Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Die Wahrheit. Sete 9. Feuilleton. ßßaim'l Iziendovry. Ein Kulturbild aus dem Osten von Oberkantor M.A. Landau, Wr.-Neustadt. „Sie, Herr, gehen Sie ja nicht weiter! Dort liegt Reb Simche Schneider, der Lamedwaw-Zaddik.*) Haben Sie gehört, oder nicht?" Mit diesen kreischenden, schreienden Worten wnrde ich bei meinem ersten Besuche des alten Krakauer Jndensriedhofes in der Hohen Gasse begrüßt. Ich blieb ein wenig betroffen beim Eingänge, wo sich das Bethaus des berühmten .Rabbi Moses Jsserles, die „Remaschnl", befindet, stehen und sah nach dem Manne, der die Ruhe dieses 600 Jahre alten „guten Ortes" zu stören wagte. Da saß eine erbärmliche Gestalt auf einem von Gras überwucherten Hügel und hielt zwei große Steine drohend empor, gewillt, sie jedem nachzuschleudern, der etwa seinem Befehle zuwiderhandeln sollte. Seine defekte Kleidung, der alte, zerdrückte Zylinderhnt, das lange, fliegende Haupt- und Barthaar ließen ihn noch schrecklicher erscheinen. Der Friedhosdieuer, der mich begleitete, wies ihn mit erhobener Hand zur Ruhe, so daß er zwar die Steine fallen ließ, aber noch immer seine wildrollenden Augen auf mich gerichtet hielt. „Wer ist der Mann?" fragte ich etwas unruhig meinen Begleiter. „Chaim'l Dziendobry," antwortete dieser in einer Monotonie, als ob er seine Erklärungen herunterleiern würde: „Hier liegt der heilige R e m a, hier der unglückliche Reb Lippmann Heller, der Tossesoth Jomtob, hier der Märtyrer Reb Simchali Schneider, .der für seine unschuldig angeklagten Brüder eingesprungen" . . . „Chaim'l Dziendobry?" fragte ich erstaunt. „Das kann doch kein Name sein? Dziendobry heißt doch soviel wie guten Tag?" „Ich weiß darüber wahrlich keinen Aufschluß. Solang ich lebe, kenne ich ihn, ohne zu wissen, woher er stammt und wer er sei. Die Kinder gaben ihm wahrscheinlich diesen Spitznamen und jetzt heißt er allgemein so." „Aber, wovon lebt er? Wo wohnt er?" fragte ich wieder, da mich diese Jammergestalt zu interessieren begann. „Chaim'l Dziendobry bedarf keiner Ragoutsuppen und keiner Schnitzel, eine harte Brotrinde, einige Erdäpfel oder ein Glas Tee, das genügt ihm. Im Winter schläft er hier im Bet- Hause auf der Ofenbank und seinen Sommeranfenthalt verbringt er ans diesem Hügel da. Er betritt manchmal die Gasse, aber das Spottgeschrei der Kinder treibt ihn hieher zurück." „Warum wird er nicht in ein Krankenhaus gebracht oder in ein Versorgungshaus. Er macht auf mich den Eindruck eines Geisteskranken." „Aber, Herr, er war ja schon im Irrenhaus in der Kopernikusgasse, dort behaupteten die Aerzte, daß er vernünftiger sei als mancher der Gescheitesten; int Altenhans am Kazymierz wollte er auch nicht bleiben; so läßt man ihn schließlich hier, da er harmlos ist." Ein merkwürdiger Fall, dachte ich. Sicherlich kein Alltagsmensch. Da dürften Schmerzen und Enttäuschungen vielleicht einen blühenden Menschen so gebrochen haben. Wie wäre es, wenn ich den Versuch wagte, ihn selbst um seine Schicksale Zn fragett? Chaim'l saß jetzt ruhig da, den stark ergrauten Kopf in die Rechte gestützt. Als ich mich aber näherte, da nahm er wieder seine drohende Haltung ein. Vergebens suchte mich mein Cicerone zurückzuhalten; schon stand ich vor Furcht zitternd und bleich vor dem Manne und fragte ihn fast schreiend: *) Es herrschte früher die Sage von den 36 (■£>) Frommen, die vermöge ihrer Verdienste ums Judentum und ihrer Gottergebenheit nach dein Tode noch Wunder wirken und ihren Willen durchsetzen könnten. Auch Reb Simche Schneider wurde von vielen unter die Zahl dieser Auserlesenen gerechnet; das Betreten seines Grabes war einem „Unwürdigen" nicht gestattet. „Herr, wer sind Sie denn?" Chaim'l hatte sich wieder ruhig niedergelassen. „Warum so aufgeregt, junger