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Die Wahrheit · 1908-08-07 · Heft 31 (7.8.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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«Leite 6 Die Wahrbett Nr. 31. - Dieser Gedanke kommt in folgendem Schreiben an die mährischen Gemeinden zum Ausdruck: An die Ehrs. Jsr. Gemeinden Mährens. Geliebte Brüder! Das Ereignis der Thronbesteigung unseres vielgeliebten Kaisers Franz Josef I. hat gewiß Eller Aller Herzen mit heißen Wünschen nm Heil und Segen für das erhabene Haupt des neuen Landesvaters erfüllt. In jeder Hütte sind gewiß die innigsten Gebete zum Lenker der Geschicke aufgestiegen, daß Er dies neue Ereignis reich allen Heils und Segens für das gesamte Vaterland werden lassen möge, ans daß Kind und Kindeskind den Tag noch segllen werden, an dem Franz Josef den Thron seiner Väter bestieg, und die heiligen Verheißungen der Freiheit und Gleichheit aller Staatsgenosfen als ersten Vatergruß seinen Völkern brachte. Gewiß habt Ihr auch diesen Regungen Euerer Herzen bereits im feierlichen Gottesdienste den öffentlichen Ausdruck gegeben. Von einigen Gemeinden bin ich jedoch mit der Frage angegangen worden, ob es nicht recht wäre, diesem einhelligen Gefühle der jüdischen Bewohner Mährens auch noch durch eine feierliche Depittation derselben vor dem Throne Seiner Majestät einen besonderen Ausdruckzu leiheu, deren Wortführer ich sein sollte. So ehrend es für mich sein würde, der Bote Eurer loyalen Gesinnungen an den vielgeliebten Landesvater zu sein und so sehr ich der wohlwollendsten Aufnahme Euerer Sendung gewiß fein dürfte, so scheint mir doch eine solche besondere Deputation der Mährischen Judenschaft als solcher nach meiner innersten Ueberzeugung ein ungeziemender, dem von ims anzustrebenden und durch kaiserliche Verheißung verbürgten Ziele der Gleichberechtigung widersprechender Schritt zu sein, der leicht von unseren nichtjüdischen Staatsbrüdern selbst als Anmaßung verkannt werden dürfte. Wir wollen nichts besonderes fein im Staate, wollen gerne in die Gesamtheit aller Staatsgenossen ausgehen und keiner besonderen Vertretung als solche bedürfen. Nur religiös bilden wir eine Genossenschaft wie die anderen Konfessionen im Vaterlande, aber in jeder staatlichen Beziehung dürfen und wollen wir nicht als besondere Körperschaft hervortreteu. Es wäre dies eine Verleugnung des ganzen Prinzips unserer Zukunft, eine ganze. Verkennung der Zeit und ihrer Aufgabe. Tatsächlich sind wir ja a u ch g a n z i n d i e Gesamtheit des Landes a u f g e g a u g e n, der hohe mährische Landtag, der die gesamte Provinz vertritt, ist nach dem Gleichheitsprinzipe ebenso von den jüdischen als nichtjüdischen Landesbewohnern gewählt, seine Mitglieder vertreten uns nicht minder als alle Söhne des Landes. Der hohe mährische Landtag hat sofort nach der Thronbesteigung unseres vielgeliebten Kaisers die Huldigung des ganzen Landes und den Ausdruck der Treue und Anhänglichkeit desselben an Fürst und Vaterland dargebracht. In diesem Ausdrucke waren auch die jüdischen Mährer vertreten wie jeder andere Sohn der Provinz; wie ungeziemend wäre es nun, wenn wir in diesem Gesamtausdrnck uns nicht mitbegreifen wollten und nochmals als besondere Gesamtheit, als gesonderte Körperschaft vor den Stufen des Thrones erscheinen wollen. Nur wo die andern verschiedenen Konfessionen des Vaterlandes als besondere religiöse Genossenschaften auftreten, da dürfen auch wir als solche erscheinen, aber als Bürger des Staates, als Söhne des Landes dürfen und sollen wir uns nie sondern. Ich habe mich verpflichtet gehalten, Euch meine Beweggründe in dieser Angelegenheit offen darzulegen, um sie vor Verkennung und Mißdeutung zu schützen und Euch nach meinen geringen Kräften das zu raten, was allein nach meiner innersten Ueberzeugung unserer Ehre, unseren Hoffnungen, unserem Streben und dem Bande der Einigkeit und Einheit entspricht, das wir so gerne um uns und alle Landesbrüder zu allgemeinem Segen und Heile geschlungen sehen möchten. Nikolsburg, den 26. Dezember 1848. Fortsetzung folgt. Das Keben und Wirke» der Inden in Oesterreich in vormärstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sirtengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Das Studium des Talmuds galt in früheren Zeiten nicht nur für die vortrefflichste Gymnastik des Geistes, sondern auch für die heilsamste Beschäftigung,- die sowohl einen geistigen, als einen materiellen Nutzen dem Menschen zu verschaffen imstande sei. Die jüdischen Gemeinden Oesterreichs haben daher für die Erhaltung der Jeschiba bereitwilligst die größten Opfer gebracht. Die mährischen Judeligemeiuden waren sogar statutengemäß verpflichtet, für die Erhaltung der talmudischen Hochschulen Sorge zu-tragen.