Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 37. Die Wahrheit. Tete 9' Die ganze Versammlung applaudierte und ich wurde rasch hinausgetragen, um nicht cheschrieeist zu werden. Die Gäste blieben aber bei einer reichen Tafel bis zum Abend beisammen. — Das alles zu erzählen, wurde meine liebe Mutter nie müde und der Pathos war stets der gleiche. „Mein Vater war mehr ernster Natur ltnö pflegte meinen Lerneifer dadurch anzusporneu, daß er mir die Tochter des reichsten uub angesehensten Inden als Braut prophezeite. Mein Vater war daher sehr stolz, als ihm der Schadchen Reb Schmul Kaliner die Tochter Reb Feiwels aus Jardow als Schwiegertochter vorschlug. Der ,gute* Ruf dieses Menschen war ja auch zu uns gedrungen und so war dieser Vorschlag bald akzeptiert. Es vergingen nur wenige Wochen, da wurde ich von meinem Vater durch die Mitteilung überrascht, daß wir nach Jardow fahren. Eisik Schneider brachte mir eine elegante Pakesche, Seinwel, der Schuster, Lackstiefel und wie ein schloßjnnker herausgeputzt kam ich in das Hans des Stadtgewaltigen von Jardow, wo bald die Teno'im, die Verlobungsfeier, in eüter gar prächtigen Weise stattfanden. Der dortige Rabbiner ,verhörte^ mich, das heißt, er legte mir einige besonders schwierige Talmudstellen vor, die ich zu seiner vollsten Zufriedenheit auslegte und erklärte. Das machte er sofort meinem Schwiegervater vor der ganzen Versammlung bekannt, worauf dieser mir recht geräuschvoll und auffällig eine goldene Uhr sann Kette als Belohnung überreichte, während meine Mutter der Braut einen Ring mit Edelsteinen besetzt schenkte. „Meine Braut konnte ich nicht sehen und sprechen. Das mußte so sein und fiel niemand auf. Ich wäre sicherlich nicht mehr ins Bet-Hamidrasch (Lehrhaus) gelassen worden, wenn ich diese Sitte mißachtet hätte. Noch am selben Abend verließen wir den Ort und fuhren im Wagen nach Hause. Die folgende Zeit verlief wieder m dem ewigen Einerlei, denn auch eine Korrespondenz buvfte mit der Braut nicht geführt werden. Wir Jünglinge saßen täglich bis spät nachts im Bet Hamidrasch und studierten Talmud, zweimal wöchentlich wurden wir vom Rabbiner ,verhört-. Eine kleine Abwechslung gab es nur Purim. Das war für die jungen Leute ein förmliches Turnier, denn jeder mußte zuhause vor geladenen Gästen die Megille in der herkömmlichen Weise vorlesen und jeder war bemüht, ben anderen zu übertreffen. So konnte man schon einige Wochert vor Purim im Bet Hamidrasch ein Brummen und Summen, ein Singen und Sagen vernehmen, das niemanden irritierte. I ch mußte mich ganz besonders gnt vorbereiten, denn Hirsch Pesches, der Briefbote, hatte eine Woche vor Purim mit feierlicher Miene einen Brief überbracht, mit dem ich zur Vorlesung der Hamangeschichte nach Jardow geladen wurde. .Da bringt er sicher ein prächtiges Geschenk mit/ batte Hirsch Pesches vorausgesagt, und meine Eltern waren sehr erfreut und spornten mich zu solchem Eifer an, daß ich die ganze Megille im Schlaf auswendig sagte. „Ich hatte mich meiner Aufgabe bei den Schwiegereltern in vorzüglicher Weise entledigt, ich hatte die harte Probe trefflich bestanden und blieb sogar acht Tage als Gast zurück, ohne aber die Braut je zu sehen. Ein einmaliges, zufälliges Begegnen halte genügt, sie mir gründlich zu verleiden, aber ich hatte in dieser Angelegenheit, die doch mich am meisten betraf, nichts zn sagen. Als ich nach Hanfe kam, brachte, ich zur großen Freude meiner Eltern einen Kreditbrief und eine silberne Tabaksdose mit. Mein guter Vater brachte mir eigenhändig ein Päckchen Rauchtabak und Zigarettenpapier von Rosche Chajczes, nnd als die Mutter schüchtern meinte, daß ein sechzehnjähriger Junge vielleicht noch nicht rauchen solle, erwiderte mein Vater ganz erstaunt: ,Wozu denn hat man ihm die silberne Tabaksdose gegeben?