Mann?" Diese schlichten, mit einem sarkastischen Lächeln vorgebrachten Worte trieben mir ob meines früheren Tones die Schamröte ins Gesicht. Nein, das war kein Geisteskranker. Trotz des dichten grauen Haares, das sein Antlitz verdeckte, konnte man noch ein edles, intelligentes Profil erkennen. Buschige Brauen schatteten die schönen, großen Augen, die jetzt mit ruhigem, gutmütigem Ausdruck auf mich gerichtet waren. Ich faßte Zutrauen zu dem ehrwürdigen Greise und lauschte aufmerksam seinen Worten. „Fürchten Sie nichts; ich habe noch niemals belogen und betrogen, ich habe niemals gewuchert, niemand entführt; allerdings spiele ich auch nicht öffentlich den Wohltäter und Ehrenmann. — Glaubten Sie wirklich, ich sei geistesgestört? Ja, ja, das ist das angehende zwanzigste Jahrhundert. Wer abseits vom Weltgetriebe seine Ruhe sucht, über das Vergangene nachdenkt, das Ehrliche und Unverfälschte liebt — der ist ein Wahnsinniger. Diejenigen aber, die ganz borniert sind, die sich in den Boudoirs der Halbweltdamen, bei Primadonnen und Balletttänzerinnen herumtreiben, die sind tonangebend, das finb die Gesetzgeber, das sind die Weltenstürmer!" Nun war ich ganz verblüfft und erstaunt; mir schien es, daß ich einen Diogenes redivivus vor mir habe. Es bedurfte keiner besonderen Kenntnis der Psychologie, um aus diesen bitteren, satyrischen Worten den stark enttäuschten, vielgeprüften Mann zu erkennen. Ich ließ mir keine Zeit znm Nachdenken, wollte ich doch den alten Mann und seine Schicksale um jeden Preis kennen lernen. Da hatte ich zweifellos ein lebendes Stück galizischjüdischer Geschichte vor mir; das mußte gerettet werden, damit es nicht mit dem Alten iits Grab sinke. Mir demütigem Tone fragte ich daher den Greis, ob er mir erlaube, neben ihm Platz zu nehmen. „Nein, nein, das dürfen Sie nicht. Sie sind das Sitzen auf der kalten Erde nicht gewohnt. Aber sagen Sie mir, warum wollen Sie nicht lieber Ihren Weg fortsetzen und die Denkwürdigkeiten dieses Friedhofes besichtigen, deshalb sind Sie ja wohl hierhergekommen?" ..Ganz gewiß, mein Herr. Aber auch Saul ging etwas anderes suchen und fand Propheten, fand eine Krone; — mich interessiert jetzt nichts mehr." „Also, ich bin nun der Gegenstand Ihres Interesses? Nicht wahr, junger Mann? Das sollte mich vielleicht freuen. Aber bei diesem elenden Dasein habe ich mir jede Frettde abgewohnt. Freude, Lust — diese Gefühle sind mir fremd. Rache, nichts als Rache"-jetzt schrie er mit wildem Gesichtsansdrnck, daß ich zurückwich. „Lachen will i ch, l a ch e n. tu e it n d i e a tt d e r e n weine n." Ein heiseres Lachen ließ mich erzittern. Aber bald saß er wieder apathisch da. Ich wagte, ihn wieder anzusprechen. „Verzeihen Sie. mein Herr. Dürfte ich Sie bitten, mir die Ursache dieser Erbitterung mitzuteilen? Es ist keine Rengierde, aber lernen möchte ich aus der reichen Erfahrung eines ehrwürdigen Greises. Das Leben erheischt viel Erfahrung, will man nicht ins Unglück geraten." „Richtig, ganz richtig. Auch ich war unerfahren,' auch ich habe dafür gebüßt. Aber nicht jetzt, nicht hier sollen Sie alles hören. Denn es ist viel, sehr viel! Ein reiches Leben, reich an Bitternissen, reich an Unglück. Kommen Sie, junger Freund, nach dem Abendgottesdienst hieher in die ,Remaschull, da will ich Ihnen meine Lebensgeschichte erzählen. Es ist mir schon lange kein Mensch so begegnet wie Sie, so will ich denn Ihren Wunsch erfüllen. Auch mir wird es eine Erleichterung sein. Haben Sie keine Angst vor dem .meschuggenen- Chaim'l Dziendobry, er tut niemand was zuleide." Er reichte mir die knochige Rechte, die ich herzlich drückte; dann entlohnte ich den Friedhofdiener, der noch ganz verblüfft dastand, ttnd ging. Ich wttßte, daß mir ein interessanter Abend bevorstand. (Fortsetzung folgt.)