*) Die diesbezüglichen Paragraphe in den „Schai Tekanot“ lauten also: § 1. Jede Gemeinde, die dreißig steuerzahlende Mitglieder hat, ist verpflichtet, einen Rabbiner zu halten, der talmudische Vorträge hält. Die „Jeschiba" darf nicht weniger als sechs Backuriin (Studenten) mit sechs Zöglingen, „Nearim44, haben. Der Student erhält wöchentlich 4 Pagim (Böhm), der Zögling, „Behelfer", der die anderen zu beaufsichtigen hatte, 7% Kreuzer „Tral" und eilt gewöhnlicher Zögling etlvas iveniger. § 2. In der Gemeinde ist es Pflicht des Vorstandes, im Vereine mit dem Rabbiner und Kreisvorsteher, Bosch hagahl“, einen Voranschlag für die Aitfschaffnng der Geldmittel und die Verköstigung der Schüler an Sabbathen und Festtagen zu entwerfen. § 3. Jede Gemeinde, in deren Mitte eine Jeschiba sich befindet, ist verpflichtet, die Bachurun im Wintersemester bis zum Neumond Adar (eventuell Adar scheni) und im Sommersemester bis zum Neumond Elul zu verpflegen. In den Ferien aber werden die Bachurim nach jenen Gemeinden geschickt, die keine Jeschibvt erhalten, und zwar ist es Aufgabe des Kreisvorstehers, sie auf die einzelnen Gemeindeit nach seinem Gutdünken zu verteilen. Die Bachurim müssen auch dort täglich lernen, und wenn daselbst ein Rabbiner oder irgend ein Talmudgelehrter ist, so hat dieser sie mittlerweile zu unterrichten. § 4. Am Pessach- und am Snkkotfeste muß man für die Erhaltung der Jeschiba in allen Gemeinden eine Kollekte veranstalten, und die auf solche Weise gesammelten Gelder sollen jenen Gemeinden, die Jeschibvt halten, zugeführt werden. Zwei Kreisvorsteher haben die Verteilung zu veranstalten. § 5. Wenn in einem Kreise weniger Jeschibvt als in einem andern sind, so muß ein Teil der Bochurim aus diesem in jenen gewiesen werden, wenn es schwer fällt, diese von einer größeren Zahl von Bachurim besuchte Jeschiba kräftigst zu uitterstützen. § 6. In jeder Gemeinde ulüssen wenigstens zwei „Gabbaim44. Kassiere, gewählt werden, die die Beiträge zur Erhaltung der Jeschiba zu übernehmen und sie an die Bachtirim auf Vorschlag *) Wie viele „Jescliibasu-£almnbid}ulen, ja, wie viele konfessionelle Volksschulen gibt es jetzt — Ungarn und Mähren ausgenommen — in Böhmen und Schlesien, Ober- und Niederösterreich, Steiermark, Salzburg und Tirol? Waren es nicht gerade die für Assimilation schwärmenden Vorsteher, di? die in Böhmen seit Jahrhunderten bestandenen jüdischen konfessionellen Schulen ausgelöst haben? Wie viele Existenzen sind seit zehn Jahren durch die Auflösung der konfessionellen Schule, dieser kräftigsten und mächtigsten Säule des israel. Religionsgebändes, „Talmud Thora kneged kullom“, zerstört worden? Wie viele verdienstvolle Lehxer mußten, weil man, angeblich um den Antisemitismus bekämpfen zu können, sich gezwungen (?) sah, die Schule aufzulösen, ohne Pension und ohne Altersversorgung zum Wau der st ab greisen? Und was hat diese Assimilationsjucht dem Judentume genützt? Hat nicht vielmehr der Antisemitismus inzwis-chen riesige Fortschritte und das geistige ideale Judentum gewaltige Rückschritte gemacht? Wohl ist es im Laufe der letzten Jahre so manchem Machthaber, Bosch -haköhol. gelungen, sich in nichtjüdischen Kreisen irgend eine Ehrenstelle zu ergattern,; welchen Nutzen aber bringen diese „Ansnahmsjuden" oder „Paradejuden" dem Judentume? Ach, gerade diese Emporgeschwnngenen Pflegen, sobald sie da droben sitzen, mit Geringschätzung und Verachtung auf diejenigen herabzublicken, aus deren Schultern sie sich emporgearbeitet haben, und werden hochgradig nervös, so man sie an ihre Herkunft und Abstammung erinnert.

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