* „Drei Jahre war ich Bräutigam, drei Jahre hätte ich Zeit gehabt, den Schritt zu überlegen, aber ich war zu jung, zu unverständig dazu. An allen großen Feiertagen war ich bei meinen Schwiegereltern zu Gaste und niemals fiel es mir ein, die Charaktereigenschaften meines Schwiegervaters zu studieren. Wohl konnte ich bemerken, daß ihm jeder auswich, wo er nur konnte, wohl hörte ich den Rabbiner, der mit mir öfter über Talmud disputierte, manchmal nebenbei sagen: ,Schade, schade*, oder ,das Glück rennt Feiwel nach*, aber ich schenkte dem keine Beachlnng nnd wußte es nicht gehörig zu deuten. Die Zeit flog rasch dahin nnd eines Tages kam mein Vater mit der frohen Nachricht, daß der Mechuten in vierzehn Tagen die Hochzeit zu machen wünsche. „Auch die Hochzeit wurde vou meinem Schwiegervater dazu benützt, um zn protzen, um öffentlich zu zeigen, welcher Unterschied zwischen ihm nnd den anderen bestehe. Es war ein pompöses Fest, wie mau es in jener Gegend noch nicht gesehen. Die Tismenitzer und Czortkower Mnsikbanden mußten aufspielen, der berühmte Spaßmacher Zankes Sckiije Marschalik wurde bezogen und sechs geschmückte viersitzige Wagen wurden den Gästen zur Verfügung gestellt. Es war eine echte jüdische Hochzeit mit all jenen Bräuchen, die jetzt kaum mehr gekannt werden. Ich will Ihnen, junger Freuno. diese Hochzeit in Kürze schildern, denn noch sind jene Eindrücke unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt. „Ein Wagen von zwei prächtigen Schimmeln gezogen, die mit Blumen und Bändern reich geschmückt waren, holte mich bei der Stadtmant ein und von den vornehmsten Jünglingen begleitet, zog ich unter den Klängen eines Hochzeitsmarsches in die Stadt ein. Ein dreifaches Spalier neugieriger Gaffer mußte ich passieren und ich war froh, als ich mit den jungen Leuten im Hanse des Dajan Reb Hirsch einkehrte, wo wir an einem langen Tische Platz nahmen. Alsbald kam der Belfer, stellte einen Teller auf den Tisch uub mit komisch feierlicher Miene sprach er, nachdem er durch einen Schlag ans den Tisch Ruhe geboten, die Worte: 0 h rr 8 8 6 n doime 15 m e 1 e c li, Schatz!*) „Ich und alle jungen Leute legten größere Beträge auf den Teller, der Belfer strich das Geld mit den Worten ein: ,E i n sehr lener nnd hochgeschätzterBräutiga m*, worauf er Likör und Backlverk brachte, woran sich die Jünglinge gütlich taten, während ich als Bräutigam, ebenso wie die Braut, bis nach dem Hochzeilsfeste fasten mußte. Nach einiger Zeir, die wir mit Talmuddispntationen verbrachten, kamen der Stadtrabbiner und der Chasan sowie die Beistände zu meiner Begrüßung herein, ich wurde mit dem Sterbehemd, dem Kittel, bekleide: und der Marschalik führte mir in einer gereimten Ermahnung, die mit Exempeln uub Bibelsprüchen ausgestattet war, die Bedeutung des Schrittes vor Augen, den ich nun zn machen mich anschicke. Die Beistände hielten dabei brennende Habdalas**) in Händen nnd ich schluchzte lant, was sehr wohlgefällig ausgenommen wurde, denn Tränen am Hochzeitstag bedeuten Glück. Mir aber brachten sie keines!- „Endlich wurde ich zur Braut geführt. Dort empfing mich die Schwiegermutter nnd überreichte mir ein weißes Seidentuch, das ich über Kopf nnd Gesicht der Braut legte, die gleichfalls ganz in Tränen aufgelöst war; die anwesenden Frauen aber bewarfen mich mit Hopfenblüten — das ist so Sitte. Unter den Klängen der Mnsikbanden rangierte sich dann der Hochzeitszug, die tiefverschleierte Braut mit den Beiständen voran; vor dem Bethanseingange fand daun die Trauung unter freiem Himmel und unter dem üblichen Zeremoniell statt, worauf die Verwandten einander gratulierten nnd küßten und dann in geschlossener Kolonne nach Hanse tanzten. — ..Nicht wahr, junger Freund, bis uun ist Ihnen alles im rosigsten Lichte erschienen? Auch mir schien alles glänzend zu sein. Nun aber folgt der Tragödie zweiter Teil. Ich muß Ihnen aber früher einen Einblick in die galizischen Verhültnisfe jener Zeit gewähren, damit sie den plötzlichen Gesinnungswechsel verstehen und begreifen. (Fortsetzung folgt.) *) „Der Bräutigam, der heute in seiner Pracht einem König gleicht, soll nun abgeschätzt werden." ^Die Bedeutung des Wortes „Schatz" ist nicht ganz klar. Es kann auch „Silentium, Stille" heißen, oder, der Bräutigam soll sür ihn. den Bester, zum Schatz, Reichtum werden.) **) Geflochtene Wachskerzen.