Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 33 Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung. Seite 9. Denkwürdige raddiuische Aussprüche Wir werden um Aufnahme des nachstehenden Eingesendet ersucht, wobei der Einsender hervorhebt, daß er für die vollste Wahrheit der angeführten Aenßernngen einsteht. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatteu Sie, daß ich, in Erwägung der derzeitigen Bewegung in Kantorenkreisen, im Interesse des Judentumes die folgenden Aeußernngeit in Ihrem geschätzten Blatte zur Diskussion stelle: Herr Rabbiner Dr. D i a m a n t, Vukovar: „Die Kantoren sind keine SchelicheZibbur. Der Schnlchan Aruch, der sie so nennt, ist nicht maßgebend." Herr Rabbiner Dr. Schick, Karlstadt: „Das Boranschreiteu des Kantors bei den Umzügen im Tempel, ist mit dem Boranschreiteu der Pferde zu vergleichen, die Kantoren sind also „die Pferd e." Herr Rabbiner Dr. Drobinski, Friedek-Mistek: 1. „Ich halte es unter meiner Würde, ein Gebetstück im Tempel singend vorzutragen, weil die Kantoren singen. 2. „Die Kantoren wollen den gesetzlichen Schutz des Titels Kantor? Mit demselben Rechte können dies die Seiltänzerinnen beanspruchen." 3. „Die Rabbiner Oesterreichs bemühen sich die Kumulation des Kantorates mit dem Sekretariate zu verhindern, weil sich die Kantoren dadurch ihre Stellung befestigen." Ich ersuche Sie höslichst, über diese interessanten Lehren dreier Lehrer in Israel in Ihrem werten Blatte die Debatte .zu eröffnen. Mit vorzüglichster Hochachtung Oberkantor David Meisel. K a r I st a d t, den 16. August 1908. Der Ansicht des Herrn Einsenders, über die vorstehenden Aenßernngen eine Debatte zu eröffnen, können wir uns nicht anschließen. Die genannten Herren Rabbiner, die die Würde ihres Amtes so weit herabsetzen, daß sie über Funktionäre des jüdischen Gottesdienstes und deren Bestrebungen ein solch gehässiges und erbärmliches Ul teil abgeben, sind durch die Veröffentlichung ihrer Aenßernngen genügend gerichtet. Die Kantoren tuen am besten, über derlei Schmähungen, die gewiß auch in Rabbinerkreiseu höchst peinlich berühren unb entschiedene Mißbilligung finden werden, mit stillschweigender Verachtung hinwegzugehen. Aber die bedauerliche Tatsache enthält doch einen Fingerzeig, wie überaus notwendig es ist, daß die Kantoren einmütig znsammenstehen und mit aller Energie ihre Bestrebungen zur gesetzlichen Anerkennung ihrer Stellung im jüdischen Gottesdienste verfolgen sollen. Die alte Wevezin. Von Ernestine Strelisky-Hamburg. (Fortsetzung.) Die Rebezin annvortete nicht, aber sie wurde sich in dem Momente bewußt, Schweres war von ihr abgefallen; sie strich mit ihrer Hand, die leicht zitterte, wie segnend über Mirjams blonden Scheitel hin und trat ins Haus. Auch in der Stube, hell und licht, der ganze Raum von goldigem Sonnenschein durchflutet, und sie allein falsis, empfand im Innersten ihrer Seele, Frau Sorge — war ans diesem Raum verschwunden. „So Gott will," dachte sie mit einem befreiten Aufatmen, „für alle Zeit." Und jetzt ganz plötzlich stieg ein Gefühl der Dankbarkeit in ihr empor für denjenigen, dem sie dieses erlösende Aufatmen verdankte, und zugleich — zu ihrem eigenen Erstaunen — überkam sie etwas wie die Erkenntnis, daß es auch einen modernen Jichns gäbe, unabhängig von jenem durch Gelehrsamkeit erworbenen und vererbten, im Judentum einzig giltigen, den sie bis nun anerkannt hatte, einen Jichus, von der jeweiligen Persönlichkeit eines Menschen beginnend und ausgehend. Solch ein Mensch war Stahlberg, sagte sie sich — und jetzt znm erstenmale seit den letzten Stunden ffog es wie ein Heller Schein über ihr Gesicht. Nach einiger Zeit herrschte in Rebezins kleinem Reiche ungewöhnlich rege Geschäftigkeit. Die tägliche Arbeit mußte rascher, eiliger wie sonst abgetan werden. Daun saßen Mirjam und ihre Schwestern emsig säumend Stich um Stich an dem glänzend weißen Damast „zu Tafelgedecken bestimmt", wie sie stolz jedem, der da kam und bewunderte, erzählten, bestickten winzige Tüchelchen mit allerlei Arabesken, steppten, stichelten tagein tagaus mit Lust und Liebe darauf los, daß es eine Freude war, ihnen dabei zuzusehen. Die Rebezin aber hatte noch einen ganzen Stab von Näherinnen, den sie beschäftigte — und nicht allein Näherinnen — die meisten armen Frauen des Ortes wußte sie in irgend einer Weise mit heranzuziehen. Und ein in diesem Hause kaum je gesehener Gast, „Schneidermeister" — aus eigenen Gnaden — Reb Jainkel Kurzmantel, ging jetzt ans und ein, hielt fast täglich Anproben, schätzte, prüfte nnausgesordert den Wert und die Qualität der schweren Seiden- und buntfarbigen Wollstoffe, blähle sich vor Vergnügen und Stolz, wenn seine elenden Machwerke in den Angen dieser Kundschaft viel Gnade fanden, die hellklingenden Ausrufe der Bewunderung sein Ohr umschmeichelten. All das Treiben war Keinem verwunderlich noch ausfällig, war doch die älteste Tochter des Hanfes längst erwachsen und jede ihrer Schwestern um weniges jünger, folglich höchste Zeit, um für alle mit den Aussteuern zu beginnen.- Zur selben Zeit, da im Hause der Rebezin so wacker und fröhlich geschafft wurde, fast täglich bald größere bald kleinere Sendungen aus Wien eintrasen, wurde auch bei Stahlberg ein aus Wien angelangtes Paket unter Postnachnahme abgegeben. Stahlberg wußte zwar ganz genau, daß er nichts bestellt hatte, aber er dachte an die Bestellungen der Rebezin — da konnte irgend ein Irrtum in einem Geschästshause unterlaufen — und ließ den Betrag, der zu seiner Verwunderung höchst gering war, anszahlen. Etwas neugierig öffnete er selber das umfangreiche Paket — und siehe da — ans einem Karton unter Glas, den ein schöner Goldrahmen nmspannte, eine Anzahl photographisch ansgenvmmener Gestalten. Die Ueberschrift lautete: „Gidole Jisroel“ (Größen Israels^. Stahlberg hatte diese Art Porträts noch nie gesehen gehabt und 'war nicht wenig erstaunt, wer in aller Welt gerade auch bei ihm Interesse für diese Größen Israels vorausgesetzt, gerade ihn mit diesen Konterfeis zu beglücken gedacht haben konnte? Doch als er znsah und die Namen, die unter jedem einzelnen standen, zu studieren begann, hätte er laut ausgelacht, er gestand sich, froh und fröhlich hätte er lachen mögen. Das sah ihr ähnlich, der alten Rebezin — woraus diese Frau verfiel! Ihre Ahnen waren es ment — nicht gerade sechzehn an der Zahl — der Sohn — des Sohnes — so sich wiederholend, wie die Namen derer ans dem Geschlechts der Elkanaß — Ben Tohi, Ben Zis — Namen, die der Raw trug — Namen, wie der Familienname der Rebezin lautere — den Empfang ihrer Sendungen batte sie also sozllsagen von ihren adeligen Vorfahren persönlich quittieren lassen. „Fürwahr, das war eine geniale Idee von ihr!" ries Stahlberg freudig ans und ließ das Bild sofort über seinen Schreibtisch anbringen. Und merkwürdig, dieser Selfmadman, der in Hellen Zorn geraten konnte, wenn die Leute aus Zichns soviel Wesens machten — er verlor sich jetzt oft in stillen Abendstunden ganz im Anschanen dieses Bildes, dieser Physiognomien und ein eigenartiges Empfinden überkam ihn dabei, das zerlegen er sich bemühte — wie die Nachwelt — auch die Mitwelt — viele von ihnen waren noch am Leben, wie er wußte — diese Menschen ehrte, daß man ihre Bilder wie die Bilder von Königen ansstellte — daß sie gekauft wurden — und jedesmal mußte er dabei denken, welch tiefen, sonderbaren Eindruck es aus ihn zu machen pstegte, wenn er im Wiener Bnrgtheater einer Ansführung der Jphigenia beiwohnte und diese stolze Tochter Agamemnons, als hätte sie es auf ihn abgesehen, die großen Worte sprechen hörte: ..Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, der froh von ihren Taten, ihrer Größe, den Hörer unterhält und still sich freuend ans Ende dieser schönen Reihe sich geschlossen sieht." (Fortsetzung folgt.)