein ihr eure Hoffnung setzt. Denn das Judentum steht und fällt mit der Heiligung des Sabbaths. Im modernen Leben und unter modernen Verhältnissen muß die überwältigende Mehrheit der Juden am Sabbath arbeiten. Und wie ihr den Sabbath nicht verlegen könnt (denn der Versuch, es zu tun, hat sich als verfehlt herausgestellt), so wenig könnt ihr ihn halten. Wenn deshalb dreist alle Juden morgen emanzipiert werden, wenn der Antisemitismus wnnderbarerweise verschwunden wäre, selbst dann müßte das Judentum, langsam aber sicher, verwittern und absterben. Dies nun ist die letzte Schwierigkeit, die das liberale Judentum zu überwinden hat. Und ich sage aufrichtig, daß es nicht eine Klippe ist, um die man leicht und elegant mit einigen Argumenten herumsteuert. Nur unbezwingbar starker Glaube an Gott, an unsere Religion, an das Gute in der Natur des Menschen kann uns befähigen, ihrer Herr zu werden. Ihre Wirkungen aber ans das liberale Judentum müssen kurz erwähnt und erörtert werden. Um mit der nationalen Bewegung zu beginnen, so hat sie in all ihren Formen die Tendenz gezeigt, die Gemüter, in der Tat wie im Denken, von religiöser Beschäftigung abzuziehen. Sie sagen, die Situation I sei zu ernst, um es zuznlassen, daß man seine Zeit mit der