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Die Wahrheit · 1908-09-25 · Heft 38 (25.9.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 38 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 38 gespielt. Dank der Millionen, die er von seinem Vater erbte, (welcher sie durch seine Stellung im Hause Rothschild erworben) war Herr Georg Schönerer, ein Manu von mittelmäßigen Gaben, zu Rang, Ansehen und Einfluß gelangt und mit dem aus Deutschland importierten Schlagwort: „Los gegen die Juden!" hatte er sich eine Gefolgschaft gesichert, die ihn für lange Zeit zum populären Helden machte.. Herr Schönerer hatte den Rassenanlisemilismus zu seiner Spezialität erhoben und war, da er konsequenterweise auch die mit dem Alten Testament stehende und fallende Kirche mit tiefem Ingrimm befehdete, von den christlichsozialen Volkverhetzern in den Hintergrund gedrängt worden, die sich der Patronanz der Klerikalen erfreuten. Die Los von Rom-Bewegung, die Herr Schönerer und die Seinen propagierten, bekam Herrn Schönerer nicht wohl. Aber er hatte auch mit seinem rassenantisemitischen Los vom Judentum-Ruf wenig Glück. Es wurde ihm nämlich auch gerichtsordnuugsmäfiig nachgewiesen, daß seine eigene Gattin jüdischer Abstammung sei, eine Enkelin des gottseligen Schwul Leeb Kohn, und er daher nach seiner Rassentheorie seine eigenen Söhne verleugnen und verstoßen müßte. Herr Schönerer tat das Klügste, was er dem gerichlsorduungsmäßig klargelegten Stammbaume seiner Familie gegenüber tun konnte: er schwieg. Er schwieg, so lange er konnte, er schwieg auch, als nicht nur aus dem gegnerischen Lager, sondern auch aus seiner eigenen Partei immer heftiger und peinlicher die Frage an sein Öhr drang: Was ists mit den Söhnen Georg Schönerers? Was ists mit ihrem Urahn Sch mul Leeb Kohn? -* q- Zuletzt fingen aber auch die letzten Verehrer des von rassenantisemitischer Tollheit und auch von nicht minder bedenklichem Größenwahn besessenen Schönerer an, „den größten deutschen Mann" nach Bismarck, mit dieser zudringlichen Frage zu behelligen. Der ..deutsche Tnrnerband," ein aus reichsdentschen und österreichischen Turnervereinen gebildeter Verband,, zählte bis in die jüngste Zeit znm treuen Freund Schönerers. Anläßlich des letzten Bundesturntages stellte der Delegierte eines Berliner Turnvereines öffentlich die Frage, ob Schönerers Frau von Juden abstamme. Der Bundesturntag ersuchte infolgedessen Herrn Schönerer in einem offiziellen Schreiben, er möge diese Frage einwandfrei beantworten. Herrn Schönerer, dem es, natürlich unmöglich gewesen tväre, die gerichtsordnungsmäßig bewiesene Tatsache zu widerlegen, begnügte sich-damit, die Frage als „gemeine Beschimpfung" zu erklären, aus die er keine Antwort gebe, und er erließ zugleich eine Proklamation, in der es hieß, daß er jede Beziehung zum Bnndesturnrat abbreche. Die Hoffnung Schönerers,' daß seinem Beispiele zahlreiche Turnvereine sich anschließen würden, war eine trügerische. Ein einziger Verein nahm für ihn Partei,- während die übrigen laut oder schweigcnb das Vorgehen des Bundesrates billigten. Nun hat Schönerer erklärt, daß er'-die ihm verliehene Ehrenmitgliedschaft in allen 52 Turnvereinen niederlege und mit den deutschnationalen Turnern nichts mehr gemein habe. Der einst Starke, ist nun der Schwache mid — allein. Seine Raffentheorie hat ihn erschlagen. « - * ' * Die von. mehreren Seiten, ausgesprochene Annahme, daß Herr Schönerer in, seinem Grolle gegen die deutschnationalen Turner nunmehr mit seinen Söhnen einen eigenen Turnverein ins Leben rufen werde, dessen Fahne mit dem Namen „Schmnl Leeb Kohn" geziert sein soll, dürfte kaum eine Bestätigung finden. * ' Der Kastenantffemiiismus hat iu Oesterreich wenigstens feinen mächtigsten Begründer und Förderer zu Boden geworfen. Der christlichsoziale Äntisemitismus, der unter der Flagge - des Judenhasses auch , die Grundprinzipien des Evangeliums und des Christentums verhöhnt und besudelt, erfreut sich weiter des fröhlichsten, üppigsten Daseins. Er findet 'weiter seine Helfer und Stützer selbst in jenen Kreisen, deren Mitglieder sich als gute Christen fühlen, dabei aber vergnügt schmunzeln, wenn man die Grundlehre des Christentums: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" ein wenig abäudert und sie dahin variiert: „Hasse deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst!" Einer der „besten, verdienstvollsten und achtbarsten Stützen." der christlich-sozialen Partei — als solchen feierte ihn der christlichsoziale Moniteur — Herr Alexander P u r s ch t, hat dieser Tage seinen 60. Geburtstag gefeiert. Herr Purscht, den man * auch in der bengalischen Beleuchtung des Gerichtssaales kennen zu lernen Gelegenheit hatte, har mit Herrn Georg S.ch ö n e r e r, dessen Antipode er in Vielem, ist, Eines gemein: Die ungeheure Milde und Nachsicht gegen jene unglücklichen Geschöpfe, die man „Verlorene" nennt. Herr 'Schönerer hat bekanntlich — zur selben Zeit, als er über die moralische Verkommenheit der Inden wetterte, jenen traurigen Gestalten, die als Freudenmädchen wirken, Asyl in dem Hause seiner Väter in der Krngerstraße gewährt, damit er Mutter und Schwester aus demselben vertreibe. Von Herrn Purscht wurde bekauut, daß er — zur selben Zeit, wo er die jüdische Sittenlosigkeit und Zuchtlosigkeit brandmarkte — einer alten Freundin die Mittel zur Verfügung stellte, um am Spittelberg ein keineswegs der Zucht und Sitte geweihtes Haus zu kaufen. . . So sehen die patentirten Pächter arischer und.christlicher Moral aus! 'Das sind die überzeugten und begeisterten Bekämpfer der jüdischen Unmoral! Natürlich bleibt das Schlagwort vom „jüdischen Mädchenhandel" weiter eine ausgezeichnete Waffe im Kampfe gegen die Juden. * $ * Einer der größten Männer unserer Zeit, T o l st o i, feiert dieser Tage' seinen 80. Geburtstag. Die Juden in Rußland haben.es zwar oftmals schmerzlich beklagt, daß dieser Geistesriese, der die Sünden der russischen Gesellschaft im Allgemeinen so erbarmungslos züchtigt, nicht auch besonders die »grauenhaften Ausschreitungen gegen die Inden verdammte, aber kein Mensch hat darum bezweifell, daß Tolstoi den Antisemitismus im Grunde seiner Seele als die blutigste Verhöhnung seiner religiösen Ideale betrachten müsse. Das ist so. selbstverständlich, daß es keines ^weiteren Wortes zur Bekräftigung bedarf. Interessant ist, daß Tolstoi sich nicht nur viel mit der Bibel beschäftigte, wovon seine Werke Zeugnis, ablegen, sondern auch den Talmud, natürlich in den ihm zugänglichen 'Übersetzungen, ..fleißig las und auch benützte. Die Bibel chät Tolstoi im Original studiert; er hatte zu diesem Zwecke Unterricht im Hebräischen genommen, der Moskauer Rabbiner war sein Lehmr. In welchen Maße Tolstoi von der Moral und Sittenlehre des Talmud ergriffen wurde, wie viel er sich von demselben zur Vermehrung seines geistigen Kapitals 'aneignete, ersehen wir aus einem im Jahre 1904 erschienenen Buche des großen Russen: „Gedanken weiser Männer". Tolstoi hatte sich während einer längeren Krankheitsperiode, die ihm iu eigener. Arbeit störte, aus den Werken anderer eine Sammlung von Aussprüchen und Sentenzen großer Denker und Dichter, Staatsmänner und Gelehrten angelegt. Unter den 56 Autoren, die wir in dieser Sammlung angeführt sehen, ist der Talmud am meisten benutzt. Tolstoi hat für jeden Tag des Jahres sich Sprüche angemerkt, v o n d i e s e n sind 107 dem Talmud entnommen. Das erste Zitat lautet: „Beurteile deinen Nächsten nicht, bevor du in seiner Lage warst". Tolstoi notirt sichu. A. das schöne talmudische Wort: „Gott zürnt uns wegen unserer Sünden, die Menschen wegen unserer Tugenden." Er merkt sich den Satz: „Nicht der ist verständig, der das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht, sondern wer von zwei Uebeln das kleinere zu wählen weiß". Ferner: „Die Zeit vergeht, sagt ihr gewöhnlich in ganz falscher Auffassung. Die Zeit besteht, aber ähr vergeht!" Wir müßten alle 107 dem Talmud entnommenen Geistesperlen hier aneinanderreihen, um zu zeigen, welchen Schatz Tolstoi aus diesem vielverlästerten jüdischen Werke zu heben wußte. Die Bemerkungen Tolstois zeigen, wie mächtig diese Gedankenwelt auf ihn gewirkt, wie groß der Eindruck, den sie auf ihn geübt. . . Es ist seltsam, aus dem Buche eines Tolstoi könnten so viele Juden erkennen, was sie an dem Talmud besitzen, den sie — nicht kennen. Gin Kttch des Idealismus. - Es wird wohl niemand die Wahrheit des Satzes leugnen, daß unsere Zeit voll der starrsten Gegensätze ist. Hier Gewalttätigkeit, Feindseligkeit, Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit, dort

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